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StartseiteTag für Tag"Ein grotesker Auftritt"03.06.2020

Bibel-Foto von US-Präsident Trump"Ein grotesker Auftritt"

Donald Trump ließ sich mit der Bibel in der Hand vor einer Kirche fotografieren und drohte den Demonstrierenden. Das sei eine Botschaft an die evangelikale Wählerschaft, sagt der USA-Experte Michael Hochgeschwender. Trump inszeniere sich als Herr der Ordnung und Retter der Religionsfreiheit.

Michael Hochgeschwender im Gespräch mit Susanne Fritz

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Donald Trump posiert am 01. Juni 2020 mit einer Bibel vor der St. John's-Kirche in Washington DC. (Picture Alliance / Consolidated News Photos / Shawn Thew)
US-Präsident Trump wirbt inmitten der Proteste um die Unterstützung der evangelikalen Christen (Picture Alliance / Consolidated News Photos / Shawn Thew)
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Durch die amerikanische Gesellschaft geht ein tiefer Riss. Das zeigen einmal mehr die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt, nachdem erneut ein schwarzer US-Bürger bei einem Polizeieinsatz getötet wurde. Der amerikanische Präsident Donald Trump hat darauf mit einer Drohung reagiert: Er will das Militär schicken, um gewaltsame Proteste zu stoppen.

Ein Mann umarmt einen Polizisten (imago images / ZUMA Wire) (imago images / ZUMA Wire)Proteste in den USATrump will "weiter spalten" 
Nach den massiven Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA droht Präsident Donald Trump unter anderem mit einem Militäreinsatz. Das sei "hohes politisches Theater, mit dem der Präsident seine Anhänger an sich binden möchte", sagte die Politikwissenschaftlerin Cathryn Clüver Ashbrook im Dlf.

Am Montag ließ Trump auch auf eine friedliche Demonstration am Weißen Haus mit Tränengas feuern. Der Grund: Er wollte die nahe St.-Johns-Church besuchen, um sich dort mit einer Bibel in der Hand fotografieren zu lassen. Die Kirche ist seit einigen Tagen mit Brettern vernagelt.

Im Dlf spricht Michael Hochgeschwender, Professor für nordamerikanische Kulturgeschichte, empirische Kulturforschung und Kulturanthropologie an der Universität München, über diese symbolische Inszenierung des Präsidenten.


Michael Hochgeschwender: Er wollte offenkundig zeigen, dass er stark ist und die Situation unter Kontrolle hat. Gleichzeitig sendet er eine Botschaft an Teile seiner Stammwählerschaft aus dem evangelikalen Lager: Ich garantiere Law and Order, Gesetz und Ordnung, ich garantiere die Religionsfreiheit, und ich bin deswegen die Rettergestalt, die ihr benötigt, um euch vor den Demokraten zu schützen. Also da gehen sozusagen der Wahlkampf und der Versuch, Ordnung zu zeigen, Hand in Hand.

"Keine Kontrolle und keine Inhalte"

Fritz: Wie waren die Reaktionen auf diese Inszenierung von Trump? Es hat ja auch durchaus Kirchenvertreter gegeben, die darauf kritisch reagiert haben?

Hochgeschwender: Ja, vor allem die episkopale Kirche, um die es hier geht, hat sehr kritisch darauf reagiert: Die zuständige Bischöfin hat sich sofort davon distanziert, auch der Primas der Episkopalkirche in den USA hat sich davon distanziert. Einige katholische Kleriker haben sich davon distanziert. Also es war im Grunde ein grotesker Auftritt, weil er auch sozusagen die Bibel nur gezeigt hat, sie hatte ja keinerlei weitreichende Bedeutung – und das ist in priesterlichen und klerikalen Kreisen nicht auf große Zustimmung gestoßen.

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Fritz: Was wollte der amerikanische Präsident damit eigentlich sagen? Inwiefern sollen denn Rassismus und kirchliche Lehre in irgendeiner Form im Widerspruch stehen oder Gemeinsamkeiten haben? Was war da der Inhalt seiner Botschaft?

Hochgeschwender: Ja, das ist genau die Frage – im wahrsten Sinne des Wortes: Was wollte er uns damit sagen? Denn eigentlich war es ein relativ leerer Gestus, den er da begangen hat. Er hat ja wenig gesagt, außer, dass die USA ein großartiges Land wären. Das zeigt im Grunde, dass er keine Kontrolle hat und dass er auch keine Inhalte hat. Nicht umsonst glauben viele Amerikaner ihm nicht, dass er besonders religiös sei. Und er muss jetzt gegenüber seiner Stammwählerschaft irgendwie demonstrieren, ich habe euch etwas inhaltlich anzubieten – im Angesicht dessen, dass er die Pandemie nicht im Griff hat, dass er die Wirtschaft nicht im Griff hat und dass er die Aufstände nicht im Griff hat. Und dann kommt eben diese etwas alberne Inszenierung.

