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StartseiteDie neue PlatteAmerkanisch beschwingt oder europäisch ernst16.09.2018

Bernsteins drei SymphonienAmerkanisch beschwingt oder europäisch ernst

So groß der 100. Geburtstag von Leonard Bernstein weltweit gefeiert wurde, seine drei Symphonien wurden dabei wenig beachtet. Die neue Gesamtaufnahme von Antonio Pappano würdigt jetzt aber die emotionale Stärke dieser Musik. Auch wenn der Ansatz des Dirigenten nicht für jede der drei Symphonien aufgeht.

Am Mikrofon: Uwe Friedrich

Sept. 29, 2008 - LEONARD BERNSTEIN. JACK STAGER- PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAg49_ 20080929_gaf_g49_095.jpg Sept 29 2008 Leonard Bernstein Jack stager PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY ZUMAg49_ 20080929_gaf_g49_095 JPG (imago stock&people)
Leonard Bernstein als junger Dirigent (imago stock&people)

Im Bernstein-Jubiläumsjahr wurde und wird der amerikanische Künstler zu seinem hundertsten Geburtstag zwar als Dirigent, Komponist und Musikvermittler vielfach gewürdigt, seine drei Symphonien wurden dabei aber wenig beachtet, als seien sie nicht wichtig genug, um neben den Meisterwerken des 19. Und 20 Jahrhunderts bestehen zu können. Doch nun hat Antonio Pappano sämtliche Symphonien mit dem Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia eingespielt, deren künstlerischer Leiter er ist, und Simon Rattle hat zusammen mit den Berliner Philharmonikern und dem Pianisten Krystian Zimerman die zweite Symphonie "The Age of Anxiety" aufgenommen.

Reflexionen des Glaubens

Leonard Bernstein setzt sich in seinen Symphonien mit seinem jüdischen Glauben auseinander, geprägt von Zweifeln, finden sie aber schließlich zur Zuversicht. Die erste, "Jeremiah", vertont das Klagelied des biblischen Propheten Jeremia, auch in der programmatischen zweiten "The Age of Anxiety" findet einer der Protagonisten zum Glauben, am deutlichsten wird diese Suche aber in Bernsteins dritter Symphonie, "Kaddish". Josephine Barstow ist die Sprecherin in der Aufnahme von Antonio Pappano.

Musik: Leonard Bernstein, Symphonie Nr.3 "Kaddish" (Pappano)

Bernstein verband den Text des jüdischen Totengebets Kaddish mit eigenen Worten zu einer Geschichte der Glaubenssuche. Die 78jährige britische Sopranistin Josephine Barstow rezitiert diese Worte mit der Autorität einer erfahrenen Bühnenheroine. Ihr wird nie sentimental, auch wenn die großen Fragen der Religiosität behandelt werden, und hat dennoch eine zweifelnde Wucht, die es mit den großen Orchesterausbrüchen der Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Antonio Pappano aufnehme kann. In der Regel übernimmt ein männlicher Sprecher den Part des an Gott zweifelnden Trauernden, dabei hatte Leonard Bernstein die dritte Symphonie Anfang der sechziger Jahre ursprünglich für seine Frau Felicia Montealegre konzipiert. Nun stellt also wieder eine Frau Forderungen an ihren Gott, Forderungen nach Ordnung und Frieden auf der Erde.

Musik: Leonard Bernstein, Symphonie Nr.3 "Kaddish" (Pappano)

Der Dirigent Antonio Pappano hat großes Gespür für die an Gustav Mahler erinnernden Klänge in Bernsteins Partitur. Schwebende Streicher, gleitende Harmoniewechsel, deutlich an europäischen Vorbildern orientierte Klangwelten, die beim unsentimental spielenden Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in den besten Händen sind. Nach Jahren der Mittelmäßigkeit hat Antonio Pappano das stolze römische Orchester wieder in die internationale Konkurrenzfähigkeit zurückgeführt. Spieltechnisch gibt es da nichts auszusetzen, die Tonmeister von Warner Classics haben diese auf Konzertmitschnitten basierenden Aufnahmen sehr plastisch und natürlich abgemischt. Die erste Symphonie "Jeremiah" aus dem Jahr 1943 widmete der fünfundzwanzigjährige Leonard Bernstein seinem Vater, die Uraufführung dirigierte er selbst und wurde für das Werk umgehend mit dem New York Critics Award ausgezeichnet. Die Symphonie beginnt mit der Prophezeiung des Jeremia, der die Israeliten warnte, ihre Sündhaftigkeit werde sie in eine Katastrophe führen.

