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StartseiteBüchermarktParanoia mit Palme05.09.2018

Bernhard Strobel: "Im Vorgarten der Palme"Paranoia mit Palme

Bizarre Kommunikationsstörungen spielten auch schon in den Kurzgeschichten des österreichischen Autors Bernhard Strobel eine große Rolle. In seinem ersten Roman steckt der wahre Feind nun abermals im eigenen Kopf. Denn hier grübelt sich der Romanheld erfolgreich in sein Kleinfamilien-Unglück hinein.

Von Wolfgang Schneider

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Buchcover: Bernhard Strobel: "Im Vorgarten der Palme" (Buchcover: Droschl Verlag, Foto:Imago Stock & People/Rupert Oberhäuser)
Die Vorgarten-Palme wird zur Projektionsfläche des gekränkten Bürger-Egos (Buchcover: Droschl Verlag, Foto:Imago Stock & People/Rupert Oberhäuser)
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"Herzlichen Glückwunsch, K.": Mit dieser Textnachricht auf dem Handy beginnt das Elend. Leidegger ist Vater einer Tochter geworden, und die knappe Nachricht stammt von einer früheren Partnerin. Ja, man kann Leidegger, die Hauptfigur des Romans, beglückwünschen. Der mittlere Angestellte hat geschafft, wovon manche seiner Kollegen noch träumen: Das Kleinfamilienidyll mit Ehefrau Martina, das Eigenheim in einem vorstädtischen Neubaugebiet mitsamt einer schönen Palme im Garten.

Ehekrise im Vorstadtidyll

Zu Leideggers Schrecken wird die ominöse Gratulation allerdings von seiner Frau mitgelesen. Er hat vergessen, sie zu löschen, und ausgerechnet dieses Mal hat Martina zu seinem fahrlässig auf dem Tisch abgelegten Telefon gegriffen. Aus den zweieinhalb Worten wuchert fortan das Misstrauen. Hat Leidegger noch Kontakt zu jener Frau? Hat er ihr geantwortet? Trauert er gar der vergangenen Beziehung hinterher? Das sind Fragen, wie geschaffen, um eine eifersüchtige Ehefrau auf die Palme zu bringen.

Aber auch wenn die SMS wie ein Spaltpilz wirkt, mit einem herkömmlichen psychologischen Beziehungsdrama um die Ex-Freundin ist Bernhard Strobels Roman keinesfalls zu verwechseln. Es gibt keine verheimlichte Beziehung; die Verfasserin der Nachricht bleibt eine Leerstelle. Es gibt nur diesen einen kurzen Satz als denkbar unscheinbaren Auslöser der Ehekrise. Die Störung der Kommunikation beginnt also nicht damit, dass Leidegger bei etwas Seitensprung-Ähnlichem ertappt worden wäre, sondern damit, dass er denkt, seine Frau würde denken, sie habe ihn ertappt - und er bestätige ihr dies durch das typische Verhalten eines Ertappten. Kurzum: Hier setzen ungute schleifenförmige Prozesse der Selbstbeobachtung ein, die unverkrampftes, spontanes Verhalten unmöglich machen.

"In Martinas Anwesenheit fühlte er sich wie jemand, dessen Schritte und Handlungen unter fortwährender Beobachtung standen, das machte ihn selbst zu seinem schärfsten Beobachter. Egal, was er tat oder nicht tat, sogar was er dachte, alles schien von einer überbewussten Warte aus vonstatten zu gehen, wie von einem hohen Aussichtsturm, einem Kontrollposten, als hätte er ein Teleskop auf sich selbst scharfgestellt. Jede seiner Tätigkeiten war von einer Aufmerksamkeit durchdrungen, die ihn anwiderte."

Die Kunst des Sich-selbst-ins-Unglück-Hineindenkens

Hier wird bereits deutlich, dass Leidegger ein Meisterschüler in jener Kunst des Sich-selbst-ins-Unglück-Hineindenkens ist, die der österreichische Kommunikationspsychologe Paul Watzlawick mit ihren Projektionen, Paradoxien und selbsterfüllenden Prophezeiungen einst in der berühmten "Anleitung zum Unglücklichsein" beschrieben hat. In Leideggers Kopf hört das Grübeln und Interpretieren jedenfalls nicht mehr auf. Während er die unscheinbarsten Regungen Martinas in seine paranoiden Auslegungsmanöver einbezieht, schafft er es nie, einfach mal ein paar klärende Sätze mit seiner Frau zu sprechen. Dieser Ehestreit wird fast ohne Worte geführt. Seine Bühne ist Leideggers Kopf, wo nun stattdessen jedes Husten, Singen, Zähneknirschen oder comichafte Schnauben Mitteilungscharakter erhält.

