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StartseiteBücher für junge LeserJugendliche Alltags-Heldin mit sonnigem Gemüt 30.03.2019

Billie-RomaneJugendliche Alltags-Heldin mit sonnigem Gemüt

Als "Pippi Langstrumpf des 21. Jahrhunderts" in einer Kritik bezeichnet, geht die zwölfjährige Billie in den drei Büchern der Billie-Reihe ihren ganz eigenen Weg. Dieser führt von Stockholm aus ins kleine Kaff Bokarp – weg von ihrer Mutter und hin zu einer neuen Familie.

Von Karin Hahn

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Buchcover: Sara Kadefors: "Billie", "Billie - wer sonst" und "Billie - Alle zusammen" (Buchcover: Verlag Urachhaus)
Drei Bände über ein starkes Mädchen, das mit ihren unbeschwerten Reflexionen über Freundschaft, Familie, Nähe, Musik aber auch Kunst beeindruckt (Buchcover: Verlag Urachhaus)

Billie wohnt mit ihrer übergewichtigen Mutter, die an der Nervenkrankheit Multiple Sklerose erkrankt ist, in einer Einraumwohnung in Stockholm. Das Mädchen hat weder einen eigenen Schreibtisch, noch einen Kleiderschrank. Billie kann sich nicht erinnern, dass ihre Mutter je gekocht hat, oder dass Geburtstage gefeiert wurden. Wenn Billie sich nicht um ihre phasenweise depressive Mutter kümmert, sieht sie eine Krimi- oder Horrorserie nach der anderen auf ihrem Laptop. Doch eines Tages schlägt ein Pfleger Alarm und informiert das Jugendamt, und das Jugendamt legt fest, dass Billie nicht mehr bei der Mutter, sondern bei einer Pflegefamilie leben muss. Die Sozialarbeiterin Cecilia fährt mit Billie in den kleinen Ort Bokarp.

"Mit einem Seufzer lasse ich mich auf den Sitz fallen. ‚Ich komme sehr gut ohne dich zurecht.‘ - ‚Das ist nicht besonders nett.‘ – ‚Ich bin kein Kind mehr.‘ – ‚Mit zwölf ist man sehr wohl noch ein Kind.‘ - Ihr Blick klebt an meinem Gesicht. Ich bin nicht sauer auf sie, aber ich finde alles ziemlich lächerlich. Allein zu reisen ist viel einfacher. Wenn Cecilia dabei ist, muss ich mich auch noch um sie kümmern, damit sie das Gefühl hat, gebraucht zu werden."

Ein neues Zuhause

Selbstständig und reif für ihr Alter entspricht Billie als Ich-Erzählerin nicht dem verhaltensauffälligen Pflegekind, das den üblichen Klischees nach aus einer dysfunktionalen Familie stammt. Billie liebt ihre Mutter bedingungslos und ihre Mutter liebt die Tochter, obwohl sie keine Verantwortung für sie übernehmen kann. Mit ihrer positiven Sichtweise führt Billie durch die gegenwärtige Handlung und stellt dem Leser ihre Pflegefamilie im langweiligen Bokarp vor. Petra Persson ist Pfarrerin, ihr Mann Mange arbeitet als Sportlehrer. Sie haben zwei Kinder. Alvar ist zwölf Jahre alt, wie Billie. Tea ist zehn. Billie konfrontiert die Familie sofort mit ihrer direkten Art und registriert, dass bei aller Ordnung und peinlichen Sauberkeit im Hause Persson eine unerklärliche Kälte herrscht. 

"Plötzlich möchte ich mich am liebsten in eine Schachtel verkriechen und dort verstecken. Dieses Haus ist viel zu geräumig. Mein Zimmer ist viel zu geräumig. Ich weiß gar nicht, was ich mit so vielen Quadratmetern anfangen soll. … Außerdem herrscht bei der Familie Persson eine ganz komische Stimmung. Als träten sie alle in einer Fernsehsendung auf. Ich wünsche mir, dass die Kameras ausgeschaltet werden und alle wieder sie selbst sind. Alvar und Tea sind vor dem Zimmer stehen geblieben wie gespenstische Kinder in einem Horrorfilm, ernst und schweigsam. Alvar hat mir noch immer nicht in die Augen geschaut, was mich schon ein bisschen ärgert."

Der introvertierte Alvar und die schweigsame Tea brauchen eine Weile, um sich an Billie zu gewöhnen, an ihre Dreadlocks und schrägen Klamotten. Billie versucht sich an die mustergültige Umgebung mit ihren unumstößlichen Regeln, so gut es geht, anzupassen, denn sie glaubt, dass ihr Aufenthalt nur vorübergehend ist.

"Es ist ein ungewohntes, fast feierliches Gefühl, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen. Ich bin vollauf damit beschäftigt, mich korrekt zu verhalten. Mit dem Essen wird erst begonnen, wenn ein Erwachsener ‚Bitte schön‘ gesagt hat, man muss Salat nehmen, … man schaufelt das Essen nicht in sich hinein … Letzteres erkenne ich an ihren Blicken."

Billies Beobachtungen und Auflehnung

Wie ein fremdes Biotop beobachtet Billie die perfekte Familie, in der die Kinder den Eltern nicht widersprechen. Bei den Perssons wird kein Essen bestellt, sondern mit gesunden Zutaten selbst gekocht. Süßigkeiten sind am Wochenende erlaubt, es gibt zwei computerfreie Tage in der Woche und Spieleabende und Wochenendausflüge in die Natur sind eiserne Pflicht. Um sich von all diesen Zwängen zu befreien, läuft Billie gern in den nahe gelegenen Wald und singt laut die Songs von Michael Jackson. Petra und Mange versuchen, auf ihre Pflegetochter einzugehen. Doch Billie bemerkt hinter Petras Freundlichkeit Härte und gleichzeitig Traurigkeit und hinter Manges sinnlosem Geplapper Unsicherheit. Langsam geht Billie die vorsichtige Art der Perssons, die seelenlose Umgebung und die bedrückende Stimmung auf die Nerven.

