Mittwoch, 20.02.2019
 

Birte Förster„1919“

Im Jahr 1919 habe sich Europa neu erfunden, das verrät der Titel des Buches von Birte Förster über dieses besondere Jahr – vor nun 100 Jahren. Unter anderem wurde der Versailler Vertrag unterzeichnet oder der Völkerbund gegründet.

Von Martin Hubert

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Buchcover 1919. Ein Kontinent erfindt sich neu/ Hintergrund Saal Versailles (Buchcover Reclam/ Hintergrund picture-alliance / dpa-Bildarchiv)
„1919. Ein Kontinent erfindet sich neu" von der Historikerin Birte Förster (Buchcover Reclam/ Hintergrund picture-alliance / dpa-Bildarchiv)
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Das erste Jahr nach einem großen Krieg – und schon erfindet sich der ganze europäische Kontinent neu? Angesichts des Untertitels könnte man fürchten, Birte Försters Buch sei ein naiver Lobgesang auf das Jahr 1919. Aber dieser Eindruck verschwindet rasch. Zwar schildert die Historikerin über das ganze Buch hinweg viele neue Ansätze und Erfindungen. Etwa wenn sie technische Bravourstücke wie den ersten Nonstopflug über den Atlantik beschreibt. Oder künstlerische Revolutionen wie den Dadaismus; oder wissenschaftliche wie den Durchbruch der Einsteinschen Relativitätstheorie. Aber Birte Förster ordnet das alles realistisch ein. Vieles wurde 1919 auf dem Kontinent neu erprobt, schreibt sie treffend, doch es war ein Aufbruch voller Ambivalenzen, Widersprüchen und Niederlagen.

"In vielen, wenn auch nicht in allen Ländern Europas erhielten Frauen nach dem Ersten Weltkrieg staatsbürgerliche Rechte; doch auch als die Frauen diese Rechte besaßen, mussten sie noch oft erst eingeklagt werden. […] Die gesellschaftlichen Neuordnungen dieses ereignisreichen Jahres gingen keineswegs konfliktfrei vor sich. Wie die Gesellschaft künftig aussehen sollte, war 1919 heftig umstritten. […] Das Gleiche galt für Generalstreiks und Aufstände von Arbeitern, in denen sich zwar ein neues Selbstbewusstsein ausdrückte, die aber keineswegs immer Erfolg hatten. Hinzu kommt, dass es seit 1918 zwar einen Waffenstillstand gab, aber noch lange kein Ende der Gewalt in Sicht war."

Ein spannungsgeladenes Panorama also, das Förster verständlich und informativ ausbreitet. Immer wieder schildert sie detailliert wichtige Ereignisse, um in ein Thema einzuführen. Und sie zitiert häufig Zeitgenossen, sodass sich der Leser die Vorgänge des Jahres plastisch vorstellen kann.

Nah an den Protagonisten

Schritt für Schritt geht Birte Förster dann zu den Fakten und allgemeinen Entwicklungstendenzen über. Beim Kampf um das Frauenwahlrecht schildert sie etwa, wie die Frauenrechtsaktivistin Gertrud Bäumer den ersten Wahltag ihres Lebens erlebte. Anschließend informiert sie über den Kampf um das allgemeine Wahlrecht in verschiedenen europäischen Staaten und den Aufwand, den engagierte Frauengruppen in Deutschland zum ersten Wahltag betrieben.

"Im ganzen Land fanden Informationsveranstaltungen zur Wahl statt. Einen Eindruck vom Ausmaß der Mobilisierung gewinnt man aus den Zahlen, die für 180 der insgesamt 430 Zweigstellen des Katholischen Frauenbundes zu ermitteln sind. Der Bund veranstaltete 360 Kurse und 1400 Versammlungen, dafür wurden achteinhalb Millionen Flugblätter gedruckt und 7700 Helferinnen eingespannt. […] Denn wählen wollte gelernt sein, und die Frauenvereine sahen sich in der Pflicht, kompetente Wählerinnen an die Urnen zu schicken."

