Berufs- und StudienwahlEltern nehmen "sehr starke" Prägung vor

Die Berufs- und Studienwahl ist ein schwieriges Terrain, auch für die Eltern. "Eltern sind ja die ganze Zeit da", skizziert Sozialwissenschaftler Thorsten Bührmann im Dlf. Entsprechend haben sie - bewusst oder unbewusst - starken Einfluss auf die Kinder.

Thorsten Bührmann im Gespräch mit Kate Maleike | 06.07.2021

Erstsemester-Begrüßung an der Universität zu Köln. Köln, 07.10.2019
Erstsemesterbegrüßung: Die Wahl des richtigen Berufs oder Studiums ist eine schwierige Phase (picture alliance/Christoph Hardt/Geisler-Fotopress)
Von der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände und des Netzwerks Schulewirtschaft gibt es zur "Woche der Elternarbeit" Webinare, über die sich Eltern informieren, austauschen und mit Experten ins Gespräch kommen können. Ein Ansprechpartner dort ist Thorsten Bührmann. Er hat die Professur für Sozialwissenschaften und Forschungsmethodik an der MSH Medical School Hamburg inne.

Kate Maleike: Was ist denn die wichtigste Funktion der Eltern?
Thorsten Bührmann: Die wichtigste Funktion ist die soziale Unterstützung in einem ziemlich komplexen und komplizierten Prozess, den die Jugendlichen durchlaufen. Aber wenn ich von sozialer Unterstützung spreche, muss man noch mal dahinter schauen, dass es eben ganz unterschiedliche Formen gibt. Und das ist wichtig, dass man Eltern da sehr unterschiedlich anspricht, weil Eltern dort auch sehr unterschiedliche Form der Unterstützung eben leben und für ihre Kinder auch leben wollen. Es geht zum einen darum, dass es auf der emotionalen Ebene wichtig ist, für die Kinder da zu sein, eine Stütze zu sein, auch, wenn mal etwas schiefgeht oder wenn Frustration auftritt. Auf der anderen Seite heißt soziale Unterstützung aber auch, dass man instrumentell unterstützt, also etwas für die Kinder tatsächlich tut, zum Beispiel im Sinne von Vitamin B mal Türen öffnet und Telefonanrufe tätigt. Und an dritter Stelle geht es auch um informatorische, beratende Unterstützung, also Informationen und Wissen weiterzugeben, auch mal einen Ratschlag zu erteilen. Die letzte Form von Unterstützung ist die interpretativ, rückmeldende, das heißt, auch mal dem eigenen Kind den Spiegel vorzuhalten, was man an ihm wahrnimmt an Stärken und auch an Schwächen.

"Eltern sind die ganze Zeit da"

