Samstag, 01. Oktober 2022

Diskussionsrunde: Berufsmusik als Armutsfalle?
"Die Bedingungen sind prekär, aber ihr habt ja Applaus"

Musikstudierende erwartet mehrheitlich eine freiberufliche Existenz. Der Ruf nach mehr staatlicher Unterstützung der freien Kulturszene wird immer lauter. Was kann oder muss die Gesellschaft hier leisten?

Am Mikrofon: Jochen Hubmacher; mit Alina Huppertz, Isabel Pfeiffer-Poensgen, Johannes Maria Schatz und Ragna Schirmer | 06.09.2022

Eine Frau steht mit Noten in der Hand singend in einem Orchester
Vor der Corona-Pandemie ist Dina König als Altistin europaweit aufgetreten. Dann hat sie ihre Gesangskarriere aufgegeben, um als Tramfahrerin für die Basler Verkehrsbetriebe zu arbeiten. (Martin Chiang)
Haben Sie sich auch schon mal vorgestellt, wie es wohl wäre, im Scheinwerferlicht auf einer großen Bühne zu stehen, mit der eigenen Stimme oder am Klavier das Publikum vor Begeisterung von den Stühlen zu reißen?

Ein guter Abschluss ist keine Erfolgsgarantie

Dass sich der Traum von einer Musikerkarriere wacker hält, zeigt schon die Flut an Castingshows im Fernsehen. Von der Realität eines Profimusikers haben aber die wenigsten eine Ahnung. Jahrelanges hartes Üben, oft schon als Kind ist die Voraussetzung, um überhaupt einen Studienplatz an einer der deutschen Musikhochschulen zu ergattern. Und auch dann ist ein guter Hochschulabschluss keine Garantie für späteren Erfolg.
"Die traurigsten Gagen liegen im Minusbereich", erzählt die Pianistin Ragna Schirmer. Eine besonders verletztende Erfahrung erlebte sie zu Beginn ihrer Studienzeit bei einer Aufnahme:

"Das wollen Sie nicht erleben, dass wir jetzt darüber diskutieren, was Ihr Wert ist"

"Es stellte sich heraus, dass mein Name nicht mal erscheinen sollte auf dieser CD, weil der Dirigent meinte, es ginge um das Orchester und um ihn und die Pianistin wäre nicht so wichtig. Es war immerhin ein Mozart-Klavierkonzert und ich dachte, schade, dass die Solistin nicht genannt wird.
Und dann habe ich mich da juristisch erkundigt und dann hieß es, ja, dann müsste jetzt Ihr Wert festgelegt werden, was dann irgendwie der Inhalt einer juristischen Auseinandersetzung wäre. Und das wollen Sie nicht erleben, dass wir jetzt darüber diskutieren, was Ihr Wert ist."
Die Pianistin mit geknoteten Haaren sitzt mit dem Rücken zur Kamera und schaut durch einen Spiegel zurück.
Ragna Schirmer wurde eine der jüngsten Professorinnen an einer deutschen Musikhochschule. Sie hat diesen Posten nach zehn Jahren nicht zuletzt aus Frust über den Hochschulbetrieb an den Nagel gehängt. (Ragna Schirmer / Maike Helbig)
Der große Traum von der Solokarriere oder einer gutbezahlten Festanstellung erfüllt sich nur für eine Minderheit. Alina Huppertz, die im Juli 2022 ihr Gesangsstudium in Frankfurt am Main abgeschlossen hat, sieht der Zukunft dennoch gelassen entgegen. "Ich bin insofern sehr privilegiert, dass ich schon vor meinem Studium ein Lehramtsstudium absolviert habe".
Die breit aufgestellte Performerin plädiert für eine genaue Betrachtung der Ausbildung junger Musikerinnen und Musiker, "weil ich das Gefühl habe, in der Ausbildung werden wir an den Musikhochschulen für einen Markt ausgebildet, der so nicht mehr existiert, also wir kein realistisches Bild vermittelt bekommen von der Situation". Bedingungen am Theater seien auch für festangestellte Sängerinnen und Sänger prekär, sagt Alina Huppertz.

Ohne Hilfestellung in den Beruf

Sie sagt: "Und trotzdem wird eben dieses Narrativ aufrechterhalten: Ja, am Theater ist es geschafft. Und wir werden allerdings nicht besonders gut vorbereitet hinsichtlich Selbstorganisation, hinsichtlich: Wie schließe ich Verträge? Wie gehe ich mit Agenturen um? Wie kann ich mich auch zusammenschließen in Gewerkschaften? Davon ist kaum die Rede. Stattdessen haben wir dann Professionalisierungskurse an unserer Hochschule. Da hatten wir eine externe Dozentin, die uns dann einfach nur diesen Normalvertrag Bühne vorgestellt hat.
Das ist der Tarifvertrag, den man bekommt, wenn man eine Festanstellung hat, vielleicht auch nur für zwei Jahre, also nicht für lange. Und dann noch gesagt hat, ja, die Bedingungen sind recht prekär, aber ihr habt ja einen Applaus. Und das hat mich schon sehr empört, zumal über alle anderen Bereiche, in denen man als Sängerin tätig sein kann, nicht die Rede war. Also zum Beispiel in der freien Szene, wo es tolle Fördermöglichkeiten gibt, die man beantragen kann. Wir lernen nicht, wie wir Anträge schreiben. Und da würde ich mir wünschen, dass ein vielseitiges Bild vermittelt wird von dem Leben als Musiker."

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Auf die Mehrheit wartet eine freiberufliche Existenz. Spätestens die Pandemie hat gezeigt, dass in der Freiberuflichkeit auch große soziale Risiken lauern. Der Ruf nach mehr staatlicher Unterstützung der freien Kulturszene wird immer lauter. Was kann oder muss die Gesellschaft hier leisten? Bilden wir zu viele Musikerinnen und Musiker aus für einen Markt, in dem neben spitzen Gagen immer öfter auch Dumpinglöhne gezahlt werden?
Denkfabrik 2022

Traumjob oder Armutsfalle?
Vom Risiko, die Musik zum Beruf zu machen


Es diskutieren:
Alina Huppertz, Sängerin und Performerin
Isabel Pfeiffer-Poensgen, zum Zeitpunkt der Aufzeichnung Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
Johannes Maria Schatz, Gründer und Ehrenmitglied von art but fair international e.V.
Ragna Schirmer, Pianistin und Klavierpädagogin
Aufzeichnung vom 10.6.2022 im Deutschlandfunk, Köln