Von den Kämpfen der Frauen geht Birte Förster direkt zu den Kämpfen der Arbeiterbewegung über. Nicht nur in München oder Berlin gab es Versuche, eine Räterepublik zu etablieren, sondern auch in Bremen oder Ungarn. Doch alle wurden meist mit brutaler Gewalt niedergeschlagen.

Die zerrissene Linke

Birte Förster schildert ausführlich die Auseinandersetzungen zwischen kommunistischen, sozialdemokratischen und anarchistischen Kräften in der sozialistischen Internationale. Die ideologischen Differenzen in der Arbeiterbewegung spitzten sich zu und führten zu Spaltung und Feindschaft. Wie ambivalent dieser Nachkriegsaufschwung der Arbeiterbewegung war, wird besonders deutlich, wenn Birte Förster auf die historische Chance von 1919 hinweist.

"Die Aussichten auf Erfolg standen so gut wie nie: Die Kriegstoten fehlten auf dem Arbeitsmarkt; die Gewerkschaften waren gestärkt aus dem Krieg hervorgegangen. Andererseits waren es auch in den siegreichen Nationen gerade die unteren Schichten gewesen, die die Lasten des Krieges zu tragen hatten. Die soziale Sicherung für Kriegsheimkehrer, Arbeitszeitverkürzung […] und Proteste gegen Lohnkürzungen waren deshalb wichtige Motive für öffentlichen Protest. 1919 streikten in Großbritannien 2,4 Millionen Menschen, in Frankreich 1,3 Millionen. Die Streikenden erschlossen sich Straßen, Plätze und Fabriken als neue soziale Räume."

Ambivalent war diese Bewegung auch, weil sie vor Nationalismus und Rassismus nicht gefeit war. Nicht nur in Großbritannien gingen Arbeiter gewaltsam gegen ausländische Arbeitnehmer vor, die im Krieg ihre Arbeitsplätze übernommen hatten. Und in Italien begann als Extremfall der langjährige Sozialist Benito Mussolini die faschistische Bewegung aufzubauen.

Frieden und Selbstbestimmung blieben Fragmente

Von starken Kontrasten war nach Förster auch das große Friedensprojekt von 1919 gekennzeichnet, das mit dem Namen des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson verbunden ist. Bei den Pariser Friedensverhandlungen, die die Nachkriegssituation klären sollten, brachte er die Ideen eines Völkerbundes, des Selbstbestimmungsrechts der Völker und der Ächtung gewaltsamer Auseinandersetzungen ein. Birte Förster schildert ausführlich, wie diese Utopie bei den Verhandlungen immer wieder von nackter Interessenspolitik konterkariert wurde. Das Selbstbestimmungsrecht der afrikanischen Kolonien beispielsweise wurde massiv missachtet. Parallel dazu gingen Kriege und gewaltsame Auseinandersetzungen auf dem Kontinent weiter. In Ungarn, den baltischen Staaten, der Türkei oder in Irland. Häufig verschmolzen dabei nationaler Freiheitskampf, Nationalismus und Rassismus ineinander.

1919 war also ein Jahr, in dem Fortschritt und Rückschritt eng miteinander verkoppelt waren. Birte Förster zeichnet das nicht nur eindrucksvoll und plastisch nach. Sie zieht am Schluss ihres empfehlenswerten Buches auch Parallelen zur Gegenwart, die nachdenklich machen.

"Die vielleicht schwerwiegendste Ähnlichkeit der damaligen Zeit zu heute ist die Renationialisierung, die in Teilen Europas aktuell zu beobachten ist. Das betrifft die Bestrebungen mancher Länder, die europäische Union aufgrund nationalistischer Motive zu verlassen. […] In fast allen Ländern sind identitäre Bewegungen und Parteien entstanden, die auf die Ausgrenzung aller als fremd Identifizierten abzielen. […] Die Demokratie und die plurale Gesellschaft sind wie 1919 auch heute keine selbstverständlichen Einrichtungen."

Birte Förster: "1919. Ein Kontinent erfindet sich neu",
Reclam Verlag, 234 Seiten, 20,00 Euro.

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