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StartseiteBüchermarktDer Glanz des Extravaganten07.10.2018

Boltanski, Esquerre: "Bereicherung. Eine Kritik der Ware"Der Glanz des Extravaganten

Vielen gilt Kultur und Kommerz als Widerspruch. Doch längst hat der Kapitalismus das Spiel der Differenzen als Motor einer neuen ökonomischen Bereicherung entdeckt. In Gang gehalten wird die neue Wertschöpfung von einem Netzwerk aus öffentlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Akteuren.

Von Leander Scholz

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Buchcover: Luc Boltanski, Arnaud Esquerre: "Bereicherung. Eine Kritik der Ware" (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Hintergrund: dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
Reges Treiben im Warenhaus (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Hintergrund: dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
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"Bereicherungsökonomie" Wie der Kapitalismus die Vergangenheit ausschlachtet

Robert Misik vs. Olaf Gersemann Ist der Kapitalismus am Ende?

Analyse Vom Untergang des Kapitalismus

Rauchende Schornsteine, brüllend laute Maschinen, gigantische Fa­brik­anlagen, die jeden Morgen aufs Neue zahllose Menschen einsaugen und nach einem überlangen Arbeitstag wieder ausspucken. Erschöpfte Männer, Frauen und nicht selten auch Kinder, arm und ausgebeutet, abgespeist mit einem Lohn, der gerade so zum Überleben reicht. Verhältnisse wie diese haben über viele Jahr­­zehn­te das Bild des Kapitalismus geprägt.

Mehrwert entsteht durch Ar­beit, die von den einen geleistet wird und deren Früchte von den anderen vereinnahmt werden. Ausgebeutete gegen Aus­beuter. Das war lange Zeit die prägnante Formel des Kapitalismus. Die hat sich auch dann nicht geändert, als die Fabriken im­mer sau­berer wurden, die Arbeitstage kürzer und die Löhne stie­gen. Auch heu­te gilt sie noch, obwohl große Teile der Industrie aus den nach ihr benannten Industrieländern längst verschwunden sind. Denn die Fabriken gibt es nach wie vor. Sie stehen jetzt nur in an­deren Ländern.

Auch das Elend der Fabrikarbeit gibt es noch. Es ist nur we­niger sicht­bar ge­wor­den, zu­min­dest für uns. Und dennoch ist das nicht die ganze Wahrheit des Kapitalismus. Neben dem Mehrwert durch Ar­beit und Ausbeutung gab es von An­fang an auch einen kaufmännischen Mehrwert. Waren wer­­­den von einem Ort zum anderen verschoben oder zu einem be­­stimm­ten Zeitpunkt gekauft und gehortet und ge­winnen auf die­se Wei­se an Wert. Diesem Mehrwert widmet sich das neue Buch von Luc Boltanski und Arnaud Esquerre.

Arbeit und Kreativität

Im Zentrum ihrer Untersuchung steht die Frage, wie eigentlich öko­­no­mi­sche Werte entstehen. Gängig ist die Vorstellung, dass Werte er­arbeitet werden. Im Preis einer Ware spiegeln sich die Kosten ihrer Produktion. Formuliert wurde die­se Auffassung im 19. Jahrhundert. In einem Produkt steckt Ar­beit, und die Arbeits­kraft, die zu seiner Herstellung nötig ist, muss bezahlt werden. Ist die Arbeitskraft günstig, kann das Produkt zu einem niedrigen Preis angeboten werden. In der klassischen Nationalökonomie standen neben den Kosten für die Fabrik daher vor allem die Ar­beitslöhne im Vordergrund.

Im Zeitalter der großen Industrie war die Arbeitskraft das zentrale ökonomische Thema. Die Erschaffung von Werten erschien un­mit­telbar mit dem Produktionsprozess verbunden. Der Wert einer Ware repräsentierte nicht nur den körperlichen und geistigen Einsatz von Arbeitern und Ingenieuren, sondern letztlich die Arbeit einer ganzen Gesellschaft, auch wenn sie nicht entlohnt wurde.

