Montag, 26. Februar 2024

Bildungsgerechtigkeit
Wie wichtig das Einkommen der Eltern ist

Laut Studien ist das Elternhaus entscheidend für den Bildungsweg. Wer arm ist, macht im Durchschnitt seltener Abitur. Wie lässt sich mehr Bildungsgerechtigkeit herstellen?

02.01.2024
    Schüleinnen und Schüler eines Biologie-Leistungskurses beim Unterricht.
    Bildungschancen hängen in Deutschland laut Studien nach wie vor stark vom Bildungsgrad und vom Einkommen des Elternhauses ab. (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)
    Alle können Abitur machen, einen Uni-Abschluss erreichen und so einen gut bezahlten Job in Wirtschaft oder Verwaltung anstreben – zumindest in der Theorie. In der Wirklichkeit bleiben höhere Bildungsabschlüsse vielen Menschen in Deutschland verwehrt. Und dabei gibt es eine starke soziale Schlagseite. Es kommt also nicht nur auf Bildungseifer, Begabung und Intelligenz an.
    Wer aus einem Elternhaus mit höherem Einkommen und höherem Bildungsniveau kommt, erreicht in Deutschland mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit ein ähnliches oder höheres Bildungslevel – anders als Kinder aus armen Familien. Das Problem ist nicht neu, sondern seit Jahrzehnten durch wissenschaftliche Studien belegt. Manche Beobachter sehen darin „Züge einer Klassengesellschaft“, zumal auch der Habitus eine Rolle dabei spiele, wer im Bildungssystem gefördert wird.
    So gab es etwa immer wieder Kritik daran, dass auch staatlich bezuschusste Förderwerke mehrheitlich Studierende aus eher gut situierten Akademikerfamilien unterstützten.

    Inhalt

    Was besagen Studien zur Bildungsgerechtigkeit?

    Der Besuch eines Gymnasiums ist oft entscheidend für den weiteren Bildungs- und Berufsweg. Und schon zu diesem frühen Zeitpunkt gibt es auffällige soziale Unterschiede. Bei einem Kind mit einem alleinerziehenden Elternteil ohne Abitur aus dem untersten Einkommensviertel und mit Migrationshintergrund liegt die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, bei 21,5 Prozent. Das geht hervor aus dem „Chancenmonitor“, einer Untersuchung des ifo Zentrums für Bildungsökonomik von 2023. Die Gymnasialrate liegt bei 80,3 Prozent, wenn das Kind mit zwei Elternteilen mit Abitur aus dem obersten Einkommensviertel und ohne Migrationshintergrund aufwächst.
    „Die entscheidenden Faktoren für die Bildungschancen von Kindern in Deutschland sind Bildung und Einkommen der Eltern. Weniger bedeutend ist ein Migrationshintergrund“, sagte Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik.
    Schulabschluss von Jugendlichen in Deutschland im Vergleich zum Abschluss des Vaters 2019
    Schulabschluss von Jugendlichen in Deutschland im Vergleich zum Abschluss des Vaters 2019 (Statista)
    Zu einem ähnlichen Ergebnis kam bereits der "Hochschulbildungsreport 2020". Eine Zugangsberechtigung zu Universitäten oder anderen Hochschulen erwerben demnach bereits nur etwa halb so viele Nichtakademiker- wie Akademikerkinder. „Doch danach hört die soziale Selektion nicht auf: Bis zum Master steigt die Relation auf knapp 1:6, bis zum Doktortitel sogar auf 1:10. Das heißt, von 100 Akademikerkindern erwerben durchschnittlich zehn den Doktortitel, von 100 Nichtakademikerkindern nur eines.“ Studierende aus Nichtakademiker-Familien brechen ihr Studium demnach deutlich öfter aus finanziellen Gründen ab.
    „Im deutschen Bildungs- und Hochschulsystem herrscht eine starke soziale Selektivität vor“, so das Fazit. Auch bei der beruflichen Bildung sieht eine OECD-Studie aus dem Herbst 2023 eine wachsende Kluft zwischen gut und schlecht ausgebildeten Menschen in Deutschland.

    Was sind die Ursachen der fehlenden Bildungsgerechtigkeit?