Krisenverstärkend kommt hinzu, dass Leidegger jeden seiner spärlichen Sätze gegenüber Martina als Fehlgriff empfindet. Das Unbewusste spielt ihm Streiche, wenn er etwa – anstatt kühl und strategisch zu formulieren – ungefiltert seinen Wunsch nach Versöhnung ausspricht. Es ist ihm, als gäbe es in seinem Gesicht eine "zweite fremde Mundöffnung", die ungewollt Verräterisches hinausschwätzt, eine Art "Mundparasit". Am Ende wagt er kaum noch, das Telefon abzuheben:

"Er würde nicht riskieren, einen Rückruf von ihr entgegenzunehmen. Wer konnte ahnen, was für unbedarfte Äußerungen der teuflische Mundparasit dann wieder zwischen seinen Lippen heraussaugen würde. Obendrein telefonierte er so gut wie nie, während er Auto fuhr. Ich werde nicht abheben, weil das Telefonieren am Steuer ohne Freisprecheinrichtung einen Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung darstellt, dachte er grinsend."

Skurrile Psycho-Komödie

Der Roman entwickelt sich zur skurrilen Psycho-Komödie, wenn er beschreibt, wie die Partner über die Bande kommunizieren. Etwa über das Baby, dem man sich demonstrativ zuwendet, das man sich gegenseitig aus den Armen nimmt, weil man es besser als der Partner zu beruhigen und zu betuddeln meint – wodurch man den anderen wieder ein wenig ins Unrecht setzen kann. Mindestens ebenso bedeutend wie der Säugling ist für Strobels verschrobenen Helden die Palme im Garten, deren Pflege er zur Chefsache erklärt. Denn immer fürchtet er, Martina könnte die Pflanze mehr oder weniger vorsätzlich ertränken. Und was muss er sehen, als er eines Abends von der Arbeit kommt?

"Mit nach hinten verdrehtem Kopf sah er durch die Heckscheibe, wie sie die Topfpflanzen in den großen Trögen und Bottichen goss… Die Palme! schallte es alarmierend in seinem Schädel. Er ließ das Seitenfenster herunter und rief, noch bevor er den Motor abgestellt hatte: "Nicht zu viel Wasser!" (…) Hätte er Martina nicht vor der Palme entdeckt, sondern sie lediglich beim Belästigen einer beliebigen anderen Pflanze ertappt, hätte er die Anweisung unterlassen. Warum nur goss sie die Palme? (…) Er hatte immer davon fantasiert, nach den langen Jahren in der Stadtwohnung eine Palme in seinem Garten stehen zu haben. Eine solche Palme war Leidegger jahrelang tagtraumähnlich vor dem geistigen Auge herumgetanzt, und sie war der erste Schritt in Richtung Paradies, den er gesetzt hatte. (…) Ich habe sie gebeten, die Palme nicht zu gießen, dachte er. Und was sehe ich, als ich nach meinem ersten Arbeitstag nach Hause komme: Sie gießt die Palme."

Irgendwann sitzt dann auch noch die Schwiegermutter im Garten. Für Leidegger stellt sich sogleich die Frage, ob es sich um eine gegen ihn gerichtete Konspiration handelt oder ob sich die ältere Dame als Alliierte für ihn selbst im unerklärten Ehekrieg eignen würde. Dann macht er sich aber erst einmal aus dem Staub – um später vorzuschieben, er habe eine Verabredung mit einem angeblichen "Kameraden" gehabt, mit dem er "früher in regelmäßigen Abständen Billard gespielt" habe.

Wer darf die Palme gießen?

"Der Sachverhalt, dass der Besuch der Schwiegermutter ihm von Martina verschwiegen worden war, durfte aus seiner Sicht eines juristischen Laien als Lüge bezeichnet werden. In der Folge dieser Lüge hatte Leidegger sich eine eigene Lüge zurechtgelegt und war davongeschlichen. Das waren die Tatsachen, und es durfte sich nicht ereignen, dass die Aufdeckung einer aus der Defensive entstandenen Gegenlüge zeitlich vor der Erstlüge erzwungen wurde."

"Erstlüge", "Gegenlüge": Es gibt viele solcher aberwitzigen und scheinjuristischen Formulierungen in Leideggers zwanghaften Räsonnements. Nicht zufällig firmiert als sein Vorname das Kürzel K. Eine gewisse Neigung ins Kafkaeske deutet sich an. Seine Angestelltentage verbringt Leidegger im Großraumbüro zwischen Akten, Bildschirm und Publikumsverkehr; seine Tätigkeit bleibt zwar abstrakt, aber wir erfahren, dass er sich als "Systemerhalter" begreift. Diese grundkonservative Disposition bestimmt auch seinen Charakter, weshalb er so überempfindlich auf jede Systemstörung reagiert.

Bernhard Strobels gelungener Debütroman bietet subtilste Alltagsbeobachtung an der Abbruchkante zum Wahn. Leidegger hat ein starkes Gefühl für das Unwirkliche und Scheinhafte seiner Existenz. Familie, Büro – alles nur Rollenspiele. Womöglich ist die ganze auf "Paradies" getrimmte Eigenheimwelt nichts als ein Theaterspiel auf einer Drehbühne, auf deren Rückseite ein apokalyptisches Szenario mit umgekipptem Palmenkübel wartet. Angst und Paranoia sind die ungebetenen Gäste in diesem Vorstadtidyll, und alle Rasenmäher und Motorheckenscheren können ihr Kreischen in Leideggers gepeinigter Seele nicht länger übertönen.

Bernhard Strobel: "Im Vorgarten der Palme"
Literaturverlag Droschl, Graz. 188 Seiten, 20 Euro.

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