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StartseiteInterview"Der letzte Versuch der Saudis, ihr Land zu retten"18.11.2019

Börsengang des Ölkonzerns Aramco"Der letzte Versuch der Saudis, ihr Land zu retten"

Mit dem Börsengang des staatlichen Erdökonzerns Aramco wolle Saudi-Arabien vor allem den Staatsfonds aufstocken, die Privatwirtschaft fördern und Arbeitsplätze schaffen, sagte der Islamwissenschaftler Guido Steinberg im Dlf. Damit solle das Land auf die Zeit nach dem Öl vorbereitet werden.

Guido Steinberg im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Ein Arbeiter steht vor einer Anlage des saudischen Erdölkonzerns Aramco. Vor ihm hängt ein gelbes Absperrband.  (imago images / Stanislav Krasilnikov)
Eine Anlage des saudischen Erdölkonzerns Aramco (imago images / Stanislav Krasilnikov)
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Tobias Armbrüster: Wir reden über einen der größten Börsengänge aller Zeiten, der gerade in Saudi-Arabien vorbereitet wird: Der Börsengang nämlich des saudischen Ölgiganten Aramco. Das Unternehmen kontrolliert etwa ein Zehntel des weltweiten Erdölgeschäfts und es hat einen geschätzten Börsenwert von rund 1,5 Billionen Euro. Seit gestern läuft nun die sogenannte Zeichnungsfrist. Das heißt, seit gestern können interessierte Käufer Aramco-Aktien bestellen. Zum ersten Mal an der Börse gehandelt werden sie dann Anfang Dezember, alles zunächst, wohl gemerkt, nur in Saudi-Arabien. Der Verkauf im Ausland ist erst für das kommende Jahr geplant. Trotzdem ist das Ganze natürlich ein riesen Geschäft und ein Geschäft, mit dem die Führung in Saudi-Arabien große Hoffnungen verbindet, denn Saudi Aramco ist bislang noch ein Staatsunternehmen.

Wir wollen das etwas eingehender besprechen mit Guido Steinberg. Er ist Nahost-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik und hat die Lage in Saudi-Arabien immer fest im Blick. Schönen guten Morgen, Herr Steinberg.

Guido Steinberg: Guten Morgen, Herr Armbrüster.

"Geht darum, den Staatsfonds aufzustocken"

Armbrüster: Herr Steinberg, was genau will das Regime in Riad mit diesem Börsengang erreichen?

Steinberg: Zunächst einmal will das Regime damit sehr, sehr viel Geld verdienen, so etwa etwas über 20 Milliarden Dollar, und damit geht es vor allem um eines: Es geht darum, den staatlichen Fonds, den Staatsfonds aufzustocken, der ohnehin schon sehr, sehr groß ist, und diesen Staatsfonds dann zu nutzen, um die Privatisierung im Lande zu fördern, die Privatwirtschaft zu fördern, Arbeitsplätze zu schaffen und damit das Land vorzubereiten auf die Zeit nach dem Öl, die aus saudi-arabischer Sicht auch demnächst wohl kommen wird.

(dpa, Karlheinz Schindler)Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg (dpa, Karlheinz Schindler)

"Saudi-Arabien wird immer autoritärer"

Armbrüster: Wie genau soll denn Saudi-Arabien da umgekrempelt werden?

Steinberg: Saudi-Arabien wird umgekrempelt nach dem Muster der Vereinigten Arabischen Emirate. Das ist immer deutlicher, dass Saudi-Arabien diesem Entwicklungsmodell folgt. Die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über den größten Staatsfonds der Welt und dieser Staatsfonds versucht zwei Dinge, nämlich einmal die Privatwirtschaft im Lande anzukurbeln und dann durch Investments in der ganzen Welt sehr viel mehr Geld auch langfristig zu verdienen, um dieses Geld dann in große staatliche Projekte zu stecken. Das sind in den VAE große Städte wie zum Beispiel Abu Dhabi und Dubai und in Saudi-Arabien soll das – das ist eines der größten Entwicklungsprojekte – eine ganz große neue Stadt am Roten Meer werden, Neom, die dann dieses Land auf die Zukunft vorbereitet, vor allem aber Arbeitsplätze für die rasch wachsende Bevölkerung schafft.