    Nach der Iglu-Studie, die ähnliche Befunde brachte, sagte der Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani der „taz“ zu den Motiven einkommensschwächerer Eltern, ihre Kinder nicht zum Gymnasium zu schicken: „Die Eltern befürchten, dass sie ihren Kindern auf einem Gymnasium nicht helfen können, weil sie selbst etwa nur eine Hauptschule besucht haben. Sie sorgen sich, dass ihre Kinder sich dann alleine durchkämpfen müssen. Die Eltern meinen teils auch, dass nur Kinder von Anwältinnen, Ärzten und Lehrerinnen Gymnasien besuchen. Das ist in der Realität natürlich nicht mehr so.“
    Zudem könnten Lehrkräfte die Kinder unbewusst falsch einschätzen, „etwa weil sie selbst akademisch geprägt sind und dadurch die Talente von ebenfalls akademisch geprägten Kindern eher erkennen“, so der Forscher. „Teilweise entscheiden sich Lehrkräfte auch bewusst gegen eine Gymnasialempfehlung, weil sie befürchten, dass Kinder aus ärmeren Haushalten auf einem Gymnasium schlechter klarkommen.“
    Armut gilt als zentrale Ursache für fehlende Bildungschancen. Im Koalitionsvertrag von 2021 hat sich die Bundesregierung vorgenommen, Kindern und Jugendlichen „unabhängig von der sozialen Lage ihrer Eltern“ bessere Bildungschancen zu ermöglichen. Die Armut- und Reichtumsberichte der Regierung geben Auskunft darüber, wie weit es auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit noch ist. Auch das umfangreiche Datenmaterial des Statistischen Bundesamts verdeutlicht, wie eng Armut und mangelnde Bildung zusammenhängen.

    Welche Lösungsansätze gibt es für mehr Bildungschancen?

    Ein Baustein auf dem Weg zur Chancengleichheit sei die spätere Verteilung auf verschiedene Schularten, sagt der Bildungsforscher Ludger Wößmann: „Es müsste dazu kommen – und das ist in Deutschland ein heikles Thema –, dass wir nicht schon nach der vierten Klasse aufteilen auf verschiedene Schularten. Denn dann haben die bildungsfernen Schüler wenig Chancen gehabt, ihr volles Potenzial zu zeigen. De facto wird dann nach der dritten Klasse entschieden, wo ich hingehe. Wenn das so früh ist, dann sehen wir sehr stark, dass diese Entscheidung besonders stark von dem familiären Hintergrund abhängt und gar nicht so sehr von dem wirklichen Potenzial der Kinder. Länder, in denen das später geschieht, schaffen es, dass am Ende der Schulzeit größere Chancengleichheit besteht.“
    Bei der Vorstellung des „Chancenmonitors“ 2023 schlugen die Forscher vor, gerade Kinder aus ärmeren Haushalten gezielter zu fördern. Ein Beispiel dafür: Die Kita soll von Anfang an komplett kostenfrei sein. Die Anmeldung zur Kita soll obligatorisch sein – Eltern müssten ihr Kind also aktiv abmelden. Auch eine kostenfreie Nachhilfe wurde angeregt. Zudem solle es mehr Mentoring-Programme geben, um Schüler zu fördern. An sogenannten Brennpunkt-Schulen sollen Lehrkräfte besser bezahlt werden, um Anreize zu schaffen, um dort zu unterrichten.
    „Bildung ist kumulativ“, sagte Wößmann vom ifo Institut für Bildungsökonomik bereits vor Jahren. Deshalb sei es wichtig, im Sinne der Chancengleichheit schon möglichst früh mit der Förderung zu beginnen. „Wenn wir wirklich wollen, dass später mehr Kinder aus benachteiligten Schichten auf die Uni kommen, dann müssen wir im frühkindlichen Bereich ansetzen, schon vor der Grundschule, damit sie ähnliche Startchancen in dem Bereich haben.“ Schon seit Längerem gibt es den Vorschlag, Schülerinnen und Schüler mit Intelligenztests besser einzuschätzen. Laut einer Studie könnte dies dazu führen, dass die Platzierung auf der weiterführenden Schule sozial gerechter wird.

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