Dem widersprechen die beiden französischen Soziologen auch nicht. Aber in ihrem monumentalen Buch mit seinen über 700 Sei­­­­ten zeichnen sie einen Bereich der Wirtschaft nach, der seit ei­­nigen Jahrzehnten stark wächst und mit dem klassischen Verständnis von Pro­duktion nicht mehr er­fasst werden kann. Denn in die­sem Bereich wird nichts pro­du­ziert, zumindest nicht im her­­­kömm­lichen Sinne. Es wird umgewertet und aufgewertet, neu ent­deckt und entwickelt, was bereits da ist. Es werden Werte er­mittelt und geschaffen, von denen bislang niemand wusste. Und es werden Preise aufgerufen.

Dieses Vorgehen nennen die beiden Autoren die Bereicherungsökonomie. Darunter kann alles Mögliche fallen, bislang scheinbar wertlose Dinge, für die jedoch un­ter bestimmten Umständen ein hoher Preis verlangt werden kann. Der schlichte Titel des Buches lautet: Bereicherung. Eine Kritik der Ware. Das klingt nach einer sozialistischen Schrift aus dem 19. Jahrhundert. Aber die Waren, um die es in diesem Buch geht, haben kaum noch etwas mit der klassischen Nationalökonomie und ih­rem Verständnis von Arbeit zu tun. Ihr Hintergrund ist die ökonomische Kreativität des 21. Jahrhunderts:

"Die mehr oder weniger langfristige Zukunft eines Industrieprodukts besteht ausnahmslos darin, dass es zu Abfall wird – und zwar in einem solchen Maße, dass die ungeklärte Frage des Ab­falls und seiner Beseitigung in den Industriegesellschaften mittlerweile Anlass zu großer Sorge gibt. Umgekehrt können die Dinge, die im Zentrum der Bereicherungsökonomie stehen, lange wie Abfall behandelt, nicht beachtet, auf Dachböden vergessen, in Kellern abgestellt worden oder in der Erde verscharrt gewesen sein. [...] Allgemeiner gesagt, kann der Preis für die Dinge, die für die Bereicherungsökonomie am einschlägigsten sind, in einer gegenläufigen Bewegung zu der Entwicklung, die Industrieprodukte nehmen, mit der Zeit steigen."

Ausgangspunkt der soziologischen Untersuchung bildet die Beo­bach­tung, dass sich die verschiedenen Regionen in Frankreich in den letzten Jahrzehnten sehr unterschiedlich entwickelt haben. Und natürlich gilt das nicht nur für Frankreich. Manche Regionen, die früher bedeutende Industriestandorte waren, sind heute ge­ra­­dezu heruntergekommen. Die Zahl der Arbeitslosen ist hoch, viele Menschen sind weggezogen, und es gibt kaum Perspektiven. An­dere Re­gio­nen hingegen, die früher eher als unbedeutende ländliche Gegenden betrachtet wurden, haben sich hervorragend entwickelt.

Der nötige Glanz

Aus alten verfallenen Schlössern sind Baudenk­mäler geworden, aus langweiligen Dörfern idyl­li­sche und liebevoll gestaltete Arrangements. Ganze Landschaften und Küstenstreifen, versehen und aufgewertet mit einem attraktiven Image, gelten als tou­ristische Attraktionen. Neben Museen und kulturellen Einrichtungen lassen sich dort auch handwerkliche Betriebe finden, die besondere, mit der Region verbundene Dinge herstellen, und außergewöhnliche Restaurants, die hochwertiges regionales Essen und das Erlebnis einer kulinarischen Tra­dition anbieten. In diesen Regionen hat sich die Bevölkerung um zahlreiche wohlsituierte Pensionäre vermehrt.

Analog zu den ehemals erfolgreichen Industriegebieten bezeichnen Boltanski und Esquerre die Zonen der neuen Öko­nomie als Be­reicherungs­gebiete. Während die industrielle Logik stets auf das neue Produkt ausgerichtet ist, werden Werte hier durch die Entdeckung und Aufwertung des Alten geschaffen. Alles, was bereits da ist, kann entwickelt und zu einer mit einem Preis aus­gezeichneten Ware gemacht werden. Alte Gebäude werde restauriert und in ihrer historischen Einzigartigkeit herausgestellt. Orte und Gegenden werden entdeckt und mit einer Geschichte ausgestattet, die ihnen erst den nötigen Glanz verleiht. So können auch Nationen insgesamt zu einer Marke werden.

