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StartseiteBüchermarktDer Roman als Resonanzraum11.02.2021

Bernardine Evaristo: „Mädchen, Frau, Etc.”Der Roman als Resonanzraum

Mit "Mädchen, Frau, Etc." gelingt der Booker-Preisträgerin Bernardine Evaristo ein Roman, der danach fragt, was die Literatur vermag. Zwölf miteinander verwobene Frauenschicksale spinnen eine alternative Geschichte Großbritanniens. Ihre verschränkten Perspektiven spiegeln zudem den Blick der Leser.

Von Anna Auguscik

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Die britische Schriftstellerin Bernardine Evaristo (IMAGO / PA Images)
Die britische Schriftstellerin Bernardine Evaristo (IMAGO / PA Images)
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Vorhang auf. An einem Abend zum Ende des letzten Jahrzehnts wird am Londoner National Theatre ein Theaterstück uraufgeführt. Das Stück trägt den Titel "Die Letzte Amazone von Dahomey". Eine afrikanische Kriegerin blickt darin auf ihr Leben zurück. Noch im 19. Jahrhundert war ihresgleichen weit über die Grenzen des heutigen Benin so angesehen wie gefürchtet. Die Autorin des Stücks, Amma Bonsu, ist selbst eine Kämpferin der Künste, die das Londoner Theaterestablishment aufrütteln möchte.

Amma ist die erste von rund einem Dutzend Protagonistinnen, denen wir in Bernardine Evaristos Roman "Mädchen, Frau, Etc." begegnen. Die Premiere bewegt die meisten von ihnen dazu, ihr eigenes Leben Revue passieren zu lassen. Ihre miteinander verwobenen Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichten durchziehen das ganze 20. Jahrhundert. Auch räumlich schwappen ihre Leben über die Grenzen Londons hinaus, nach Nordengland, Nigeria, in die Karibik und die USA. Evaristos Roman durchmisst die Geschichte Englands als sukzessive postkoloniale Befreiungsbewegung, die Fragen von Gender und Race, und sogar den Brexit thematisiert.

Hybride Erzählformen

"Mädchen, Frau, Etc." ist ein feministischer Roman, ein Roman über das multikulturelle London, aber auch ein Roman, der noch vieles mehr kann. Die Geschichten der Frauen werden nämlich in einem Hybrid aus Vers und Prosa erzählt. Das Poetische lädt ihre individuellen Erfahrungen als eine Kollektive auf. Die komplexen Figuren stehen allegorisch für ein ganzes Jahrhundert Großbritannien, das uns nur deshalb als alternative Geschichte anmutet, weil diese weibliche, schwarze, lesbische Perspektive eine ist, die bislang nicht oft als Teil des britischen Selbstverständnisses gewählt wird.

Wie ihre Theaterfigur so blickt am Anfang des Romans auch die 50-jährige Dramatikerin Amma auf ihr Leben zurück. Als schwarze Frau im männlich dominierten Londoner Theatergeschäft hat Amma so manche Schlacht gekämpft. Als lesbische Frau erinnert auch sie sich an ein ganzes Bataillon an Geliebten.

Amma fürchtet die Kritik

Mit der Beschreibung ihrer romantischen und sexuellen Errungenschaften räumt sie nicht zuletzt mit dem Vorurteil auf, Frauen würden in der Liebe zu anderen Frauen nur Heimat und Harmonie suchen, geschweige denn finden. Nun selbst im Mainstream angekommen, muss Amma den Höhepunkt ihrer Karriere vor sich selbst und vor ihren Weggefährtinnen rechtfertigen. Sie hat sich an den Platz am Rand der Theaterszene gewöhnt, er ist Teil ihres Selbstverständnisses. Trotz ihrer rebellischen Natur hat Amma an der Schwelle zum Theaterolymp Angst, von der Kritik zurückgewiesen zu werden: 

"Beinahe vierzig Jahre voller Premieren, und sie macht sich immer noch
ins Hemd was, wenn sie verrissen wird? wenn sie nur Ein-Stern-Bewertungen
bekommt, was hat sich das große National Theatre bloß dabei gedacht,
sich diese hundsmiserable Hochstaplerin ins Haus zu holen?
ach, halt die Klappe, Amma, du bist ein altgedientes Schlachtross,
schon vergessen?"

