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StartseiteSport am WochenendeKaratetraining für zuhause19.04.2020

Bewegung in CoronazeitenKaratetraining für zuhause

Serie: "Motiviert bleiben – Wie Sportvereine mit der Coronakrise umgehen“

Erfahrene Karatelehrer und -lehrerinnen zeigen Übungen und Tausende machen mit - zuhause vor ihrem Laptop oder Smartphone, per Live-Video. Karate@home heißt die Facebook-Gruppe, über die Karateka aus aller Welt in der Coronakrise kostenlos Hometraining anbieten.

Von Andrea Schültke

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Christine Giebe, Trägerin des 4. Dan im Shotokan-Karate, demonstriert eine typische Bewegung aus einer Kata. (picture alliance / dpa / Hans Wiedl)
Karate, gut für Körper und Geist - und auch online trainierbar (picture alliance / dpa / Hans Wiedl)
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Und dann geht sie los – die tägliche Stunde Karatetraining, aufgenommen entweder im ausgeräumten Wohnzimmer, einer Ecke zwischen Fernseher, Pflanzen und Bücherregal oder auch in einem leeren Dojo, einem Karate-Trainingsraum.

Training per Live-Video

In dieser Umgebung filmt sich jeden Tag einer oder eine andere Karateka beim Training und sendet das Video live in Wohnungen auf der ganzen Welt. Hunderte sehen zu und machen mit – Karate at home.

Die Idee dazu hatte der Kölner Martin Buchstaller, selbst sehr erfahrener Karate-Lehrer und Träger des 5. Dan. Obwohl alle Sportanlagen geschlossen sind, wollte der ehemalige Jugendnationaltrainer etwas bewegen:

"Und habe sehr spontan auf Facebook eine Karateeinheit eingestellt. Für 18 Uhr eine Stunde Grundschule, so nennt man das bei uns. Und das erste Training fand dann statt, recht nervös. Ich habe noch nie Training von der Kamera gegeben. Und dann ist da über Nacht unheimlich viel Zuspruch entstanden. Meine Freundin Nadja rief mich an aus New York."

Weltweite Bewegung

Aus der Ferne hatte Nadja Koerner das Training ihres langjährigen Karate-Kollegen und Freundes via Internet verfolgt und mittrainiert. Sie war nicht die einzige:

"Wir hatten, glaub ich, bei dieser ersten Session, bei dieser ersten Einheit, über hundert Leute, die weltweit zugeschaut haben, und ganz viele positive Kommentare. Und das war dann wirklich der Startpunkt des Ganzen."

Beide haben ihre nationalen und internationalen Kontakte aktiviert, von dem Projekt erzählt und "innerhalb von vier Tagen hatten wir fast 3.000 Mitglieder ohne einen Cent Werbung wirklich nur durch Mund zu Mund Propaganda und die Netzwerke, die wir beide haben - dadurch, dass wir seit über 30 Jahren Karate machen."

Mehr als 8.000 Mitglieder aus rund 100 Ländern

Inzwischen hat die Facebook-Gruppe Karate@home über 8.000 Mitglieder. Aus mehr als 100 Ländern. Mit hochrangigen, meist männlichen Lehrern. Darunter Welt- und Europameister oder Nationaltrainer ihres Landes.

"Die Mindestanforderung ist 3. Dan im Karate, da ist man schon ein erfahrener Lehrer. Titel sind schön, müssen aber nicht sein. Uns ist viel wichtiger die Persönlichkeit des Trainers. Und da muss ich sagen, haben wir bisher unheimliches Glück gehabt. Ganz tolle Menschen, die hier unterrichtet haben. Und mit jedem Trainer kommt eine neue Gemeinschaft dazu."

Digitales Karate-Training in Corona-Zeiten (privat)Digitales Karate-Training in Corona-Zeiten (privat)

Inzwischen sind auch Trainer aus Afrika dabei. Der erste war Mourad Saihia aus Algerien. "Und so geht es Stück für Stück von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent." Wer nicht bei der täglichen Live-Session mitmachen kann, findet die Trainingseinheiten anschließend als Aufzeichnung im Netz.

Unterschiedliche Orte, unterschiedliche Schwerpunkte

Alle Trainerinnen und Trainer setzen unterschiedliche Schwerpunkte – und liefern interessante Ein- und Ausblicke: Der tschechische Nationaltrainer Richard Ruzicka etwa hat sich den Stoffaffen seines Sohnes als Trainingspartner in sein Wohnzimmer gesetzt. Und bei Marcel Rodrigue aus Australien geht während des Trainings die Sonne hinter den Palmen unter.

Martin Buchstaller hat dem inzwischen weltweiten Karatenetzwerk lediglich drei Regeln gegeben:

"Die erste Regel ist: Non-Profit. Das hat nichts mit Geld zu tun. Wir veröffentlichen auch keinerlei Werbung. Die zweite Regel ist: Keine Politik, wir sind offen für alle Verbände. Hier geht es darum, zusammenzuhalten in dieser Karatewelt. Und die dritte Regel ist: "no bashing", nur "positive comments"".

Der Kölner Karate-Trainer Martin Buchstaller (links im Bild) (privat)Der Kölner Karate-Trainer Martin Buchstaller (links im Bild (privat)

Er mache jedes Training mit, erzählt Buchstaller, und spüre den Muskelkater. Ähnlich beschreibt es Nadja Koerner. Sie ist in New York täglich dabei und beeindruckt von der Möglichkeit, bei hoch dekorierten Lehrmeistern zu trainieren, mit denen sie sonst nie in Kontakt käme.

Ablenkung vom Corona-Alltag

Das zieht auch andere Karateka an – wie Merlyn aus Kanada. Die junge Frau postet ein Video in der Gruppe. Es zeigt sie und ihre beiden Söhne im Wohnzimmer. Lehrerin Marie Duus Mortag aus Dänemark kommt via Bildschirm zu ihnen. Karatetraining über tausende Kilometer Entfernung.

Nicht nur für die kanadische Familie eine Ablenkung vom coronabedingten Zuhausebleiben. Für Nadja Koerner sind es drei Gründe, warum die Plattform karatebegeisterten Menschen weltweit Hilfestellung bietet: Es halte fit, fördere den Geist und Disziplin: "Und mit der ganzen Situation, in denen die Regierung die Bevölkerung bittet, daheim zu bleiben, das erfordert Respekt."

Das tägliche Training mache ruhiger und gelassener, bestätigt auch Martin Buchstaller. Karate@home habe durch den großen Zuspruch für unerwartet viel Arbeit gesorgt, für wenig Schlaf. Und für viele positive Rückmeldungen an den Organisator und die Organisatorin.

Das Heimtraining soll weitergehen

Deshalb soll Karate@home weitergehen, auch wenn die Karatetrainingszentren irgendwann wieder öffnen dürfen:

"Weil diese internationale Verbindung über die Verbandsgrenzen hinweg, die ist einfach einzigartig. Wir wollen die Vereine unterstützen, das heißt, wir müssen unser Konzept dann ein bisschen anpassen und an der Strategie, wie wir weitermachen arbeiten wir zurzeit in aller Ruhe."

Vorerst klingt Karate@home täglich zwischen 18 und 19 Uhr so oder ähnlich: Nach einer Stunde live-Training via Internet ist der jeweilige Trainer oder die Trainerin ins Schwitzen gekommen, außer Puste und verabschiedet sich von seiner online-community in aller Welt:

"Thank you from NY City!"
"Keep up training, stay healthy, wash your hands!"
"Goodbye."

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