Die Wertschöpfung ist nicht mehr in erster Linie "produktiv", sondern "residen­­tiell". Die Zu­ge­hörigkeit zu einem Raum des Wertvollen ist ent­schei­dend. Nobel ist die Vergangenheit, wenn sie richtig er­zählt wird und die Dinge mit der Zeit wertvoller erscheinen lässt. Be­son­ders er­folgreich sind die Bereicherungsgebiete vor allem dann, wenn sie den begehrten Titel des Weltkulturerbes vorzuwei­sen ha­ben. Was bislang bloß Kosten verursacht hat, kann sich tatsächlich als ein Vermögen herausstellen:

"Allgemeiner gesagt, ist die Patrimonialisierung zur einer 'territorialen Entwicklungstechnik' geworden, die über eigene Experten für 'lokale Entwicklungsstrategien' verfügen, die in der Lage sind, die 'territorialen Aktivposten' zu 'heben' und das 'Potenzial', das sie bergen, zur Geltung zu bringen. Ihr Instrument ist der 'Relaunch', der das schlummernde Erbe in ein aktives Vermögen verwandelt, indem sie die Fähigkeit der Akteure stimuliert, 'sich die Geschichte anzueignen und sie gegebenenfalls zu verändern' [...]."

Selbstverständlich wird auch in den Bereicherungsgebieten gear­beitet und investiert. Der Aufwand, aus den historischen Schätzen ein aktives Vermögen zu machen, kann mitunter sehr groß sein. Aber die entscheidende Quelle des Mehrwerts ist dennoch nicht die Arbeitskraft und ihre Ausbeutung, sondern die akku­mu­lierte Vergangenheit. Die Produkte, um die es hier geht, gibt es be­­reits. Und die Menschen, deren Arbeitskraft erneut aus­ge­beu­tet wird, sind vor langer Zeit gestorben. Die Leistungen der Ver­gangenheit müssen lediglich so angeeignet werden, dass sie in der Ge­genwart vermarktbar sind.

Die Wertschöpfung in der Be­reicherungsökonomie besteht in der Umwandlung historischer Wer­­­te zu ökonomischen Werten. Zu den wichtigsten Tech­­ni­ken, aus dem Erbe der Vergangenheit ein ökonomisches Kapital zu machen, gehört das story telling. Erst durch starke Erzählungen wird die besondere von der banalen Vergangenheit abgegrenzt. Beteiligt sind daran nicht nur Experten für Marketing, sondern auch zahlreiche Gutachter und Sachverständige, die den vermuteten Wert eines Gegenstands ermitteln und so den kaufmännischen Mehrwert allererst ermöglichen.

Krise und Luxus

Ihren Ursprung hat die neue Ökonomie in der Krise der alten. In den 70er Jahren erreichte die Industrieproduktion im Europa der Nachkriegszeit ihren Höhepunkt. Die Kapazitäten der Produktion überstiegen regelmäßig die Nachfrage im Inland. Das führte zu sinkenden Profiten und einer ganzen Reihe von Wirtschaftskrisen. Mit der Masse der Fertigwaren ließ sich nicht mehr genügend Rendite erzielen. Dazu kam, dass sich die Arbeitgeber zu­nehmend durch die Lohnforderungen der abhängig Beschäftigten unter Druck gesetzt fühlten.

Ein Ausweg aus dieser strukturellen Krise des Kapitalismus bestand in Standortverlegungen. Um den Produktivitätsrückgang auszugleichen, wurden Fabriken in Län­dern errichtet, in denen die Löhne niedrig und die Arbeiter kaum organisiert waren. Das war der Beginn der Deindustrialisierung. Ermöglicht wurden die neuen Lieferketten durch die Globalisierung der Finanzströme. Damit war das absehbare Ende des großen sozialen Fortschritts eingeläutet, dessen Wohlstands­verspre­chen die Nach­­kriegs­zeit geprägt hatte:

"Für die großen Konzerne bot [dieser Schritt] eine Möglichkeit, sich der staatlichen Steuerlast zu entziehen, es war jedoch auch eine Antwort auf die Mobilisierung des europäischen Proletariats, insbesondere in den zehn Jahren, die auf den Mai 1968 folgten. Eine der Folgen und vielleicht auch eines der uneingestandenen Ziele dieses Prozesses war es, eine Arbeiterklasse, die sich in den Jahren zwischen 1960 und 1970 vor allem in Frankreich und Italien besonders kämpferisch gezeigt hatte, in ihre Schranken zu weisen, ja sich ihrer sogar zu entledigen."

