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StartseiteComputer und KommunikationDigitaler Stress am Arbeitsplatz28.09.2019

Betriebliches GesundheitsmanagementDigitaler Stress am Arbeitsplatz

Nachts auf dem Smartphone geschäftliche Emails checken: Für manche Berufstätige gehört das zum Arbeitsalltag dazu. Doch viele fühlen sich zunehmend gestresst. Das sind entgegen der Erwartungen insbesondere Arbeitnehmer der jüngeren Generation. Forscher entwickeln nun Maßnahmen für eine gesunde, digitale Führung.

Henner Gimpel im Gespräch mit Manfred Kloiber

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Ein Mann sitzt am Laptop und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. (imago images / Westend61)
Besonders die digitale Leistungsüberwachung kann Arbeitnehmer unter Druck setzen (imago images / Westend61)
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Manfred Kloiber: Mal ehrlich, wer hat sein Smartphone noch nicht verflucht etwa im Urlaub, wenn man locker ein bisschen rumdaddeln will und plötzlich eine berufliche E-Mail aufpoppt, die einen selbst während der Auszeit in den Alarmzustand versetzt? Das sind dann die Momente, in denen man sich gestresst fühlt, gestresst von den sonst so geliebten Segnungen der Unterhaltungselektronik und den Auswirkungen der Digitalisierung dieser Stress ist mittlerweile überall gefühlt ein Riesenproblem. Doch, wie sieht es objektiv aus, welchen Stress verspüren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tatsächlich mit der Digitalisierung? Rund 5.000 Beschäftigte haben Forscher der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer FIT des betriebswirtschaftlichen Forschungszentrums für Fragen der mittelständischen Wirtschaft und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin für die Studie "Gesund digital arbeiten?!" befragt und ein Fünftel von ihnen fühlt tatsächlich diesen Stress, wir haben einen der beteiligten Wissenschaftler nämlich Professor Henner Gimpel von der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Frauenhofer FIT um ein Interview gebeten. Herr Gimpel, für dieses Interview haben wir Sie ja auch aufgefordert, sich eine spezielle Interview-App auf Ihr Smartphone zu laden, die mussten Sie dann erst einmal im Onlineshop raussuchen, dann die Benutzerdaten eingeben und die App auch noch konfigurieren, hat all das Sie schon gestresst?

Henner Gimpel: Nein, das hat mich nicht gestresst. Danke, dass Sie fragen und sich Sorgen darüber machen, aber Stress ist ja ein Ungleichgewicht von den Anforderungen, die an einen gestellt werden, und den Möglichkeiten, damit umzugehen. Und die Anforderungen, eine App zu installieren und Nutzerdaten einzutragen, die mir per Email zugeschickt wurden, dafür habe ich dann schon noch die nötige Kompetenz und deswegen hat mich das dann auch nicht gestresst.

Kloiber: Was stresst denn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am meisten? Sie haben ja 5.000 verschiedene Menschen dazu befragt.

Gimpel: Ja, wenn wir speziell darauf schauen, was die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an der Digitalisierung stresst, dann ist das eine ganze Reihe von Faktoren. Zum Beispiel die Leistungsüberwachung. Viele haben Sorgen, dass jetzt durch die digitale Technik immer präsenter wird, wieviel sie leisten. Sei es, dass man sieht, zu welcher Zeit sie jetzt ein Dokument editiert haben, was irgendwo im Cloud-Speicher liegt, dass man an der Email sieht, wann sie die verschickt haben und ob sie wirklich rund um die Uhr arbeiten, dass der Instant Messenger mit einem kleinen grünen Lämpchen anzeigt, ob jemand gerade bei der Arbeit und verfügbar ist, oder schon länger von seinem Rechner weg. Das sind so Faktoren der Leistungsüberwachung, vor denen viele Sorge haben. Oder anderer Faktor: Die Unzuverlässigkeit. Ich glaube, das kennen wir alle, wenn der Drucker, der eigentlich immer funktioniert, gerade drei Minuten vor einem wichtigen Termin nicht funktioniert und ich das Dokument nicht mitnehmen kann. Wenn ich in einen neuen Raum komme, wo ich eine wichtige Präsentation halten will, und ich habe den falschen Adapter für den Beamer dabei und kann den jetzt nicht anschalten, oder die Birne ist kaputt. Das ist so Unzuverlässigkeit von Systemen, die eigentlich mittlerweile so wichtig für uns geworden sind, dass es uns dann in dem Moment stresst, wenn sie mal kurzfristig nicht zur Verfügung stehen. Oder auch die Überflutung mit Informationen.