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Armbrüster: Könnte damit auch verbunden sein ein gesellschaftlicher Umbruch? Wir haben Saudi-Arabien ja immer im Blick als einen extrem autoritären Staat, einen extrem umstrittenen Staat, dessen Verbindungen zu vielen Ländern im Ausland gekappt sind. Könnte sich an dieser Lage etwas ändern durch so einen Börsengang und durch das Geld, was dann reinkommt?

Steinberg: Ja, ändern wird sich sehr vieles. Aber ändern wird sich nichts daran, dass Saudi-Arabien ausgesprochen autoritär ist. Im Gegenteil! Saudi-Arabien wird immer autoritärer und es ist ja bezeichnend, dass sie vor allem auf staatliches Geld setzen, um die Wirtschaft anzukurbeln, auch um die Privatwirtschaft anzukurbeln, und es gibt große Zweifel daran, dass das klappt.

All das, was wir jetzt sehen, ist Teil eines großen Reformprogramms, das der Kronprinz schon im Jahr 2016 vorgestellt hat. Das heißt: "Vision 2030" und das beruht auf wirtschaftlichen Reformen. Das beruht auch auf sozialen Reformen wie zum Beispiel mehr Rechten für die Frauen des Landes, aber auch darauf, dass das Land noch einmal autoritärer wird als in der Vergangenheit, aber etwas anders autoritär, nicht mehr so sehr religiös, wie das früher einmal der Fall war, sondern im politischen Sinne. Und auch da sind die VAE Vorbild, die religiös etwas indifferenter sind, aber in der Innenpolitik sehr viel autoritärer und auch, was abweichende politische Meinungen angeht, sehr, sehr viel intoleranter, als das Saudi-Arabien in der Vergangenheit ohnehin schon war.

Armbrüster: VAE, sollten wir hier an dieser Stelle vielleicht noch einmal sagen, steht für Vereinigte Arabische Emirate. Sie haben es auch schon gesagt. – Herr Steinberg, ich würde gerne noch mal kurz zurückkommen auf diesen tatsächlichen Börsengang und auf das Unternehmen Aramco, ein Erdölkonzern. Jetzt hat Erdöl auf der ganzen Welt ja einen immer schlechteren Ruf. Viele Länder wollen sich davon unabhängig machen, vor allem, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Die Geschäftsaussichten von so einem Erdölgiganten wie Aramco sind doch langfristig zumindest eher dürftig, oder nicht?

"Noch einmal richtig viel Geld herausholen"

Steinberg: Das ist das Ironische an diesem Börsengang. Saudi-Arabien versucht, meines Erachtens, die letzten Gelegenheiten zu nutzen, um aus diesem Ölkonzern noch einmal richtig viel Geld herauszuholen, um sich dann mit dem Geld aus dem Öl für die Zeit nach dem Öl fit zu machen. Es ist einer der Gründe für diesen Börsengang, dass die Ölwirtschaft erwartet, dass die Nachfrage in den 2030er-Jahren doch deutlich zurückgehen wird. Es ist auch einer der Gründe für diesen Börsengang, dass die Preise, die zwischen 2002 und 2014 konstant sehr, sehr hoch waren, in den Folgejahren, 2014 bis 2019, doch sehr, sehr schwankend waren, und es ist ganz typisch, dass Ölstaaten in solchen Phasen eher niedriger Preise daran gehen, Wirtschaftsreformen zu starten. Das hier ist aus meiner Sicht der letzte Versuch der Saudis, mit einer ganz, ganz großen Reform ihr Land in dem Fall zu retten, dass das Öl dann zur Neige geht und sie dort mit einer Bevölkerung von dann vielleicht 30, 35 Millionen oft jungen Leuten dasitzen und sie nicht mehr wissen, wie sie diese Bevölkerung beschäftigt und bezahlt bekommen.