Neue Konsumkultur der 70er und 80er Jahre

Ein anderer Ausweg aus den ökonomischen Krisen der 70er und 80er Jahre bestand in der Erfindung einer neuen Konsumkultur. Maßgeblich war dabei die Entwicklung von Markenprodukten, die nicht nur aufgrund ihrer Qualität, sondern vor allem aus Pre­stigegründen gekauft werden sollten. Das Vorbild dazu stellte die Lu­­xusindustrie dar, bei der die Kosten der Herstellung nur we­nig mit den Preisen der Produkte zu tun haben. Während technisch aufwen­dige Güter im Zuge der Globalisierung immer günstiger werden, zeich­­net sich die neue Warenwelt der Marken durch die Bereitschaft der Konsumenten zu höheren Ausgaben aus. Mit der weitgehenden Ent­kopplung der Preise von den Produktionskosten stie­gen die Renditen wieder. Der Wert der Waren hängt nun vor al­lem vom Image der Produkte ab.

Für Boltanski und Esquerre beginnt damit eine Umorientierung des Konsums am Kaufverhalten der Reichen. Auch wenn es sich bei der neu­en Markenwelt nach wie vor um Massenware handelt, geht damit dennoch das Versprechen des Besonderen einher, das die Bedürfnisse nach sozialer Abgrenzung befriedigen soll. Nur ein Produkt, das sich nicht jeder leisten kann, kann überhaupt ein Markenprodukt sein. Und jedes Markenprodukt ist in eine Hierarchie der Marken und ihrer nach oben zunehmend feinen Unterschiede eingebettet.

Nicht mehr die Standardform der industriellen Produktion stellt das Ideal des Konsums dar, sondern das exklusive Einzelstück, das den Besitzer vor allen an­deren auszeichnet. Aus der Massen­ware wird das auf besonderen Kunden­wunsch angefertigte Unikat. Und aus dem billigen Massentourismus wird der hochwertige Kulturtourismus. In diesem neuen Kon­­sumtrend sehen die beiden Soziologen daher auch den Ursprung der Bereicherungsökonomie:

"Diese ökonomische Neuausrichtung der westeuropäischen Län­der auf die Reichen ist durch einen Bruch mit der für die Nachkriegsjahrzehnte typischen Art von Wachstum gekennzeichnet. Die Bedeutung dieses Wandels lässt sich ermessen, wenn man sich erinnert, dass letzteres auf die landesweite Serienproduktion von Standardgütern zurückging, deren Absatz sich zunächst vor allem auf die Bourgeoisie richtete, dann auf die Mittelschichten und bei manchen Gütern, wie etwas Haushaltsgeräten und Fahrzeugen, auf die unteren Schichten ausgeweitet wurde, was die Vor­stellung zu bestätigen schien, dass die Bereicherung der Eli­ten am Ende zwangsläufig auch den Mittellosen zugutekommt (der sogenannte trickle-down-Prozess)."