Trump braucht die Evangelikalen

Fritz: Amerikanische Präsidenten haben ja immer wieder die Religion für politische Zwecke instrumentalisiert – das ist jetzt auch bei Donald Trump nicht anders. Warum ist das offenkundige Bekenntnis zur christlichen Religion – er ist ja offenbar gar nicht religiös, wie Sie gerade ausgeführt haben – jetzt so wichtig für den Präsidenten?

Hochgeschwender: Weil der größte Teil seiner Stammwählerschaft aus evangelikalen Christen besteht, also weißen Rechts-Evangelikalen. Und denen muss immer wieder signalisiert werden: Ich stehe auf eurer Seite. Er kann auf die relativ sicher bauen, weil die Demokraten überhaupt keine Chance haben, auf diese Leute zuzugehen. Das hängt mit der Haltung der Demokraten zur Homosexuellen-Ehe, zu Abtreibungsfragen zusammen. Gleichzeitig hat diese Wählerschaft in Zeiten von Corona Angst, dass ihre Religionsfreiheit eingeschränkt wird. In vielen Bundesstaaten sind Gottesdienste verboten. Und Trump hat ja bereits Kirchen und Gottesdienste zu systemrelevanten Einrichtungen erklärt und gesagt, man solle sie durchführen. Auch das war ein Signal an seine Wähler: Ich stehe an eurer Seite, ich beschütze euch vor der Religionsfeindlichkeit der demokratischen Partei.

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Fritz: Im November sind Präsidentschaftswahlen in den USA. Welche Rolle spielt denn die christliche Wählerschaft dabei?

Hochgeschwender: Sie ist, vor allen Dingen die evangelikale Wählerschaft, relativ leicht mobilisierbar. Sie ist verunsichert. Und man darf auch nicht vergessen, dass Corona gerade evangelikale Wähler eines höheren Alters ja jetzt auch bedroht. Das heißt, es gibt hier große Verunsicherungen. Da sie aber leicht mobilisierbar sind, muss Trump sich letztlich auf sie stützen, denn ohne sie hat er nicht den Hauch einer Chance, zu gewinnen. Würde seine evangelikale Stammwählerschaft abbröckeln, dann gäbe es für ihn keinerlei Chancen, diesen Wahlkampf zu gewinnen.

Ein Viertel der US-Amerikaner ist rechts-evangelikal

Fritz: Das heißt also, konservativ-christliche Wertvorstellungen, die christliche Wählerschaft hat immer noch einen sehr großen Einfluss in der amerikanischen Gesellschaft?

Hochgeschwender: Ja, er lässt relativ nach, aber ist immer noch sehr stark. Man schätzt, dass zwischen 20 und 25 Prozent der Amerikaner diesem evangelikalen Segment angehören, also dem Rechts-Evangelikalen – es gibt ja auch Links-Evangelikale, die den Demokraten nahestehen, vor allem schwarze Evangelikale. Aber dieses rechts-evangelikale Segment macht etwa 20 bis 25 Prozent der Wählerschaft aus. Und, wie gesagt, die sind leichter zu mobilisieren als andere Gruppen, und deswegen sind sie für ihn so wichtig.

"Je liberaler die Gemeinden, umso kleiner werden sie"

Fritz: Gibt es so etwas wie eine unheilige Allianz zwischen Rassismus und einem konservativen Christentum der weißen Bevölkerung in den USA?

Hochgeschwender: Nicht notwendig. Viele dieser evangelikalen Prediger haben inzwischen "rassisch gemischte" Gemeinschaften, also da werden schwarze und weiße Gläubige angesprochen. Es gibt eine Art Ausrichtung an bestimmten Formen des Südstaaten-Rassismus, die in einigen dieser Gruppen noch präsent ist, aber Rassismus ist nicht das Zentrale am Evangelikalismus. Das sind andere Gruppen: Es gibt religiöse Gruppen, die sehr stark rassistisch sind, "Christian Identity" zum Beispiel – die sind eigentlich nur noch rassistisch und gar nicht mehr christlich. Im evangelikalen Bereich geht es wirklich zentral um religiöse Fragen und um Fragen der gesellschaftlichen Ordnung. Und da wird Destabilisierung, wie sie momentan stattfindet, als Gefahr empfunden.

Fritz: Was ist denn mit den liberalen christlichen Gemeinden, die gibt es ja nun auch? Sind da die Trump-Kritiker zu finden?

Hochgeschwender: Ja, die sind oft aus liberalen christlichen Gemeinden. Da muss man allerdings sagen, das kann man am Beispiel der Episkopalkirche gut belegen, dass je liberaler sie werden, umso kleiner werden sie. Die Episkopalen haben im Lauf der letzten 30 Jahre über zwei Drittel ihrer Gläubigen verloren, die dann zu konservativeren Gemeinschaften ausgewandert sind und sich von den Episkopalen losgesagt haben. Also das liberale Christentum in den USA ist vergleichsweise schwach.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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