Dienstag, 07.04.2020
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteKultur heuteBlutige Sache27.03.2010

Blutige Sache

Michael Thalheimer inszeniert Hebbels "Die Nibelungen" am Deutschen Theater Berlin

Uns ist in alten mären wunders vil geseit. Uns ist also viel erzählt worden von Kampf um Gold und Macht, gekämpft von Siegfried, Brünhilde, Kriemhild und Co. Einer, der "Die Niebelungen" für seine Epoche neu erfand, war Friedrich Hebbel. In Berlin gibt es jetzt eine Version am Deutschen Theater.

Von Eberhard Spreng

Das Deutsche Theater in Berlin. Michael Thalheimer inszeniert das Grauen der Nibelungen auf einer kahlen, schrägen Ebene.  (AP)
Das Deutsche Theater in Berlin. Michael Thalheimer inszeniert das Grauen der Nibelungen auf einer kahlen, schrägen Ebene. (AP)

Eine Horde kindischer Recken langweilt sich zu Tode. Kampf- und jagderprobt sind sie alle und das hagere Männlein, das in der Eingangsszene an der Vorderbühne einen Kaplan gibt, steht für den geradezu lächerlichen Versuch, das Machogeprotze und den Blutrausch der Kerle mit christlicher Mäßigung einzuhegen. Bis zum Ende nach gut drei Stunden, bleibt dank Hebbels Christentumsskepsis die metaphysische Aussicht auf Besserung der Nibelungenmenschheit aus. Nein, was diese laut grölenden, geradezu Brunftgeschrei von sich gebenden Männer interessiert, sind Raub und mythenbefeuerte Allmachtsfantasien.

Und Siegfried, der in Peter Motzens Darstellung geradezu karikaturhaft tumbe Kraftprotz, scheint das Unterpfand für König Gunthers Begehrlichkeiten, ein Mittel zum Zweck in einer Rangesunterschiede einebnenden Verschwörung. Wären die Frauen nicht, das Männerbündnis könnte bis in alle Zeiten im vorzivilisatorischen Zustand des Räuberkollektivs verharren. Aber Hebbels 19. Jahrhundert erlebt den Auftritt der Frauen auf der Bühne der Geschichte und das bedeutet den forcierten Kampf in Hierarchie und Rangordnung.

Brunhild: "Du prahlst, Kriemhild, und ich verachte dich!"

Kriemhild: "Das Kebsweib meines Gatten mich verachten!"

Maren Eggert spielt die Kriemhild, Natali Seelig die Brunhild, diese Nachfahrin klassischer unbezwingbarer Amazonen, die der Betrug der Männer unter Gunthers Joch gezwungen hat und deren Gürtel der Kriemhild in die Hände gefallen war. Wie eine Megäre keift die aus dem nördlichen Isenland entführte, erst unbezwingbar wild, dann gebrochen auf Rache sinnend.

Michael Thalheimer inszeniert das Grauen der Nibelungen auf einer kahlen schrägen Ebene. Sie lässt sich, wie eine gewaltige Zugbrücke nach oben ziehen: Einmal sehen wir, wie Kriemhild unter ihr kauert, während obenauf Hagens Mord an ihrem Gatten vollzogen wird. Martialische, wuchtige Bilder entwickeln sich in diesem Dekor, auf das am Ende das Theaterblut wie aus Eimern herabregnet, auf die albern und wie irre lachenden Burgunder: Ingo Hülsmann als König Gunther im räudigen Pelzfummel spielt den bis in den Tod unterhaltungs- und aktionssüchtigen Bandenchef, Sven Lehmann überzeugt als der klug berechnende Hagen Tronje, der einzige, dem der Blutrausch nicht den Verstand raubt.

Anders als in vorangegangenen Inszenierungen, hat Thalheimer diese Nibelungen nicht entkernt und auf eine thematische Grundtönung reduziert; er spielt sie, wiewohl vor allem im dritten Teil, also in Kriemhilds Rache, deutlich und klug gekürzt, gradlinig und vergleichsweise vielschichtig. Führte er zuvor Handlungen immer wieder auf ein oft melancholisches Leitmotiv zurück, hielt sie also wie in einem bedrückenden Traum in sehr engen emotionalen Bandbreiten, so lassen sich hier zu den lauten und dröhnenden Gitarrenriffs immerhin einige Handlungsmotive erkennen.

Zugleich aber sind die Figuren unter dem Diktat von falschem Brustton und schriller Hysterie immer in der Gefahr, in die Karikatur abzurutschen. Gut drei Stunden emotionalen Kriegszustandes verhindern, dass man sich bei den Figuren auf die Suche nach interessanten Bruchstellen machen könnte. Anders als in seiner "Orestie", an die sich diese Arbeit inhaltlich anschließt, ein Soff übrigens, der ja auch Hebbel als Vorbild gedient hatte, treibt Thalheimer die Welt dieses Mal etwas mechanisch ihrem Ende entgegen. Zum Schluss, während das Blut im Gegenlicht böse glitzernd die Spielfläche herab rinnt, exekutiert man sich mit lapidaren, beiläufigen Pistolenschüssen. Nicht die Wut drückt da den Abzug, sondern das Gefühl eines unendlichen Überdrusses.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk