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StartseiteForschung aktuellDas dreckige halbe Dutzend30.01.2019

Braunkohle in der EUDas dreckige halbe Dutzend

Deutschland wird spätestens 2038 aus der Kohleverstromung aussteigen - so will es die Kohlekommission. EU-weit teilen aber nicht alle Staaten diese Bemühungen zum Klimaschutz. Sechs Länder setzen weiterhin intensiv auf Braunkohle, zeigt eine Analyse deutscher und britischer Energie-Experten.

Von Volker Mrasek

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12.12.2018, Polen, Bedzin: Rauch steigt aus den Schornsteinen im Kohlekraftwerk Lagisza bei Kattowitz. Noch bis 14. Dezember findet in der südpolnischen Stadt der UN-Klimagipfel zum Klimawandel statt. Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance  /Monika Skolimowska / dpa)
Polnisches Kohlekraftwerk Lagisza bei Kattowitz: Neben Polen nutzen vor allem Tschechien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien und Slowenien intensiv Braunkohle. (picture alliance /Monika Skolimowska / dpa)
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Windkraft, Solarenergie und Biomasse haben Kohle im europäischen Elektrizitätssektor 2018 weiter verdrängt. Ihr Anteil bei der Stromerzeugung in der EU stieg um über zwei Prozent und liegt jetzt bei einem Drittel. Der von Kohle nahm unterdessen weiter ab und fiel um sechs Prozent. Damit haben die Länder der EU im vergangenen Jahr 30 Prozent weniger Strom aus Kohle produziert als noch 2012.

Das ergibt sich aus dem neuen Report, der gestern Abend in Brüssel vorgestellt wurde. Deutsche und britische Energie-Analytiker werteten dafür die jüngsten Industriedaten aus. Einer der Hauptautoren der Studie ist Matthias Buck von der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende. Er sieht Europa klimapolitisch auf Kurs, nur zu langsam:

"Aus Sicht des Klimaschutzes sind wir nicht schnell genug. Wir müssten auch in Europa schneller CO2-Emissionen reduzieren und insbesondere in den Mitgliedsstaaten, wo es sehr gute Potenziale für Erneuerbare Energien gibt, diese schneller erschließen."

Solarenergie statt Braunkohle                                                             

Wolle die EU ihre Klimaziele schaffen, dann müsse Strom im Jahr 2030 zu fast 60 Prozent aus sauberen, nicht-fossilen Quellen kommen, so die Studie. Schließlich werde die Nachfrage noch steigen, etwa durch immer mehr Elektroautos. Für Buck ist dieser Fahrplan nur dann einzuhalten, wenn vor allem die Chancen der Photovoltaik in Europa stärker genutzt werden:

"Beispiel Portugal: ein Prozent der Stromerzeugung aus Photovoltaik - ein Land, wo sehr viel Sonne scheint. Griechenland ein anderes Beispiel, wo es sich in dem Rahmen bewegt. Sehr, sehr gute Potenziale für Erneuerbare Energien, die bei weitem nicht ausgeschöpft werden."                      

In einigen Staaten der EU fehlt es offenbar noch immer an Konzepten für eine Energiewende. Das sei vor allem in Ländern mit eigener Braunkohle-Nutzung der Fall, sagt Dave Jones, britischer Energie-Analytiker und ebenfalls Autor der neuen Studie:

"Nur Deutschland hat hier inzwischen den Ausstieg beschlossen. Es gibt aber sechs weitere EU-Länder, die zusammen genauso viel Braunkohle verbrennen wie Deutschland im Moment: Polen, Tschechien, Bulgarien, Griechenland, Rumänien und Slowenien. Dort macht man sich bisher noch gar keine richtigen Gedanken darüber, wie Erneuerbare Energieträger Braunkohle ersetzen könnten. Besser sieht es bei Steinkohle aus. Drei Viertel aller Vorräte in der EU befinden sich in Deutschland und Spanien, und beide Länder haben den Ausstieg beschlossen."

Brüssel verlangt nationale Konzepte für die Energiewende

Es könnte allerdings sein, dass sich bei der Braunkohle demnächst mehr bewegt. Nicht nur, weil der Druck auf die anderen Länder nach dem deutschen Ausstiegsbeschluss gestiegen ist. Sondern auch, weil die EU-Kommission Nachbesserungen im Klimaschutz einfordert:

"Es wird interessant sein, die Entwicklung der nächsten beiden Monate zu verfolgen. Jedes EU-Land ist nämlich verpflichtet, bis Ende des Jahres einen nationalen Energieplan in Brüssel vorzulegen. Im Moment wird an den Entwürfen gearbeitet. Sie sollen noch in diesem Quartal herauskommen. Wir sind schon gespannt, was drinsteht: ob diese sechs Länder vorhaben, in Zukunft ambitionierter zu sein, als wir das in den letzten Jahren von ihnen gesehen haben."

Dave Jones hat auf jeden Fall eine Idee, an wem sich die Braunkohle-Länder ein Beispiel nehmen könnten:

"Einige schon bekannt gewordene Pläne aus den Länderentwürfen sind sehr inspirierend. Frankreich möchte bis zum Jahr 2030 Solaranlagen mit einer Leistung von 45 Gigawatt installieren und Italien 50 Gigawatt. Szenarien für Spanien gehen sogar von bis zu 77 aus. In diesen Ländern stößt die Solarenergie damit in neue Dimensionen vor."

Eine Frage des Preises

Die drei Länder würden damit Solaranlagen mit einer nominellen Leistung von über 200 Kohlekraftwerken errichten. Eine Strategie, die auch aus wirtschaftlichen Überlegungen sinnvoll erscheint. Denn der Preisverfall auf dem Photovoltaik-Markt schreitet weiter voran. Im vergangenen Jahr seien die Kosten für die Module noch einmal um fast 30 Prozent gesunken, heißt es im neuen Report - während die Preise für Kohle, Erdgas und CO2-Emissionszertifikate nach oben gingen. Regenerativer Strom sei in Europa inzwischen nicht mehr teurer als der aus Kohle, resümiert Matthias Buck:

"Es ist billiger, eine Energiewende zu machen als keine Energiewende zu machen. Und das ist, glaube ich, die ganz wichtige Botschaft."

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