Musik: Leonard Bernstein, Symphonie Nr.1 "Jeremiah" (Pappano)

Mit seiner Warnung sollte der biblische Prophet Jeremia Recht behalten. Der Salomonische Tempel wurde zerstört, die Babylonische Gefangenschaft begann. Bernsteins erste Symphonie ist aber keine symphonische Dichtung, und auch wenn im dritten Satz das Klagelied des Jeremia von einer Mezzosopranistin gesungen wird, ist es keine geistliche Kantate. Vielmehr wollte Bernstein eine tief emotionale Darstellung des verzweifelten Jeremia erreichen. Auf deutliche Zitate jüdischer Musik verzichtete er, auch wenn Musikwissenschaftler Echos von Synagogengesängen erkannt haben wollen. In der orthodoxen Synagogentradition wäre es jedoch undenkbar, dass eine Frau Bibeltexte rezitiert. In Antonio Pappanos Aufnahme singt Marie-Nicole Lemieux.

Musik: Leonard Bernstein, Symphonie Nr.1 "Jeremiah" (Pappano)

Antonio Pappano macht in seiner Gesamtaufnahme der drei Symphonien Leonard Bernsteins die europäischen Bezüge des Komponisten deutlich. Die Musik klingt vor allem nach Mahler, naheliegend bei der Mahler-Verehrung des charismatischen Dirigenten Bernstein, nach Brahms und Strauss, gelegentlich auch nach Prokofjew und Schostakowitsch. So trifft Antonio Pappano auch bei der zweiten, der populärsten der Bernstein-Symphonien, die Entscheidung, das Werk bedeutungsschwanger ernst zu nehmen. Simon Rattle geht mit den Berliner Philharmonikern und dem Pianisten Krystian Zimerman einen ganz anderen Weg, aber es spricht für die Qualität der Komposition, dass beide Sichtweisen möglich sind, ohne der Partitur Gewalt anzutun. Bei Antonio Pappano und der Accademia Nazionale di Santa Cecila übernimmt die junge Pianistin Beatrice Rana den Klavierpart in diesem verkappten Solokonzert.

Musik: Leonard Bernstein, Symphonie Nr.3 "The Age of Anxiety" (Pappano)

Auch Beatrice Rana denkt offenbar eher an Brahms als an Gershwin, wenn sie "The Age of Anxiety" sehr, sehr ernsthaft spielt. Wenig ist zu spüren von Bernsteins Bestreben, eine neue, eine dezidiert nordamerikanische Tonsprache zu entwickeln. Während Antonio Pappanos Interpretation der ersten und dritten Symphonie von Bernstein Referenzmaßstäbe setzt, gelangt sein Konzept der Europäisierung in der zweiten hörbar an Grenzen. "The Age of Anxiety", Zeitalter der Angst nannte Bernstein seine zweite Symphonie, inspiriert von einem Langgedicht Wystan Hugh Audens. Vier einsame Menschen, drei Männer und eine Frau, treffen sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in einer Bar und kommen sich trinkend sehr nahe. Wenn die Bar schließt, gehen sie mit der Frau auf einen Absacker in ihre Wohnung. Sie trinken weiter und veranstalten eine Party. Die Gefühle für einander sind nicht echt, eher von Verzweiflung und Ungewissheit geprägt. Wenigstens einer der vier, so Bernstein, findet im Verlauf dieser Nacht zum Glauben.

Musik: Leonard Bernstein, Symphonie Nr.3 "The Age of Anxiety" (Pappano)

So klingt die spontane Party bei Antonio Pappano. Ganz anders, nämlich viel amerikanisch-beschwingter sehen Simon Rattle und der Pianist Krystian Zimerman die Sache, dazu spielen die Berliner Philharmoniker.

