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StartseiteTag für TagIslamische Theologie studiert - und was dann?08.02.2021

Berufschancen Islamische Theologie studiert - und was dann?

Seit 2010 gibt es an deutschen Hochschulen Islamische Studien. An das Fach waren hohe politische Erwartungen geknüpft, Integration galt als Lernziel. Die Berufsperspektive ist unklar. Nun untersucht eine neue Studie, wo die Absolventinnen und Absolventen bleiben.

Von Eva-Maria Götz

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Eine Ausgabe des Koran (Quran) wirdaus einem Regal gezogen (dpa)
An fünf deutschen Universitäten können sich Studierende für das Fach Islamische Studien entscheiden (dpa)
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"Ich habe angefangen, das Studienfach 2011 zu studieren, nachdem ich auch in demselben Jahr mein Abitur gemacht habe. Und ich hatte zwei zentrale Gedanken, nämlich: Ich wollte im Bereich der integrationspolitischen Arbeit in Zukunft tätig sein und Kernanliegen war, zur aktiven Partizipation und Teilhabe muslimischer Bürger in Deutschland beizutragen."

Mehmet gehörte zum zweiten Jahrgang, der das 2010 neue gegründete Fach Islamische Studien an der Goethe-Universität Frankfurt belegte. Einen konkreten Berufsplan hatte der damals 18-Jährige nicht, hoch motiviert war er trotzdem: "Ja, ich habe 2014, also nach der Regelstudienzeit von sechs Semestern, mein Studium mit sehr gut abgeschlossen."

Doch dann kam die Enttäuschung:

"Ich hatte faktisch keine Aussichten, praktisch irgendwo zu arbeiten. Weil in den Ausschreibungen war kaum bis gar nicht irgendwie danach gefragt, ob man Islamische Studien und ähnliche Studiengänge studiert hat."

Das Fach wird mit Erwartungen überfrachtet

"Seit der Gründung der islamisch-theologischen Studien werden ganz viele Erwartungen an dieses Fach formuliert." Beschreibt Naime Çakir-Mattner, Professorin für Islamische Theologie mit dem Schwerpunkt muslimische Lebensgestaltung an der Justus Liebig-Universität Gießen, das Dilemma des Studienfaches.

"Insbesondere zum Beispiel im Bereich der Extremismusprävention. Oder die Absolventinnen sollen sozusagen in die Gemeinden herein wirken und dort Änderungsprozesse und so weiter anstoßen. Oder wir sollen, also die Absolventinnen sollen die Integration fördern. Also das sind alles so Erwartungen, die dieses Fach der islamischen Studien oder islamischen Theologien tatsächlich überfrachten."

  (picture alliance / Axel Heimken/dpa) (picture alliance / Axel Heimken/dpa)Der moderne Imam - Vorbeter und Vorbild
Imame sind in Moscheen fürs Beten zuständig. Inzwischen wird aber weit mehr von ihnen verlangt: Sie sollen Familien unterstützen, politische Fragen klären und bei der Integration helfen.

"Es gibt zum Beispiel den Wunsch nach Normalisierung, sage ich mal, von muslimischem Leben in Deutschland", bestätigt Constantin Wagner, Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Heterogenität an der Gutenberg-Universität Mainz:

"Es gibt sozusagen den Wunsch nach Anerkennung auch seitens der muslimischen Verbände und der muslimischen Community, die dadurch sozusagen auch universitär präsentiert ist. Es gibt den Bedarf aus der Praxis, zum Beispiel in dem Feld Soziale Arbeit und in dem Feld Bildung, der auch sozusagen mit der Einführung dieser Studiengänge verknüpft ist. Also von der Politik oder der staatlichen Seite her mag das das primäre Ziel gewesen sein. Und dann gibt es halt eben die Studierenden, also die jungen Leute, die sich entscheiden dafür, sich in den Studiengang einzuschreiben. Und das hat unterschiedliche Gründe."

Der islamische Religionsunterricht ist nicht etabliert

Constantin Wagner ist Co-Autor einer Studie, die sich von 2016 bis 2018 mit der Frage beschäftigt hat, wer eigentlich überhaupt dieses Studienfach belegt. Mit überraschenden Ergebnissen:

"Zum Beispiel sind es sehr viele weibliche Studierende. Das überrascht manchmal Personen, weil es auch sozusagen politisch oft so wahrgenommen wird als ob der Studiengang vor allen Dingen Imame ausbilden sollte. Wenn man die Studierenden mit den Studierenden anderer Studiengänge an deutschen Hochschulen vergleicht, die sehr häufig über einen akademischen familiären Hintergrund verfügen, das ist bei den Studierenden der islamischen Theologie ein Stück weit anders, weil hier auch sehr viele Leute sich für das Studium entscheiden, die familiär gesehen keinen akademischen Hintergrund haben."