Neuererfindung der Armbanduhr als Luxusobjekt

Veranschaulichen lässt sich dieser Wandel am Beispiel der Armbanduhr. Lange Zeit galten Uhren als feinmechanische Meisterwerke, aufwendig in der Herstellung und aufwendig in der Wartung. Die überwiegende Zahl der Men­schen, die sich überhaupt eine Armbanduhr leis­ten konnten, kauften sich nur eine einzige in ihrem Leben. Erst mit der Erfindung der Quarz­uhr in den 70er Jahren wurde die Armbanduhr zu einem zuverlässigen und vor allem preisgünstigen Produkt. Die massenhafte Herstellung ent­sprach dem Ideal der Konsumkultur in der Nachkriegszeit. Jedes Produkt sollte prinzipiell für jeden Käufer zugänglich sein. Aber das Ein­lösen dieses Versprechens be­deutete für die Konsumgüter­­industrie eine tiefe Krise. Im Fall der Armbanduhren kam hin­zu, dass viele elek­tronische Geräte mit Uhren aus­ge­stat­tet sind und eine Armbanduhr eigentlich nicht mehr nötig ist. Die Armbanduhr musste neu erfunden werden, und zwar als ein Lu­xus­ob­jekt, das wieder deutlich teurer sein konnte.

Der Grund für diesen Wandel ist allerdings nicht nur ökonomischer Natur. Die wirksamste Kritik am Kapitalismus der zweiten industriellen Revolution bestand bereits früh in dem Vorwurf, dass die Standardform alles vereinheitlicht. Das bezog sich nicht nur auf die Gegenstände, sondern auch auf die Kultur und sogar das Leben selbst. Alles muss im Kapitalismus warenförmig und somit zur Standardform werden. Die Frankfurter Schule hat da­für den Begriff der Kulturindustrie geprägt. Damit waren vor al­lem Massenmedien und Massenkultur gemeint.

Als Sinn­bild für die zweite industrielle Revolution galten die neuen Autofabriken in den Vereinigten Staaten, in denen Henry Ford erst­mals das Prin­zip der Fließbandarbeit konsequent auf die ge­samte Pro­duk­tion an­ge­­wandt hatte. Je mehr Arbeitsschritte standardisiert wer­den konn­ten, desto effizienter wurde die Produktion. Und je hö­her dadurch die Stückzahl ausfallen konnte, desto niedriger wur­de der Preis.

Erschaffung von Ereignissen, die sich auszahlen

Im Gegenzug erschien den Kritikern des Kapitalismus alles, was sich der Standardisierung widersetzte, als Wi­der­stand gegen den Kapitalismus selbst. Für die Frankfurter Schu­­le waren das vor allem Kunst und Kultur:

"Die Vielzahl der nicht standardisierten Dinge stellt so eine Art Außen des Kapitalismus dar, doch da die Haupteigenschaft dieser Dinge negativ bestimmt ist – sie sind das, was sie sind, nur dadurch, dass sie nicht standardisiert sind –, kann dieses Außen relativ vage und unstrukturiert bleiben. Dazu gehören in erster Linie Kunst- oder Kulturgegenstände, aber auch all die Dinge, die verbunden sind mit persönlichen Erfahrungen, insofern sie privat sind, das heißt nach dieser Logik nicht vermarktet werden können, wie zum Beispiel Reiseerlebnisse oder die Erfahrung von Luxus und, allgemeiner gesagt, geistige Erlebnisse [...]."

In der Bereicherungsökonomie dagegen gehören Kunst und Kul­­tur zu den ent­scheidenden Standortfaktoren. Das Besondere und das Einzig­artige, das vormals als widerständig erscheinen konnte, weil es sich der Unterordnung unter die Standardform entzog, wird jetzt zum wichtig­sten Motor des neuen Ka­pi­talismus. Die anfänglichen Im­pulse zur Wertschöpfung gehen dabei häufig von der Kul­turpolitik aus. Öffentliche Mu­seen und private Sammlungen geben die Vor­­bilder ab für die neue Akkumulation des Außergewöhnlichen. Kuratoren betreuen nicht mehr bloß eine Aus­stellung von Kunstgegenständen, sondern erschaffen bedeutende Ereig­nisse, die sich auszahlen. In Gang gehalten wird die neue Wertschöpfung von einem engen Netzwerk aus öffentlichen, kul­turellen und wirtschaftlichen Akteuren.