Die britische Schriftstellerin Bernardine Evaristo und ihr Buch „Mädchen, Frau, Etc.“ (Foto: IMAGO/PA Images, Buchcover: Tropen Verlag/Klett-Cotta)Die britische Schriftstellerin Bernardine Evaristo und ihr Buch „Mädchen, Frau, Etc.“ (Foto: IMAGO/PA Images, Buchcover: Tropen Verlag/Klett-Cotta)

Ein changierender Text

Immer nah an den zwölf Frauen erzählt, changiert der Text geschickt von der Innen- zur Außenperspektive. So werden die Figuren zu Resonanzräumen, die sich gegenseitig hinterfragen und kritisieren. Ammas 19-jährige Tochter Yazz, die ihre Hautfarbe genauso wie ihren Afro mit einer größeren Selbstverständlichkeit trägt, blickt kritisch auf ihre Mutter. Sie urteilt nicht nur als Zuschauerin über das Theaterstück, sondern auch über Amma selbst. Ihr Bild von Amma lässt diese deutlich verletzlicher aussehen, als es deren Selbstbild zugelassen hätte, es stellt zudem ihre Mutter-Tochter Beziehung auf den Kopf: 

"Yazz wünscht sich, das Stück wäre schon unter allgemeinen Lobeshymnen
über die Bühne gegangen und sie könnte es sich ansehen, nachdem
es schon für gut befunden wurde, das ist deshalb so wichtig, weil sie sich
nämlich mit den Auswirkungen herumschlagen muss, falls die Kritiker
es in die Tonne treten und Mum gefühlsmäßig in den Tobsuchtsmodus
gerät, was wochenlang andauern kann – nach dem Motto, die Kritik mit
ihrer Komplettignoranz für das Leben Schwarzer Frauen sabotiere ihre
Karriere, das hätte ihr großer Durchbruch nach vierzig Jahren heftigster
Maloche werden können, blablabla ...
und wer darf dann wohl am Telefon hängen und sie wieder vom Boden
kratzen? Sie ist Mums emotionale Stütze, das war sie immer und wird es immer bleiben."

Doch auch die Perspektive von Yazz wird wieder von anderen Frauen korrigiert. Dies wiederholt sich in weiteren Kombinationen von Müttern und Töchtern, Freundinnen und Geliebten, Lehrerinnen und Schülerinnen, Hausbesitzerinnen und Haushälterinnen.

Spiegelungen und eine Binneninszenierung

So entsteht ein komplexes Netz prismatisch aufgefächerter Perspektiven, deren Summe einerseits einen ganzheitlichen Zugang erlaubt. Andererseits wird schnell klar, dass sich der so gewebte Text genau für dieses Netz interessiert, was dem Roman eine selbstreflexive Komponente verleiht.

Auch die die Reaktionen des Publikums auf Ammas Theaterstück versinnbildlichen genau dies. Nebst Kleidung, Frisur, Hautfarbe und sexueller Orientierung wird die Einstellung der Frauen zu dem Theaterstück Teil ihrer Identitätskonstruktion.

Mit dieser Fokussierung auf die Binneninszenierung – ganz im Sinne eines Shakespeare’schen Stücks-im-Stück – besetzt der Roman nicht nur eine ironisch reflektierte Position. Bernardine Evaristo wählt auch eine kluge Metaperspektive, die uns als Leser ebenso ins Zentrum der Aufmerksamkeit holt. Wie werden wir auf ihren Roman reagieren? Erkennen wir ihn als Ort der Begegnung? Und lassen wir zu, dass uns diese Begegnung verändert?

Evaristo überlässt die Entscheidung ihren Lesern und Leserinnen. Der versöhnliche Schluss des Romans, dessen Epilog mit dem Wort "Zusammensein" endet, spendet keinen Applaus für ein naiv harmonisches Miteinander, sondern für eine außergewöhnliche Begegnung mit Resonanzpotential.

Bernardine Evaristo: "Mädchen, Frau, Etc."
aus dem Englischen von Tanja Handels
Tropen Verlag, Klett-Cotta, Stuttgart. 512 Seiten, 25 Euro.

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