Maleike: Wenn die Eltern jetzt stärker mit ins Boot geholt werden, dann fragen sie sich natürlich auch, wie können wir das denn anstellen. Vielleicht erst mal rein wissenschaftlich: Warum sind Eltern so entscheidende Faktoren?
Bührmann: Eltern sind ja die ganze Zeit da. Kinder werden schon im frühen Alter geprägt durch bestimmte Werthaltungen gegenüber Beruflichkeit, die Eltern ihren Kindern mehr oder weniger bewusst vorleben. Also, spielt eher etwas wie Bodenständigkeit, Verlässlichkeit, Planbarkeit eine wichtige Rolle in dem gesamten Familienkontext, dann wird das auch die Vorstellung über anzustrebende Berufe prägen. Stehen demgegenüber Werte von Selbstentfaltung, Selbstverwirklichung im Mittelpunkt, was Eltern auch vorleben, dann werden Berufe auch insbesondere vor diesem Hintergrund eingeordnet und gesehen. Und das muss Eltern eben auch bewusst sein, dass sie durch diese Sicht, die die Eltern auf Beruf und Beruflichkeit haben, eine sehr starke Prägung vornehmen. Das ist so die eine Seite, die andere Seite ist, dass Aussagen, die Eltern treffen, von den Jugendlichen immer sehr stark als ein Gütekriterium wahrgenommen werden. Wenn Jugendliche ein Potenzialassesment durchführen, dort eine Rückmeldung kriegen über ihre Stärken, über ihre Potenziale, hängt es sehr stark davon ab, wie die Eltern dieses Ergebnis kommentieren, auch in Nebensätzen kommentieren. Finden Eltern das als passend, ist es das, was das Kind auch ausmacht aus Sicht der Eltern, werden die Kinder dies auch entsprechend integrieren. Sagen die Eltern in einem Nebensatz, das bist nicht du, das stellt nicht dich in deiner Gesamtheit dar, dann werden Kinder und Jugendliche auch dieses Ergebnis eher ausklammern in ihrem individuellen Prozess. Das merkt man nicht immer direkt, aber das haben unsere Studien gezeigt, dass das sehr nachhaltig, langanhaltend tatsächlich nachwirkt, solche Einschätzungen durch die Eltern.
Die 26-jährige Kerstin Apel ist Prozess-Ingenieurin im Arcelor Mittal Konzern in Eisenhüttenstadt (Brandenburg) und steht am 02.03.2016 in der Verzinkerei des Unternehmens neben sogenannten Stahlcoils.
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Maleike: Was sind denn dann jetzt zum Beispiel Fragen, die Eltern haben, was bewegt sie am meisten?
Bührmann: Ich sage es mal so, wenn ich weiß, was für mein Kind richtig ist, wie kriege ich denn mein Kind dahin? Das versuche ich dann schon einmal direkt aufzubrechen, weil es ist der Prozess des Kindes, den muss ich begleiten. Dann ist so die Frage, wie kann ich den denn begleiten, wie kann ich denn für mein Kind da sein, was braucht denn mein Kind eigentlich? Das ist eben auf der Ebene der emotionalen Unterstützung. Und dann gibt es ganz viele fachliche Fragen, weil Eltern wissen ja eben auch nicht, was gibt es denn eigentlich alles für Möglichkeiten, was sind denn die Möglichkeiten, die meinem Sohn, meiner Tochter offenstehen. Aber ich muss sagen, so meine Erfahrung ist, dass in erster Linie es auf dieser Ebene der sozialen Begleitung und Unterstützung die Hilflosigkeit der Eltern gibt, wie gehe ich damit um, dass mein Kind sich mir gegenüber verschließt, vielleicht bestimmte Dinge gar nicht erzählt oder immer, wenn ich einen Vorschlag habe, in den Widerstand geht. Wann ist denn da eigentlich der richtige Moment, der richtige Augenblick, mit meinem Sohn, mit meiner Tochter darüber zu sprechen. Das ist die größte Unsicherheit aus meiner Sicht.

Sensibel sein für den Prozess, den die Kinder durchlaufen

Maleike: Das heißt, es geht erst mal darum, mal erzählen zu können, wie es einem geht, um dann auch weitere Informationen zu bekommen, Sie auch als Experte anzusprechen und vielleicht individuelle Fragen auch stellen zu können. Was ist für Sie das Wichtigste, was Sie den Eltern da mit auf den Weg geben können?
Bührmann: Sein Sie sensibel für den Prozess, den dort Ihr Sohn, Ihre Tochter durchläuft, weil es ist ein Prozess, bei dem es auch darum geht, sich selbst zu finden im Sinne der Individuation, also seine eigene Persönlichkeit auszubilden, auszuformen. Der Jugendliche ist aber in einem Spannungsfeld, weil er sich gleichzeitig ausrichten muss. Er oder sie muss sich damit beschäftigen, was sind überhaupt meine möglichen Wege, was bietet mir überhaupt die Gesellschaft, der Arbeitsmarkt mit dem, was ich jetzt an Bildung vollzogen habe. Und das ist ein zutiefst verunsichernder und anspruchsvoller Prozess, in dem sich Ihr Kind, Ihre Tochter, wenn ich die Eltern jetzt direkt anspreche, befindet. Dafür sensibel zu sein und diesen Prozess zu begleiten, das ist meine wichtigste Botschaft – und dabei auch zuzulassen, dass man selber auch Unsicherheiten hat, weil das ist ganz normal. Studien zeigen, dass drei Viertel der Eltern sich in diesem Prozess wirklich herausgefordert bis hin zu überfordert fühlen, weil sie ja eben auch vielleicht zum ersten Mal diesen Begleitprozess ihrer Kinder vollziehen.
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