Esra Öztürk, Studentin für Islamische Religionslehre und Geschichte auf Lehramt, sitzt am 10.06.2015 während einer Vorlesung in der Universität in Tübingen (Baden-Württemberg) an einem Tisch. Das Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen ist eines von vier Zentren in Deutschland das vor vier Jahren vom Bundesministerium für Bildung und Forschung eingerichtet wurde, um unter anderem Lehrer und Imame auszubilden. (Picture Alliance / dpa / Wolfram Kastl)Die Berufsperspektiven von islamischen Religionslehrerinnen und -lehrern sind noch unsicher (Picture Alliance / dpa / Wolfram Kastl)

Ob die Absolvent*innen, die das Fach mit Schwerpunkt Religionspädagogik studiert haben, eine Anstellung gefunden haben, soll jetzt geklärt werden, hofft Jan Felix Engelhardt, Geschäftsführer der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG), die die neue Studie koordiniert.

"Das Problem bei den Lehramtsstudierenden ist eben eine häufig in den Bundesländern vorhandene Unsicherheit darüber, wie es mit dem islamischen Religionsunterricht weitergeht. Der islamische Religionsunterricht ist in einigen Bundesländern etabliert, aber in sehr unterschiedlicher Art und Weise. Das ist zum einen eine große Perspektive für die Studierenden, zum anderen aber auch eine große Unsicherheit für diejenigen, die dann auf Lehramt studieren."

"Einen Mono-Bachelor sollte es nicht geben"

Was aber wird aus denjenigen, die nur einfach "islamische Studien" belegen? Imame, wie ursprünglich von der Politik erhofft, scheinen sie nicht zu werden. Denn diese werden, ähnlich wie bei der katholischen Kirche, nicht an der Hochschule ausgebildet, sondern in einem Seminar, wie es jüngst in Osnabrück entstanden ist. Naime Çakir-Mattner:

"Normalerweise ist ja so ein Imam eigentlich der Vorbeter. In der Türkei sind das schon weitgehend ausgebildete Theologen, die aber eben dezidiert nochmal für die Gemeindearbeit vorbereitet wurden. Das heißt, die Moscheegemeinden der DITIB bekommen ja von der Türkei Imame zugeteilt oder eingestellt, die eben auch von der Türkei bezahlt werden. Wir sind hier noch nicht so weit."

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An den begrenzten finanziellen Möglichkeiten der meisten Gemeinden scheitert auch die Einstellung von Sozial- oder Jugendarbeitern - ein Berufswunsch, der von den Absolventinnen und Absolventen oft genannt wird. Doch dafür qualifiziert der Studiengang gar nicht. Mehmet, der diese Erfahrung selbst gemacht hat, fordert deswegen:

"Einen Mono-Bachelor im Bereich Islamische Studien oder Islamische Theologie sollte es nicht geben. Also es sollte verpflichtend sein, das in einem Zwei-Fach-Bachelor in Kombination mit einem anderen Hauptfach zu studieren, damit einfach den Leuten man von Beginn an eine größere Berufsaufsicht zur Verfügung stellt."

Kooperationen mit islamischen Gemeinden wären wichtig

"Wenn man sich einen Professionalisierungsschub in den Gemeinden erhofft durch die Studierenden der islamischen Theologie. Dann müssten die im Grunde schon während des Studiums auch mal in Gemeinden reinschnuppern können und schon mal sehen können, was gibt es da eigentlich für Arbeitsfelder?", findet Jan Felix Engelhard. Die Ergebnisse der bis 2023 laufenden Studie sollen in eine Handlungsempfehlung für die Hochschulen münden. Engelhard erklärt: "Denn die Attraktivität des Studiums, die hängt natürlich nicht nur von den theologischen und religiösen Inhalten ab, mit denen man sich da beschäftigt, sondern die hängt auch ganz stark von der Frage ab: Was kann man damit eigentlich später machen?"

Mehmet hat Glück gehabt. Er hat nun den erhofften Arbeitsplatz. Allerdings hat er dafür noch mal ein komplettes Studium hinten drangehängt und seinen Master schließlich im Fach Soziale Arbeit gemacht. 

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