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Bohème in der DDRKollektiver Eskapismus als Lebenselixier

Die Journalistin Jutta Voigt führte in der Ostberliner Künstlerszene ein wildes, freies Leben unter Bohemiens. In ihrem neuen Buch "Stierblutjahre" erzählt und dokumentiert sie, wie das in der ehemaligen DDR vor sich ging.

Von Tanya Lieske | 05.12.2016

Jutta Voigt, aufgenommen im Oktober 2016, auf der 68. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt/Main. Die Autorin sitzt auf einem blauen Sofa.
Jutta Voigt auf der Frankfurter Buchmesse 2016 (dpa-Zentralbild)
Die Bohème des deutschen Ostens ist für Jutta Voigt ein höchst dankbares Sujet. Die Journalistin und Essayistin, 1941 in Berlin geboren, hat ihre Jugend und ihr Berufsleben in diesem Milieu verbracht. Sie kennt die meisten Protagonisten ihres Buchs persönlich, kann anekdotisch aus dem Vollen schöpfen.
Kein privater Nostalgiebogen
Alle sind sie da: Manfred Krug und Angelica Domröse, Peter Wawerzinek, Schappy genannt, Bert Brecht, Klaus Renft und natürlich auch Sascha Anderson. Die ganze Liste wäre viel länger. Alle großen Theaterleute, Tänzer, Regisseure, Fotografen, Literaten, Maler und Bildhauer, die das Künstlerleben der DDR prägten, tauchen früher oder später in diesem Buch mit dem Titel Stierblutjahre auf.
Und doch hat Jutta Voigt mehr als einen persönlichen Nostalgiebogen gespannt. Sie untersucht die Ostbohème als gesellschaftliches Phänomen, beschreibt die Paradoxien und Eigentümlichkeiten dieses Milieus. Dazu wählt Voigt ein Verfahren, das zwischen Dokumentation und Literatur changiert, es gibt essayistische und erzählende Passagen, sie arbeitet mit Interviews und mit kleinen Reportagen. Ein hybrider Text also mit dem Anspruch, die Innen- und die Außensicht zu wahren. Die Autorin selbst taucht mit dem Pseudonym Madleen auf und unter.
"Madleens Wohnung hatte weiße Wände, graue Vorhänge und kobaltblau gestrichene Dielen, in einer weißen Röhrenvase standen rote Nelken; die aufsehenerregend schlichte Lampe neben dem Tisch verbreitete weiches, warmes, helles Licht [...]. Ein Badezimmer gab es nicht, auch kein warmes Wasser, es handelte sich um eine jener "schwer vermietbaren Wohnungen, die gern an Künstler und Kriminelle gegeben wurden."
Zwischen klaren Linien und Blümchendekor
Jutta Voigt macht ihre Leser schnell vertraut mit der Signalstruktur der Zeit. Wie jede Bohème liebte auch die des Ostens den Altbau, das Caféhaus; alles, was morsch war, dem Untergang geweiht. Zugleich verweist die Röhrenvase dieser Altbauwohnung auf die Formsprache der Neuen Sachlichkeit. Die wurde an der Kunsthochschule Weißensee gelehrt und war dem Gedanken der Bauhausschule verbunden. Klare Linien und Nüchternheit aber waren der politischen Klasse suspekt, die Kader der Partei bevorzugten Lampen mit Fransen und Kaffeetassen mit Blümchendekor. In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts markiert dann auch die Formalismusdebatte einen ersten Riss zwischen der politischen Klasse und dem künstlerischen Milieu. Jutta Voigt verfolgt, wie sich in der Folge die Bohème formiert. Sie sucht nach Individualität jenseits gesellschaftlich vorgeschriebener Normen.
Pommes Frites nachts an der Bar
"Die Ostbohème bestand mehrheitlich aus Verweigerern, weniger aus Oppositionellen, wobei die Quantität der Verweigerung wie von selbst in die Qualität der Opposition umschlug."
