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BethelVon Bodelschwinghsche Stiftungen geben Medikamententests an Kindern zu

Medikamententests an mindestens 38 Kindern in den 1950er-Jahren: Die unerlaubten Tests haben die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel mittlerweile zugegeben. Jetzt sollen unter anderem mithilfe von Historikern die Hintergründe aufgearbeitet werden.

Von Björn Haubrok | 21.10.2016

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Heimliche Medikamententests an Kindern in den 1950er-Jahren: Von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel in der Kritik. (dpa/ picture-alliance/ Wolfgang Moucha)
Bis jetzt sind die Informationen noch spärlich: Die Kopie einer leicht vergilbten Aktenseite liegt auf dem Schreibtisch von Bethel-Vorstand Günther Wienberg. Die Informationen stammen vom Arzneimittelhersteller Merck aus Darmstadt. Sie belegen: 38 Heimkinder mit Epilepsie haben Ende der 1950er Jahre in Bethel das Medikament "Encephabol" bekommen. Und das wahrscheinlich ohne die Kinder und deren Eltern darüber zu informieren. Günther Wienberg aus dem Bethel Vorstand zeigt sich betroffen.
"Aus ethischer Sicht ist damals problematisch gehandelt worden. Und das tut uns leid."
Die Namen der betroffenen 38 Kinder sind bis jetzt noch unbekannt. Auch wie viele Pillen sie schlucken mussten und ob es gesundheitliche Folgen gab, ist ebenfalls unklar. Fest steht nur: Ein Arzt des Kinderheims und das Pharmaunternehmen haben die Medikamententests gemacht.
"Das Ergebnis dieser Prüfung wurde zwischen dem zuständigen Arzt und der Firma Merck analysiert und das Ergebnis war: Dieses Medikament wirkt bei Epilepsie nicht."
Nur die Spitze des Eisbergs
Heimliche Arzneimittelversuche an Kinder Ende der 1950er-Jahre: Für den SPD-Landtagsabgeordneten Günter Garbrecht aus Bielefeld ist das nur die Spitze des Eisberges. Denn für die Medikamententests gab es in Deutschland lange keine klaren gesetzlichen Vorgaben - erst der nach dem Contergan-Prozess Mitte der 1970er-Jahre wurde das geändert.
"Erst mit diesem Skandal gab es in der Aufarbeitung dann eine gesetzliche Regelung, die regelt hat, unter welchen verfahren Mediante klinisch getestet werden, welche Abformungen an klinische Testungen gemacht werden, und seit dieser Zeit ist auch eine Testung Menschen unter 18 Jahren verboten."
Aufarbeitung mithilfe von Historikern
Wichtig sei es, die Fälle von heimlichen Versuchen aufzuarbeiten. Garbrecht fordert auch: Alle betroffenen Patienten, die noch leben, müssen über die Tests informiert werden. Die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel wollen die jetzt bekannt gewordenen Fälle mit Historikern aufarbeiten. Dazu sollen auch die Krankenakten aus den Archiven herausgeholt werden, bestätigte Günter Wienberg aus dem Bethel-Vorstand. Und es werden auch Zeitzeugen gesucht.
"Ich empfehle jedem, der möglicherweise betroffen seien könnte und der mehr darüber wissen möchte, sich an uns zu wenden. Wir werden alle Informationen geben und uns mit den Betroffen in einen fairen Gesprächsprozess begeben."
Die Aufarbeitung dieser Fälle wird noch Monate und Jahre dauern.