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Besserer Schutz vor Cholera

Shanchol, ein neuer Impfstoff gegen Cholera, ist vor allem für den Einsatz in Entwicklungsländern gedacht. Eine Impfung mit dem Vakzin ist auch dann noch lohnenswert, wenn die Cholera vor Ort schon ausgebrochen ist. Das legen neuer Studien nahe.

Von Franziska Badenschier | 23.10.2013

    Cholera ist eine der gefährlichsten Krankheiten: Wer sich mit den Cholerabakterien ansteckt, bekommt innerhalb weniger Stunden solch heftigen Brechdurchfall, dass man schon am nächsten Tag daran sterben kann - selbst wenn man bislang gesund war und gut ernährt. Und so war Iza Ciglenecki von der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" alarmiert, als sich im Frühjahr 2012 ein neuer Ausbruch ankündigte: und zwar in Guinea:

    "Guinea ist ein Land in Westafrika, wo es regelmäßig Choleraausbrüche gibt. Aber zuletzt wurden vier Jahre lang keine Cholerafälle mehr gemeldet. Doch dann tauchten 2012 sehr früh in der Cholerasaison die ersten Fälle auf. Also deutete alles darauf hin: In jenem Jahr wird es - wenn die Regenzeit beginnt - in Guinea einen großen Ausbruch geben."

    Die Regenzeit ist gerade in armen Ländern wie Guinea verhängnisvoll: Wenn Latrinen fehlen, spült der Regen Fäkalien durch die Gegend und in Flüsse. Und wenn es über Monate hinweg heftig regnet, treten die Flüsse über die Ufer. So werden die Cholerabakterien weiterverbreitet.

    Iza Ciglenecki organisierte also mit einem Team eine große Impfkampagne - in Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium und mit der Weltgesundheitsorganisation WHO. In zwei Küstenregionen, die früher besonders viele Cholerafälle hatten, wurden zwei Impfrunden durchgeführt. In recht kurzer Zeit hatten drei Viertel der Einheimischen zweimal den Impfstoff namens Shanchol geschluckt. Fast alle anderen hatten sich immerhin einmal die Tropfen abgeholt.

    Als die Regenzeit im Juli und August vorbei war und auch das Jahr zu Ende gegangen war, konnte Iza Ciglenecki prüfen: Was hat die Impfaktion gebracht?

    "Als die Regensaison begonnen hatte, gab es einen starken Anstieg von Cholerafällen in der Hauptstadt Conakry und in anderen nicht geimpften Gegenden - während in den geimpften Regionen die Zahl sehr niedrig blieb. Wir haben auch keinen Anstieg während der Regenzeit gesehen."

    Das berichtet sie mit Kollegen in der Fachzeitschrift "PLoS Medicine". Die Ärztin betont selbst, dass ihre Impfkampagne und deren Auswertung keine Studie mit allerhöchsten wissenschaftlichen Standards war. Zum einen hatte der Ausbruch ja bereits begonnen, sodass keine Zeit blieb, ein vollständiges Studiendesign zu entwickeln. Zum anderen wurde bereits in einer großen Studie mit rund 70.000 Menschen in Indien festgestellt: Zwei von drei Menschen, die beide Impfdosen bekommen hatten, waren wirksam gegen den schlimmen Brechdurchfall geschützt, und das für mindestens zwei Jahre, sagt Ciglenecki:

    "Wir wollten zeigen, dass es auch bei einem Ausbruch in Afrika möglich ist, eine Impfung durchzuführen mit einem Vakzin, von dem man zwei Dosen braucht. Und es sieht sehr danach aus, dass die Bevölkerung dann tatsächlich gegen Cholera geschützt war."

    Damit gibt es nun einen Beleg, dass es sich durchaus noch lohnt, eine Impfaktion zu starten, wenn irgendwo die Cholera gerade ausgebrochen ist. Der Impfstoff Shanchol wurde vom International Vaccine Institute entwickelt und darf seit 2009 in Indien hergestellt werden. Eingesetzt wird der Impfstoff nun vor allem in Choleraländern wie Bangladesch.

    Allerdings haben die Impfkampagnen mit Shanchol ihren Preis. 1,85 US-Dollar kostet eine einzelne Dosis. Hinzu kommen Kosten wie zum Beispiel für den Transport, Impfausweise und Mitarbeitertrainings. Die Impfaktion in Guinea hat schließlich fast eine Million US-Dollar gekostet, fast 700.000 Euro. Und damit wurden weder die Slums in Guineas Hauptstadt erreicht, geschweige denn andere cholerakranke Länder wie Haiti.

    Jean-Gardy Marius: "Wenn ich zehn Millionen Dollar in das Choleraproblem investieren könnte, dann würde ich das in sauberes Trinkwasser und in Latrinen investieren, um sicherzugehen, dass die Lebensbedingungen verbessert werden. Ich würde keinen einzigen Penny fürs Impfen ausgeben."

    Der Arzt Jean-Gardy Marius hält von einer Choleraimpfung nicht viel. Er hat im haitianischen Hinterland eine kleine Klinik aufgebaut. In zweieinhalb Jahren kamen rund 14.000 Einheimische mit Cholera zu ihm. Und er ist stolz auf die Latrinen, die die Nichtregierungsorganisation "action medeor" in der Umgebung gebaut hat.

    Es gibt noch weitere Argumente, warum eine Choleraimpfung vielleicht nicht überall so viel Sinn macht wie bei dem Ausbruch in Guinea:

    Der Impfstoff Shanchol muss gekühlt werden. Die Impfung schützt nicht gegen Durchfall wegen Salmonellen oder Rotaviren. Die Choleraimpfung muss wahrscheinlich alle drei Jahre aufgefrischt werden. Und der Shanchol-Vorrat der WHO reicht nur für gut eine Million Menschen.

    Iza Ciglenecki von "Ärzte ohne Grenzen" kennt diese Argumente. Sie sagt auch selbst:

    "All die Maßnahmen, die wir während einer Choleraepidemie durchführen, müssen weiter stattfinden: Patienten in Quarantäne halten, sauberes Trinkwasser zur Verfügung stellen, die Gesundheit fördern. Aber der Choleraimpfstoff kann - wenn er zur richtigen Zeit eingesetzt wird - definitiv helfen, akute Choleraausbrüche zu kontrollieren."

    Links zum Thema

    - Paper: Feasibility of Mass Vaccination Campaign with Oral Cholera Vaccines in Response to an Outbreak in Guinea von Iza Ciglenecki e.a.

    - Informationen des Internation Vaccine Institute zu Shanchol

    - Link zum Paul-Ehrlich-Institut - Choleraimpfstoff Dukoral, der in Deutschland zugelassen ist: