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StartseiteWirtschaft und GesellschaftGutes Image, schlechte Arbeitsbedingungen?02.05.2019

Bio-SupermärkteGutes Image, schlechte Arbeitsbedingungen?

In Bio-Supermärkten kann man guten Gewissens konsumieren, heißt es. Die Waren sind ökologisch produziert, gerne auch mit Fairtrade-Siegel. Doch die Mitarbeiter werden längst nicht immer fair behandelt. Es gibt nur wenige Gewerkschafter und Betriebsräte, die sich für sie stark machen können.

Von Daniela Siebert

Das Logo des Unternehmens Alnatura und dessen Slogan "Sinnvoll für Mensch und Erde", aufgenommen am 13.08.2013 in einem Alnatura Markt in Darmstadt (Hessen). Foto: Daniel Reinhardt/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Bei Alnatura in Freiburg gibt es einerseits einen der ältesten Betriebsräte der Branche, in der Bremer Filiale, so Gewerkschafter, wird aber ein zweiter Betriebsrat verhindert. (dpa)
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Wer sich zu den Arbeitsbedingungen in Biosupermärkten umhört, stößt schnell auf drei verbreitete Probleme: niedrige Löhne, viele Überstunden, Arbeitsverdichtung in einer boomenden Branche. Orhan Akman beobachtet diese Handelssparte für den Bundesverband der Gewerkschaft Verdi und bilanziert:

"Wir haben enorme Arbeitsbelastungen wegen der Öffnungszeiten, weil viele Unternehmen bis in die Nachtstunden öffnen, wir haben immer größere Flächen und immer weniger Personal und dann auch immer weniger in Vollzeit. Wir erleben einfach, dass, wo es keine Betriebsräte gibt, dass die Arbeitgeber natürlich einseitig über die Einsatzpläne entscheiden können, wann man in Urlaub gehen kann, wie man eingesetzt wird, in der Fläche oder an der Kasse oder im Verkauf."

Löhne unter Tarif, kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld

In Berlin sitzt die Supermarkt-Kette "Bio Company". Hier gibt es seit mehreren Jahren einen 15-köpfigen Gesamtbetriebsrat. Aus Kreisen der Mitarbeiter erfahren wir, dass Überstunden nicht bezahlt werden, aber als Freizeit abgebummelt werden können. Die Löhne seien unter Tarif-Niveau, Weihnachts- und Urlaubsgeld gibt es nicht. Das Personal sei knapp, das bedeute viel Arbeit für wenige. Viel verbessern konnte der Betriebsrat bislang nicht. Immerhin: bei Mitarbeitergesprächen sei er jetzt dabei und Ruhepausen würden besser eingehalten, heißt es.

Er kenne keine einzige Bio-Supermarktkette, die Tarifverträge abgeschlossen habe, sagt Orhan Akman von Verdi. Und es gebe kaum Betriebsräte in der Branche, nicht mal fünf von denen er weiß.

Verhindert Alnatura Betriebsräte?

Einer der ältesten ist der Betriebsrat bei Alnatura in Freiburg, 2010 gegründet. Ein zweiter Alnatura-Betriebsrat in Bremen wird zwar seit Jahren von Teilen der Belegschaft angestrebt, konnte bislang aber nicht gewählt werden. Schon um die Einsetzung des Wahlvorstandes ist ein heftiger Konflikt entbrannt, der bis zum Bundesarbeitsgericht ging, aber noch immer nicht abschließend gelöst wurde. Die Wahl werde durch das Unternehmen massiv behindert, kritisieren die einen. Der Wahlvorstand habe bei der Abstimmung keine Mehrheit bekommen, schreibt dagegen Alnatura auf der Internetseite des Unternehmens. Dass der zweite Betriebsrat bei Alnatura schwer zu etablieren ist, wundert Orhan Akman nicht.

"Es ist einfach zu erklären, weil sobald ein zweites Betriebsratsgremium existiert, besteht die Möglichkeit, dass ein Gesamtbetriebsrat gewählt werden kann und der Gesamtbetriebsrat kann - laut dem Gesetz in Deutschland - dann auch Wahlvorstände einsetzen. Das heißt, man muss keine Wahlversammlung mehr machen, sondern es reicht, wenn man drei interessierte KollegInnen hat, die sagen 'wir wollen einen Betriebsrat gründen', dann kann der Gesamtbetriebsrat per Beschluss drei KollegInnen als Wahlvorstand einsetzen und diese haben dann den Auftrag, die Wahlen in dem Betrieb quasi zu organisieren."

Hakeleien mit der Geschäftsleitung

Bei der Firma Dennree, die die 300 Biosupermärkte "Denn's" betreibt, versuchen gerade 1.200 Mitarbeiter des Lagers am Firmensitz im bayrischen Töpen einen Betriebsrat zu gründen. Paul Lehmann vom Verdi-Verband in Oberfranken unterstützt sie dabei. Überstunden, Personalmangel und Arbeitsverdichtung, das seien aktuelle Sorgen der Belegschaft sagt er. Nach Hakeleien mit der Geschäftsleitung konnte inzwischen der dreiköpfige Wahlvorstand eingesetzt werden und die Betriebsratswahl ist für Mitte Mai angesetzt. Allerdings ist das Klima aufgeheizt, sagt Gewerkschafter Paul Lehmann.*

Firmen versprechen gute Arbeitsbedingungen

In ihrer Außendarstellung geben sich die Bio-Anbieter Mitarbeiter-freundlich. Der Personalleiter von Dennree sagte Zeit Online, die Geschäftsleitung begrüße die Initiative zur Gründung eines Betriebsrates ausdrücklich. Alnatura schreibt auf seiner Internetseite mit Blick auf den Betriebsrat in Freiburg:

"Die Zusammenarbeit zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat ist vertrauensvoll und partnerschaftlich."

Und zu den Arbeitsbedingungen:

"Alnatura zahlt mindestens nach Einzelhandelstarif. Zum 1. Mai 2019 erhöht Alnatura außerdem den bisherigen Alnatura Mindeststundenlohn von 10 Euro auf 12 Euro. Darüber hinaus erhalten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Urlaubs- und Weihnachtsgeld, umfassende Sozialleistungen wie betriebliche Altersvorsorge und vermögenswirksame Leistungen."

Die Arbeitssituation in Bio-Supermärkten ist also nicht einheitlich. Viele Beschäftigte ließen sich viel gefallen, wird uns berichtet, teils auch aus Unwissen. Den Märkten gehe es "nur ums Geld", heißt es etwa aus der Belegschaft der Bio Company, wenig attraktiv für das Personal. Die Fluktuation sei oft hoch, erfahren wir, ein Mitarbeiter bringt es so auf den Punkt: "Wir suchen immer."


*Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Text hier aus redaktionellen Gründen um einen Absatz gekürzt, der in einer früheren Version noch veröffentlicht war.

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