Armbrüster: Jetzt ist der Börsengang erst mal nur in Saudi-Arabien selbst geplant, an der saudischen Börse also. Andere Börsen auf der Welt sollen aber im kommenden Jahr oder im übernächsten Jahr folgen. So richtig fest steht das noch nicht. Wie riskant ist es denn eigentlich für das Regime in Riad, Anteile an diesem staatseigenen Unternehmen jetzt auch an Privatanleger oder an Firmen im Ausland zu verkaufen?

Steinberg: Das ist nicht so sonderlich riskant. Allerdings muss man feststellen, dass jetzt dieser Börsengang noch weit hinter dem zurückliegt, was 2016 angekündigt wurde, und ein Aspekt ist, dass der Börsengang sich jetzt zunächst einmal nur auf Saudi-Arabien beschränkt. Die Börsen in London oder in Hongkong oder in New York, die diesen Börsengang eigentlich durchführen wollten, die sind erst mal aus dem Rennen, und das hat etwas damit zu tun, dass die noch mehr Transparenz von dieser Firma Aramco gefordert hätten, und das wollte der saudi-arabische Staat offensichtlich nicht. Saudi Aramco ist eine Art Effektivitätsinsel in diesem recht schlecht verwalteten Land. Trotzdem gibt es da immer noch Vorbehalte und ich bin mir gar nicht sicher, ob der Börsengang außerhalb Saudi-Arabiens dann überhaupt irgendwann vonstattengeht.

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Armbrüster: Welche dunklen Stellen gibt es denn bei Saudi Aramco? Welche Vorbehalte gibt es da?

Steinberg: Es gibt eine ganze Reihe von Vorbehalten. Es gibt immer wieder die Debatte darüber, über wie viele Reserven Saudi-Arabien denn wirklich verfügt. Das ist auch die ganz große Frage, die Aramco in den nächsten Monaten etwas transparenter beantworten muss. Es gibt aber auch Vorbehalte bei der Frage politischer Stabilität. Wir haben ja gerade erst am 14. September gesehen, dass ein Nachbarstaat, Iran, mit einigen Drohnen und Cruise Missiles in der Lage ist, die Produktion ganz empfindlich zu stören. Die Iraner haben mit ihren Angriffen 5,7 Millionen Barrel für einige Wochen aus der Produktion herausgenommen. Das ist mehr als die Hälfte der saudi-arabischen Produktion und das sind insgesamt etwa fünf Prozent der Welterdöl-Produktion, und Aramco wird die Frage beantworten müssen, wie die Firma denn in der Lage sein will, sich vor ähnlichen Angriffen, vielleicht auch auf wichtigere Einrichtungen der Ölindustrie in den nächsten Monaten und Jahren zu schützen. Meines Erachtens hat die Aramco keine Antwort darauf und der saudi-arabische Staat, der für den Schutz der Firma zuständig ist, auch keine.

Armbrüster: Ihre ganz kurze Einschätzung, jetzt natürlich nicht als Börsenexperte, sondern als Nahost-Experte, als Politikwissenschaftler. Wird dieser Börsengang ein Erfolg?

Steinberg: Ja, ich glaube, der wird trotzdem ein Erfolg. Aramco ist nicht irgendeine Ölgesellschaft. Es ist die Ölgesellschaft der letzten 60, 70 Jahre. Diese Aktien, die werden erst mal vor allem in Saudi-Arabien und in den Nachbarstaaten, die ihre Staatsfonds losschicken werden, ein ganz, ganz großer Erfolg, und ich denke auch, dass sich weltweit anschließend die Leute um diese Aktien reißen werden – ganz einfach, weil das eine so große Geschichte ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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