Belastungsfaktoren mit gesundheitlichen Folgen

Kloiber: Insgesamt 12 Hauptbelastungen haben Sie ja identifiziert und wenn man so mal die Diskussion darum Revue passieren lässt, dann ist ja auch ein Grund, der ganz oft genannt wird, dass die Arbeit nie aufhört, weil man das Arbeitsgerät ja mitnimmt in Form von Smartphones oder mobilen Geräten. Was haben Sie noch an Hauptbelastungen identifizieren können?

Gimpel: Dieses "Nie-aufhören-können-zu-arbeiten". Die Entgrenzung zwischen Arbeits- und Privatleben auch am Wochenende auch im Urlaub, das nennen wir die Omnipräsenz. Das ist ganz klar ein Faktor. Aber wenn wir uns dann anschauen, was am Ende wirklich richtig schlimme Belastungsfaktoren sind, was auch mit gesundheitlichen Folgen einhergeht, dann ist es weniger diese Omnipräsenz der digitalen Technik, sondern dann sind es Faktoren wie eben Leistungsüberwachung oder Unzuverlässigkeit, die Überflutung, die Informationsüberflutung, die wir haben – wo Emails mit Sicherheit eine ganz wesentliche Rolle spielen, die dann zum Gefühl führen, mehr und schneller arbeiten zu müssen. Die Unsicherheit im Umgang mit den Systemen, ständige Updates, immer sieht das Menüband ein bisschen anders aus und ich weiß nicht genau, was passiert, wenn ich irgendwie auf eine Schaltfläche klicke. Aber auch solche Faktoren wie mangelndes Erfolgserlebnis. In der analogen Welt hatte ich vielleicht einen großen Stapel Papier, wenn ich einen Bürojob hatte, den ich von links nach rechts sortiert habe, wenn ich ihn bearbeitet habe, oder den ich abgeheftet habe. Dann konnte ich am Ende des Tages sehen, was ich geschafft habe. Wenn das nur noch im ERP-System hinterlegt ist, dann weiß ich am Ende des Tages gar nicht, ob ich viel geschafft habe, oder nicht.

Kloiber: Haben die Arbeitgeber eine Mitverantwortung für diese Digitalstress-Faktoren?

Gimpel: Ja, absolut, die haben sie. Also schon rein gesetzlich sind Arbeitgeber ja verpflichtet sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu kümmern und ein ordentliches betriebliches Gesundheitsmanagement aufzusetzen. Und in genau den Bereich gehört eigentlich auch dieses Thema digitaler Stress verankert. Es gibt einfach eine ganze Reihe an Maßnahmen, die Arbeitgeber erreichen können und da sind die absolut in der Pflicht, sich auch darum zu kümmern.

Wirksame Gegenmaßnahmen noch nicht ausreichend

Kloiber: Man hat ja schon einmal davon gehört, dass Unternehmen zum Beispiel dafür sorgen, dass dienstliche Emails nach einer bestimmten Zeit nicht mehr durchkommen. Wie sehen Sie das, gibt es ein ausreichendes Maßnahmenangebot und wird das ausreichend genutzt von den Arbeitgebern?