Musik: Leonard Bernstein, Symphonie Nr.3 "The Age of Anxiety" (Rattle)

Lässig, elegant, präzise und mit coolem Groove präsentieren Simon Rattle und Krystian Zimerman die jazzigen Passagen von Leonard Bernsteins zweiter Symphonie "The Age of Anxiety". Zimerman erweist sich als Glücksfall für dieses Beinahe-Klavierkonzert. Mit seiner beiläufig wirkenden Virtuosität nimmt er der Musik alles Sentimentale, bringt den verzweifelten Aktionismus der jungen Menschen beim Kriegsbeginn zum Ausdruck, lässt immer eine emotionale Tiefe durchschimmern, die sich hinter seinem brillanten Ton verbirgt. Auch der inzwischen Nicht-mehr-Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Simon Rattle kann hier alle seine Stärken ausspielen. Da ist zunächst die rhythmische Präzision, die Bernsteins Musik in die Nähe von Prokofjew und Schostakowitsch rückt, hinzu kommen Lässigkeit und ein Hauch von Humor, die fast an Francis Poulencs satirischen Tonfall denken ließen, wenn "The Age of Anxiety" letztlich nicht doch ein sehr ernsthaftes Werk wäre.

Musik: Leonard Bernstein, Symphonie Nr.3 "The Age of Anxiety" (Rattle)

Die Aufnahme der zweiten Symphonie von Leonard Bernstein mit Krystian Zimerman und den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle ist ebenso wie die Gesamtaufnahme der Symphonien unter Antonio Pappano ein Livemitschnitt. Die Berliner Aufnahme entstand bei Rattles Abschiedskonzerten als Chefdirigent Mitte Juni. Nach seiner durchwachsenen Berliner Zeit kommt hier noch einmal alles glücklich zusammen. Das Können und die Musizierfreude der Orchestermusiker, Rattles Detailverliebtheit und Zimermans faszinierende Stilsicherheit. Selbst das Finale der zweiten Symphonie, bei Pappano wirkt es arg monumental und etwas zu lang, gerät hier zum logischen und beinahe lakonischen Schluss eines symphonischen Epochenbildes, die das Zeitalter der Angst in den vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts erlebbar macht. Damit gelingt Rattle und Zimerman genau jene Gratwanderung, die Bernstein zwischen europäischer symphonischer Tradition und nordamerikanischer Unterhaltungsmusik unternahm, zwischen rhythmisch unerbittlicher Maschinenmusik der Moderne und romantisierender Sehnsucht. Zweifellos eine Referenzaufnahme.

Musik: Leonard Bernstein, Symphonie Nr.3 "The Age of Anxiety" (Rattle)

Das Finale von Leonard Bernsteins zweiter Symphonie "The Age of Anciety" in der Einspielung der Berliner Philharmoniker mit dem Pianisten Krystian Zimerman unter dem ehemaligen Chefdirigenten Simon Rattle, die Aufnahme ist bei der Deutschen Grammophon erschienen. Die Doppel-CD mit allen drei Symphonien Leonard Bernstein gespielt vom Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia mit Josephine Barstow, Marie-Nicole Lemieux und anderen Solisten, geleitet von Antonio Pappano liegt bei Warner Classics vor. Hörenswert sind beide, nicht zuletzt weil im direkten Vergleich der zweiten Symphonie deutlich wird, welche Freiräume die Künstler bei der Interpretation großer Kompositionen haben, wie unterschiedlich dieselbe Partitur klingen kann.

Leonard Bernstein: The 3 Symphonies
Marie-Nicole Lemieux (Mezzosopran)
Beatrice Rana (Klavier)
Nadine Serra (Sopran)
Josephine Barstow (Sprecherin)
Alessandro Carbonare (Klarinette)
Coro e Voci Bianche dell’Accademia Nazionale di Santa Cecila
Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia
Antonio Pappano (Dirigent)
Warner Classics

Leonard Bernstein: The Age of Anxiety
Krystian Zimerman (Klavier)
Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle (Dirigent)
Deutsche Grammophon

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