Politische Opposition war also die Folge, nicht die Bedingung des östlichen Bohémiens. Voigt gliedert dessen Vita in Dekaden, es sind die 50er und 60er Jahre, die 70er und die 80er des vergangenen Jahrhunderts. Am Anfang stand der Aufbruch, es gab die Nähe des Künstlers zum Experiment des Sozialismus, all das verkörperte sich im Berliner Ensemble und in der Theaterschule Bert Brechts. Dann aber kamen 1965 das 11. Plenum des ZK, 1976 die Ausweisung Wolf Biermanns, ab Mitte der 80er Jahre die Ausreisewelle in den Westen. Schließlich Jahre des Stillstands. Die Mauer warf einen immer länger werdenden Schatten, der dem Milieu Enge und Begrenzung schaffte, es auf paradoxe Weise aber auch zusammenhielt.
"Die Bedingungen für ein Leben als Bohémien waren nicht schlecht in der DDR. Wir hatten sehr viel Zeit und sehr viel Muße, wir lebten wie mit einem römischen Stipendium [...]. Der Erfolg maß sich nicht am Geld, finanzielle Konkurrenzkämpfe unter Künstlern gab es kaum. Erfolg war der Luxus, ein freies Leben führen zu können."
Und so gab es eben auch viel Lebenskunst im Osten. Voigt nimmt ihre Leser mit an jene Orte, an denen sich die Künstler und die Halbwelt traf, Bohémiens und Utopisten, Dissidenten, Tagträumer, ewig Suchende, Philosophen, Randexistenzen, Stasispitzel und Doppelgänger. Die Brennpunkte des Geschehens wandern durch die Stadt. Es gab das Pressecafé im Admiralspalast und das Café Clou, es gab das Espresso und es gab die Offenbachstuben. Ganz am Anfang, da hatte es, noch von der sowjetischen Besatzungsmacht ins Leben gerufen, den Künstlerclub Die Möwe gegeben.
"Die Möwe glitzerte wie ein Stern in der Finsternis. Wer hier sein durfte, fühlte sich erhoben, aufgestiegen in den Himmel der Weltoffenheit und Libertinage, des Individualismus und des Mondänen [...], sogar Pommes Frites gab es eines Nachts an der Bar, da war man doch gleich ein bisschen in Paris. Meist füllte sich das Haus erst kurz vor Mitternacht, dann, nach Theater – und Kantinenschluss, kamen die Bühnengrößen."
Sehnsucht nach Flügeltüren und Boeuf Bourguignon
Das Gestern glänzt hier in seiner schönsten Patina. Schon ertappt sich die Leserin dieses Buchs bei dem Wunsch, dabei gewesen zu sein. Kollektiver Eskapismus als Lebenselixier? Immer her damit. Die Kulissen gaben nicht nur Altbauwohnungen ab mit ihren hohen Flügeltüren und dem bröckelndem Putz, sondern auch verlassene Ballsäle in den Schlössern der Mark Brandenburg. Spätestens hier glätten sich alle historischen Widersprüche wie der, dass die Bohème sich in ihren Ursprüngen ja als Gegenentwurf zum Bürgertum verstand.
"Die Sehnsucht nach dem Bürgerlichen war verbreitet, genauer nach dem Großbürgerlichen, eine Vorliebe für Flügeltüren und Boeuf Bourguignon, für Altgriechisch und gestärkte Servietten. [...] Ein Streichen über seidiges Mahagoniholz [...], der Klang eines Spinetts waren Zeichen von Aufgehobensein in der Geschichte, nicht in der Gegenwart."
Jutta Voigt beherrscht das Genre der literarischen Reportage aufs Feinste, sie ist eine der herausragenden Journalistinnen des Landes. So profitiert dieses Erinnerungsbuch von schönen Worten, genauso wie vom genauen Blick der Autorin. Einziges Manko: Man hätte sich wegen der hohen Agitationsdichte unbedingt ein Personenregister gewünscht. - Stierblut bezeichnete übrigens den roten Wein aus Ungarn, der muss in Strömen geflossen sein. Natürlich ist die Marke verschwunden: Was Jutta Voigts Stierblutjahre noch ein bisschen köstlicher macht.
Jutta Voigt. Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens
Aufbau Verlag, 272 Seiten, 19,95 Euro.