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StartseiteKalenderblattFreiheits-Dichter der kraftvollen existenzialistischen Sprache15.03.2016

Blas de OteroFreiheits-Dichter der kraftvollen existenzialistischen Sprache

Blas de Otero gehört zu den wichtigsten Vertretern der spanischen "Poesía Social", einer engagierten Literatur, die in den 1950er- und 60er-Jahren an der Zensur vorbei die fehlende politische Freiheit im Spanien der Franco-Diktatur anprangerte. Vor 100 Jahren wurde der Lyriker in Bilbao geboren.

Von Julia Macher

Das Tastaturfeld einer mechanischen Schreibmaschine (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
Die Liebe, der Tod, die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz waren die großen Themen Blas de Oteros. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)

"Das Wort muss atmen können. Die Druckmaschine wird manchmal zum Gefängniswärter. Die Schallplatte, die Gitarre, das Radio oder das Fernsehen können den Vers befreien, die Worte lebendig klingen lassen. Solange es auf der Welt ein einziges Wort gibt, gibt es Poesie. Und die Themen werden immer bedeutender und dringlicher."

So formuliert Blas de Otero in seinem Prosa-Gedicht "Poesía y Palabra", "Gedicht und Wort", sein poetisches Credo: Das Wort muss frei sein, um zu bewegen.

Blas de Otero, geboren am 15. März 1916, wuchs in einer baskischen Industriellenfamilie in Bilbao auf. Er war zehn, als sein Vater Hab und Gut verlor; die Familie zog verarmt nach Madrid. 1929 starb der Bruder, drei Jahre später der Vater. Die Liebe, der Tod, die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz wurden so zu seinen großen Themen. Sabina de la Cruz, seine zweite Frau und die Herausgeberin seiner Werke, schildert Blas de Otero als schweigsamen, in sich gekehrten Mann:

"Blas de Otero ist kein Dichter, der seine persönlichen Nöte schildert. Er erzählt zwar von ihnen, aber immer in Bezug auf die Geschichte. Für Blas lebt der Mensch nicht still für sich, sondern er ist immer Teil des Weltgeschehens."

In Paris knüpft er Kontakte zur antifranquistischen Opposition

Als 1950 "Angel fieramente humano" ("Bestialisch menschlicher Engel"), der erste Band seines dreiteiligen Gedicht-Zyklus, erscheint, ist die Kritik begeistert von der kraftvollen existenzialistischen Sprache. Die franquistischen Behörden beäugen den baskischen Dichter misstrauisch und schließen ihn von einer Preisvergabe aus, seine Gottes- und Religionszweifel sind ihnen suspekt.

1952 reist Otero erstmals ins Ausland. Ein Jahr verbringt er in Paris, knüpft Kontakte zur antifranquistischen Opposition, interessiert sich für Marxismus. Seine Texte werden politischer, prangern Zensur, fehlende Freiheit, die Spaltung des Landes in Sieger und Besiegte an.

"Sie lassen niemand sehen, was ich schreibe, weil ich schreibe, was ich sehe", lautet ein viel zitierter Vers.

Den Exil-Spaniern gilt Otero zunehmend als Sprachrohr, weil er für ihre Verzweiflung über die Franco-Diktatur die passenden Worte findet. 1969 singt Paco Ibáñez im Pariser Olympia "Me queda la palabra": "Auch wenn ich meine Augen öffne, um in das schreckliche Antlitz meines Vaterlandes zu blicken, bleibt mir immer noch das Wort."

Die kommunistische Partei Spaniens umwirbt Blas de Otero. Er reist in die Sowjetunion, nach China und Kuba, wo er seine erste Frau kennen lernt. 1968, nach der Scheidung, kehrt er, an Krebs erkrankt, endgültig nach Spanien zurück. Trotz seines dichterischen Engagements, seiner offenen Sympathie für den Kommunismus tut sich Otero mit parteipolitischen Bekenntnissen schwer: Er sieht sich in erster Linie als freiheitsliebenden Dichter, nicht als dichtenden Freiheitskämpfer. Nie würde er soweit gehen wie sein Freund und Zeitgenosse Gabriel Celaya, für den die Dichtkunst eine Waffe ist, um die Welt zu verändern. Nach Francos Tod tritt er auf wenigen Wahlkampfveranstaltungen der kommunistischen Partei auf, lebt zurückgezogen bei Madrid mit seiner Jugendfreundin Sabina de la Cruz:

"Politisches Engagement bezieht sich immer auf Parteien. Blas aber ging es um Männer und Frauen, die in einem bestimmten historischen Kontext eine bestimmte politische Verpflichtung eingehen – auf der Suche nach Frieden und Freiheit. Als Dichter fühlte er sich nur dem Wort verpflichtet: nicht, indem man auf der Straße Parolen skandiert, sondern sitzend am Schreibtisch."

In einem seiner letzten Gedichte dankt der große spanische Dichter für Sturm und Stille, für tatkräftige und nachdenkliche Momente, fürs Sterben und fürs Überdauern.

"Gracias por morir; gracias por perdurar."

Am 29. Juni 1979 stirbt Blas de Otero mit 63 Jahren an einer Lungenembolie.

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