Gimpel: Leider muss ich beide Faktoren verneinen. Sowohl das Angebot als auch das "genutzt". Wir arbeiten im Moment in der Forschung daran, ganz spezifische Gegenmaßnahmen gegen digitalen Stress zu entwickeln, die eben über das individuelle "Machen Sie mal ein Atemtraining" oder "Machen Sie mal Yoga" hinaus gehen und die gerade auch Fragen von gesunder Führung, von Organisationsgestaltung, von Technologiegestaltung angehen. Aber zugegebenermaßen ist das Angebot noch nicht so groß, wie ich es mir eigentlich wünschen würde. Selbst bei dem, was es gibt, sind Unternehmen schon – zumindest denen mit denen ich so rede – deutlich hinten dran, die Maßnahmen einzusetzen. Und Sie haben dieses Emailserver abends Abschalten oder Emails während des Urlaubs automatisch Löschen angesprochen: Vermeintlich ist das erst mal etwas ganz Schickes, weil wir damit diese ständige Erreichbarkeit ein Stückchen weit reduzieren, aber was ich dann von den Leuten höre, die in solchen Unternehmen arbeiten ist, dass die sich alternative Kanäle suchen. Die schicken sich dann halt Nachrichten per WhatsApp, und das ist ja doppelt schlimm. Zum einen weil es damit in den privaten Kanal geht, wo sie ihre privaten WhatsApp-Nachrichten sonst bekommen und überhaupt nicht die Chance haben, dem zu entkommen, sondern sehen, dass der Kollege ihnen geschrieben hat. Und aus Unternehmenssicht verlieren sie ja jeglichen Überblick über die Kommunikation, über die Daten, die da verschickt werden, über die Datensicherheit. Deswegen glaube ich, dass dieses Emailserver Abschalten oder Emails Löschen noch nicht die richtige Lösung ist.

Kloiber: Sie haben gerade gesagt, dass Sie in der Forschung dran sind, nachhaltige und wirksame – also bewiesenermaßen wirksame – Lösungen zu suchen, was könnte das sein?

Gimpel: Wir sind noch auf der Suche, die ganz fertigen Lösungen kann ich Ihnen noch nicht geben, aber was für uns ein ganz klares Thema ist, ist die gesunde, digitale Führung, wie wir das nennen. Die Führungskräfte, sei es ein Teamleiter, Abteilungsleiter, Bereichsleiter, die haben eine enorm wichtige Rolle: Die sind natürlich in einer schwierigen Position, weil sie zum einen selbst dem Stress ausgesetzt sind und zum anderen viel die Rahmenbedingungen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schaffen und da ja eigentlich auch Vorbildfunktion haben. Und das richtig hinzukriegen, das ist eine unglaublich schwierige Aufgabe. Und da sind wir gerade dabei, Trainings zu entwickeln, wie Führungskräfte sich darauf einstellen können, das Problems digitaler Stress. Wo ist der bei ihnen selbst, was kommunizieren sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, wie sie das erst mal erlernen können und dann auch in der betrieblichen Praxis umsetzen. Aber bis wir dafür dann genug Evidenz haben, dass wir auch wirklich sagen können, dass das nachgewiesen wirksam ist, dafür werden wir ungefähr noch ein Jahr brauchen.

Kloiber: Hört sich auch ein bisschen nach einem Hase und Igel Verfahren an, denn die Digitalisierung der Wirtschaft ist gerade erst am Anfang. Das heißt, der Digitalisierungs-Druck wird noch weiter zunehmen und die Lösungen bleiben aus.

Gimpel: Ich hoffe schon, dass wir auch Lösungen finden werden, aber ich bin absolut bei Ihnen, der Digitalisierungsdruck nimmt weiter zu und von daher werden die Probleme in Zukunft nicht kleiner, sondern größer. Das verstärkt sich noch dadurch, wenn wir uns mal anschauen, wer denn jetzt starken digitalen Stress verspürt, dann könnte man ja so landläufig meinen, naja, es sind die eher älteren Generationen, die diesen Umgang noch nicht so gewohnt sind, aber mit dem demographischen Wandel unserer Arbeitswelt wird sich das Problem dann auf Dauer reduzieren. Das stimmt nicht: Wenn wir uns anschauen, welche Altersklasse den stärksten digitalen Stress verspürt, dann sind das gerade so die Mittzwanziger bis Mittdreißiger. Die sind zwar vermeintlich – ich beziehe mich jetzt nur auf Umfragedaten und von ihrer Selbsteinschätzung her – digital kompetenter als die Älteren, aber die sind auch an den viel höher digitalisierten Arbeitsplätzen, und die stellen auch viel höhere Anforderungen an sich und ihre Kollegen. Und dadurch kommt dann, gerade bei den Jüngeren, der stärkere digitale Stress. Und von daher wird das mit den nachwachsenden Generationen und einer zunehmenden Geschwindigkeit der Digitalisierung eher noch ein größeres Problem werden in den nächsten Jahren. Deswegen brauchen wir unbedingt Lösungen dafür.

Kloiber: Über digitalen Stress sprach ich mit Professor Henner Gimpel vom Frauenhofer Institut für Angewandte Informationstechnik FIT.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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