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StartseiteForschung aktuellDie Dialekte der Nachtigall24.09.2018

BioakustikDie Dialekte der Nachtigall

Als Bioakustik wird die Erforschung der Lautäußerungen von Tieren bezeichnet. Auf der Jahrestagung der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft gab es in diesem Jahr einen Schwerpunkt zu bioakustischen Forschungsprojekten. Denn die Gesangsanalyse erlaubt sogar Rückschlüsse auf Zugvogel-Routen und geeignete Schutz-Maßnahmen für seltene Arten.

Christiane Habermalz

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Nachtigall (Luscinia megarhynchos) steht auf Baumstumpf, Nationalpark Neusiedlersee, Burgenland, Österreich. (imago stock&people)
Zwitschern, flöten, trillern: Der Gesang der Nachtigall ist äußerst komplex und variantenreich. (imago stock&people)
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So klingt der Gesang der Nachtigall. Doch Denise Bock interessiert sich nicht so sehr für die Schönheit des Gesangs, sondern für seine Varianz. Sie hat festgestellt, dass Berliner Nachtigall-Männchen über ein Repertoire von insgesamt 2000 Strophen verfügen - weitaus mehr, als man bislang gedacht hatte. Sie alle ergeben dennoch das typische Klangbild des Vogels, mit seinem Schlagen, Schluchzen und Ziehen.

"Also eine Strophe ist im Mittel bei der Nachtigall so um drei bis fünf Sekunden lang, und die kann man dann noch unterschiedlich klassifizieren. Das heißt, es gibt Bass-Strophen, Pfeif-Strophen und Trill-Strophen, und die habe ich dann alle noch mal unterteilt im Hinblick auf die Elemente die gesungen werden."

Die gängigsten Hits der regionalen Population

Die junge Biologin promoviert im Bereich Bioakustik am Berliner Museum für Naturkunde über den Gesang der Nachtigall. Möglich wurde ihre Arbeit überhaupt erst durch ein Citizen-Science-Projekt. Über eine extra entwickelte App rief das Museum in diesem Frühjahr interessierte Bürgerinnen und Bürger dazu auf, überall in der Stadt den Gesang der Nachtigall aufzunehmen und über ihr Smartphone mit dem Museum zu teilen. Mit großem Erfolg, erzählt Projektleiterin Silke Voigt-Heucke. Über tausend Nutzer haben fast 2500 Aufnahmen gesendet. Die Daten werden nun wissenschaftlich ausgewertet. Erste Erkenntnisse: Ein Vogel aus dem Wedding schluchzt und schlägt anders als beispielsweise ein Vogel aus Neukölln. Junge Männchen haben im ersten Jahr noch ein sehr großes Repertoire, erläutert Voigt-Heucke. Doch je älter sie werden, desto mehr schwenken sie ein auf die gängigsten Hits ihrer regionalen Population.

"Das ist so ein bisschen wie bei uns Menschen. Ein Dialekt gibt uns ja auch eine regionale Identität. Das heißt in Berlin spricht man anders als in Bayern und das gibt uns ein Identitätsgefühl. Und wahrscheinlich ist es bei Vögeln ähnlich. Damit kann ich erkennen, wer aus meinem Gebiet kommt, und neu zukommende Männchen können potentiell dadurch identifiziert werden, dass sie eben anders singen als ich selber."

Dauermonitoring durch Digitaltechnik

Bioakustik, also die Erforschung der Lautäußerungen von Tieren, ist kein neues Forschungsfeld der Biologie. Doch seit einigen Jahren werden bioakustische Methoden auch für die Forschung selber eingesetzt – hochempfindliche Mikrofone spielen zunehmend eine Rolle etwa im Bereich der Zugvogelforschung oder sogar im Naturschutz. Das hat viel mit der technischen Entwicklung zu tun, sagt Karl-Heinz Frommolt, Leiter der Fachgruppe Bioakustik in der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft.

"Erst die Digitaltechnik mit großen Speicher-Kapazitäten und geringem Energieverbrauch hat es möglich gemacht, dass man wirklich lange kontinuierlich aufzeichnen kann und damit ein Dauermonitoring durchführen kann, wie wir das hier hatten, die Erfassung von den Flugrufen oder die Erfassung nächtlicher Aktivitäten."

Akustisches Monitoring zum Schutz des Wachtelkönigs

Beispiel: Akustisches Monitoring des Wachtelkönigs, lateinisch Crex crex, im Unteren Odertal. Die seltenen Vögel, die dort auf Feuchtwiesen brüten, stoßen ihren typischen Schnarr-Ruf vor allem nachts aus. Über nächtliche Langzeit-Tonaufnahmen ließ sich nachweisen, wo genau der Wachtelkönig brütet und vor allem wo nicht - im Konflikt zwischen Bewirtschaftung und Naturschutz konnte so punktgenau festgelegt werden, welche Wiesen früher gemäht werden konnten, ohne vorhandene Gelege zu zerstören, und welche nicht.

Eine weitere Anwendung: Zugvögel. Vor allem viele kleinere Singvögel ziehen nachts und allein, dabei stößt jede Art einen charakteristischen Flugruf aus. Über Langzeit-Tonaufnahmen können ihr Zug, mögliche Störungen und Abweichungen etwa durch Off-Shore-Windanlagen in der Nordsee, kontrolliert werden. Für die Auswertung der stundenlangen Tonaufnahmen sind allerdings immer noch erfahrene Ornithologen und ihre guten Ohren notwendig. Selbst die beste Stimmerkennungssoftware funktioniert bislang meist nur, wenn eine Vogelstimme gut hörbar und alleine ertönt. Was in der Natur eher selten der Fall ist. Bei der Aufstellung seiner Wachtelkönig-Mikrofone meidet Frommolt deswegen Gräben wie die Pest. Zu viele Frösche.

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