"Gelassen stelle ich ein Glas auf die glänzende Tischoberfläche und wende mich an Petra: ‚Die Sache ist die: Ich mag keine Regeln. Ich mag keine Ordnung. Ich mag nicht, dass alle Leute alles gleich machen sollen.‘ - Mange lässt von seinem Salat ab und betrachtet mich entsetzt. Petra sieht aus, als könnte sie jeden Moment in Ohnmacht fallen."

Weitere Konflikte bahnen sich an, denn Billie sieht nicht ein, dass sie wochentags um neun Uhr abends das Licht ausmachen und auf ihre Serien verzichten muss. Um Petra und Mange einen Gefallen zu tun, begleitet Billie diese in die Kirche und zum Tischtennisverein. Trotz allem Neuen hält Billie den Kontakt zur Mutter, die doch eifersüchtig ist. Einerseits kann sie es nicht lassen, sich über ihre Pfleger oder ihre finanzielle Lage bei ihrem Kind zu beschweren, andererseits ist sie aber auch wieder ganz lieb.

"Ich und Mama reden nur noch davon, wie sehr wir uns nacheinander sehnen. Wir umarmen unsere Bildschirme mit unseren Gesichtern darin. Ich kenne keinen Menschen, der gut riecht, selbst wenn er verschwitzt ist, außer Mama. Dann reden wir über die neueste Folge einer Serie, die wir seit gestern anschauen. Petra und Mange haben keine Ahnung davon, dass ich mir schon sieben Folgen heimlich unter dem Bett angeschaut habe."

Petra und Mange sind suspekt

In der Schule ist Billie anfänglich die Exotin. Aber auch hier stellt sie sich auf ihre Mitschüler ein, bleibt trotzdem sie selbst und lässt sich nicht vereinnahmen. Sie wird sogar zur Schülerhelferin gewählt, denn Billie kann den Mund halten, wenn es sein muss. Und sie verliebt sich in Douglas, Alvars Cousin, den Alvar jedoch hasst. Alvar und Tea, beide haben keine Freunde in der Schule, kommen mit Billies spontaner Offenheit zu Beginn nicht klar. Alvar versteckt seine künstlerische Begabung. Tea spielt die Erwachsene und stellt Schmink-Videos auf Youtube.

Erst im dritten Band werden Tea und Alvar nicht mehr hinter verschlossenen Türen ihren Interessen nachgehen, sich gegen die hohen Erwartungen der Eltern auflehnen und gemeinsam mit Billie entspannt eine Serie sehen.

"Petra und Mange sind mir suspekt. Petra bittet uns den Tisch immer abzuwischen und die Müslipackung in den Schrank zurückzustellen. Sie findet, dass man rechtzeitig ins Bett gehen und Bücher lesen soll. So viele Dinge sind in ihrer Welt von Bedeutung. Aber den eigenen Kindern zu zeigen, dass man sich um sie kümmert, scheint nicht so wichtig zu sein. Ich sehe sie fast nie Tea umarmen, aber sie nörgelt oft an Teas Kleidern und anderen Dingen herum, die ihrer Tochter Spaß machen. Mit Mange ist es das Gleiche."

Das Familiengeheimnis

Warum sich Petra und Mange so distanziert und regelkonform verhalten, erfährt Billie erst durch einen Zufall. Der jüngste Sohn der Familie Persson, Casper, ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Er wollte nicht im Buggy bleiben und hatte sich am Straßenrand von Petras Hand losgerissen. Billie wird die Perssons durch ihr naives, aber interessiertes Nachfragen aus der Erstarrung befreien. Endlich werden sie über Casper und das, was geschehen ist, reden und sogar ein Bild von ihm aufhängen. 

Aber auch Billie ahnt, dass das Leben bei den Perssons sie verändert hat. Durch die räumliche Distanz zu ihrer Mutter erkennt sie, dass diese ihr viel zu viel Verantwortung zugeschoben hat, und sie sich abgrenzen muss.

"Zuletzt verspricht sie mir jedenfalls, wieder gesund zu werden. ‚Aber dir ist doch klar, dass meine Krankheit unheilbar ist, Billie?‘ - ‚Musst du mir das denn immer sagen? Ich bin ein Kind! Ich muss nicht alles wissen. Kapier das doch endlich!‘

Am Ende weiß Billie, dass sie ihre Mutter immer lieben wird, aber sie weiß auch, dass auf Petra und Mange, auch wenn beide sich trennen werden, Verlass ist. Sara Kadefors hat mit Billie eine starke Mädchenfigur erdacht, die mit ihren unbeschwerten Reflexionen über Freundschaft, Familie, Nähe, Musik aber auch Kunst beeindruckt. In dialogstarken, alltagstauglichen Szenen geht Billie auf unterschiedliche Menschen zu, fordert sie heraus, bleibt neugierig und verändert sogar ihre eigene Meinung, zum Beispiel über Bokarp. 

Sara Kadefors: "Billie - Abfahrt 9:42", aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger, Verlag Urachhaus, 176 Seiten, 14,90 Euro

Sara Kadefors: "Billie – Wer sonst?", aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger, Verlag Urachhaus,  176 Seiten, 15,00 Euro

Sara Kadefors: "Billie – Alle zusammen", aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger, Verlag Urachhaus, 176 Seiten, 15,00 Euro

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