Identität und Differenz

Begonnen hat die neue Wertschöpfung mit der Umwidmung von leerstehenden Industrieanlagen zu Räumen der Gegenkultur. Wo früher laute Maschinen standen, richteten sich alternative Szenen ein. Es wurde getanzt, Filme wurden gezeigt und Theaterstücke aufgeführt. Diese Aneignung der alten Produktionsstätten wurde schnell professionalisiert. Aus dreckigen Fertigungshallen wurden Künstlerateliers, die sich bald auch als exquisite Im­mobilien zu hohen Preisen vermarkten ließen. Am Anfang einer Aufwertung ganzer Areale steht häufig die künstlerische Entdeckung des Besonderen. Ehemals verkommene Hafengegenden erscheinen auf einmal im Glanz des Extravaganten. Nicht selten sind temporäre Galerien die Vorboten der neuen Synthese aus Kunst und Kommerz, mit der die Wertschöpfung beginnt.

Etabliert hat sich die kulturelle Kapitalisierung der postindustri­ellen Ökonomie parallel zur Kar­riere des Differenzdenkens. Her­­vorgegangen aus der 68er-Bewegung in Frankreich, richtet sich dieses Denken gegen alle politischen Versuche der Vereinheitlichung und be­tont die Abweichung und das Anderssein als Akte des Widerstands. Nicht die Einheit, sondern die Vielheit soll als basale Gegebenheit verstanden und anerkannt werden. Heute fin­den sich unter Stichworten wie diversity viele zentrale Elemente dieses Denkens in den Managementprogrammen großer Konzerne. Das Dissidente, von dem einst das Versprechen einer besseren Welt ausging, ist längst zum Verkaufsmotor des neuen Kapitalismus geworden. Nicht bloß die Protagonisten der Ereignisse vom Mai 1968 sind in den Institutionen angekommen und haben Karriere gemacht.

Techniken der Subversion auch schon Standard

Auch die Techniken der Subversion und die Lebensformen des Nonkonformismus gehören inzwischen zum Stan­­dardrepertoire. Jeder besitzt sein ureigenes kreatives Ka­pital, das zur Entfaltung gebracht werden soll. Selbstverwirklichung ist längst kein privates Programm mehr:

"Auf diese Weise ist jeder auf das Ziel hin orientiert, für andere Menschen interessant zu sein, ihre Neugier zu erregen, und die­ser Prozess liegt der Bildung von Gemeinschaften zugrunde, in de­ren Mittelpunkt die Begegnung von verschiedenen Wesen steht, die mit anderen die Differenzen teilen möchten, die ihre Singularität ausmachen. Dieser Sichtweise zufolge [...] sind kul­turelle Organe, das heißt in erster Linie die Organe, welche die Mittel bereitstellen, die die Kultur benötigt, dafür zuständig, Kon­takte herzustellen, Begegnungen anzustoßen, um den Austausch von Identitäten und Differenzen zu fördern."

Mit der Diagnose eines neuen Pakts zwischen Kultur und Ka­pital schließt Boltanski an sein vielgelesenes Buch mit dem Titel "Der neue Geist des Kapitalismus" an, das er 1999 zusammen mit Ève Chiapello publiziert hat. In die­sem Buch ging es vor allem um die neuen Rechtfertigungen des Kapitalismus in der zeitgenössischen Managementliteratur, die einen höheren Einsatz der Mitarbeiter für das Un­ternehmen einforderte. Auch hier war bereits Kreativität gefragt. Der Titel ant­wortete dem berühmten Klassiker "Die pro­tes­tantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" von Max Weber, der die Be­reit­schaft zur Leistung mit dem Pro­testantismus erklärte.

In der Bereicherungsökonomie steht nicht mehr der Arbeiter als Held und Ausgebeuteter im Zen­trum, son­dern der Kreative, der kaum gewerkschaftlich orga­ni­siert ist, sich selbst oft als Held begreift und häufig ausgebeutet wird. Die pas­sende soziologische Analyse dazu von Boltanski und Esquerre kann schon jetzt als Klassiker gelten. Wünschenswert wäre ein Ausblick auf alternative Möglichkeiten gewesen, der Kri­se des Kapitalismus in den 80er Jahren zu begegnen. Aber das wird die weitere Diskussion erbringen müssen und schmälert in keiner Weise die Leistung dieses Buches.

Luc Boltanski, Arnaud Esquerre: "Bereicherung. Eine Kritik der Ware"
aus dem Französischen von Christine Pries
Suhrkamp Verlag, Berlin. 710 Seiten, 48 Euro.

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