
Martin Poschner steht am Rande eines Feldes, dort, wo der Ort Halsbach aufhört. Er ist der Bürgermeister der Gemeinde im Landkreis Altötting. Gerade zeigt er auf schwarze Kabel, die aus dem oberbayerischen Boden ragen.
"67 Weiler haben wir in der Gemeinde Halsbach, sehr verstreut, teilweise bis zu einem Kilometer ein Einzelgehöft entfernt", erklärt Bürgermeister Poschner:
"Und trotzdem sollen alle in den Genuss der Glasfaser kommen, so war damals unser Wunschgedanke."
Damals – das war 2014, als Poschner gewählt wurde. Schnelles Internet war noch ein Fremdwort in Halsbach.
"Bei uns war‘s tatsächlich so: www.unerreichbar.de", sagt Poschner.
Poschner hat Elektroingenieur und Gemeinderatsmitglied Gottfried Schneiderbauer mitgebracht. Der erzählt, dass mancher Halsbacher noch nicht mal eine Email-Adresse hatte:
"Weil das gar keinen Sinn macht. Nach sechs Kilometern Kupferleitung war der ganz am Ende."
2015 machten die Halsbacher einen ersten Anlauf, als der Freistaat Bayern sein Förderprogramm für den Breitbandausbau auf den Weg gebracht hatte: Ein Rückschlag.
"Wenn man auch nicht will, dass man nur die Hälfte gut versorgt, und zum Rest sagt man: ‚I’m sorry, tut mir leid, ist bei euch nix geworden‘, was politisch höchst schwierig ist, dann überlegt man sich schon mal, wie könnte es anders gehen", sagt Schneiderbauer.
Vor allem das Aufreißen von Straßen und schon bestehenden Leitungs-Gräben ist teuer. Die Halsbacher entschieden sich lieber dafür, in Eigeninitiative das Netz unter den Feldern zu vergraben – mit einem sogenannten Kabelpflug:
"Es ist ein Kettenfahrzeug, ähnlich wie ein Panzer. Mit einem langen Schwert. Dieses Schwert stößt in die Tiefe und ist dann einsatzbereit, nachdem es einen Meter eingestochen hat, und wird dann durchgezogen. Und in diesem Zuge ist hinten auf der Rolle ein Kabel gewickelt, das dann im Boden versenkt wird", erklärt Poschner.
Der Betrieb des Netzes ging an einen lokalen Anbieter. Die Halsbacher haben nun 100 Megabit pro Sekunde, bei Bedarf sogar mehr – in jedem Haushalt. Das ist schon das, was aktuell als ausgesprochen schnelles Internet zählen kann. Damit lohnt sich für die Halsbacher nicht nur eine Email-Adresse, auch Filme lassen sich problemlos streamen. Gekostet hat es die Gemeinde statt 4,5 Millionen nur 1,2 Millionen Euro.
Und das, obwohl mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland, laut Landwirtschaftsministerium 47 Millionen, auf dem Land leben. Das Gefälle zwischen städtischem und ländlichem Raum bei der Digitalisierung ist deutlich.
Die vorangegangene Bundesregierung hatte das Ziel einer flächendeckenden Versorgung in Deutschland mit mindestens 50 Mbit/s bis 2018. Dies wurde verfehlt. Laut dem Breitbandatlas des für die digitale Infrastruktur zuständigen Verkehrsministeriums war Ende vergangenen Jahres gerade mal in 87,8 Prozent der Haushalte Breitband mit den angestrebten 50 Mbit/s verfügbar.
Das heißt: Es sind vor allem die Ballungsräume, in denen gutes Internet vorhanden ist. Der ländliche Raum hingegen ist in Teilen digitales Brachland. Laut Breitbandatlas sind dort, wo weniger als 100 Einwohner pro Quadratkilometer leben, nur rund 64 Prozent der Haushalte mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde versorgt. Von einer Gigabit-Gesellschaft, von der auch im Koalitionsvertrag von Union und SPD die Rede ist, ist hier noch nicht einmal etwas zu ahnen.

Damals war man noch guter Dinge, dass man drei Jahre später eine flächendeckende Versorgung mit sogar 50 Mbit/s schaffen würde. Und dennoch hat es nicht geklappt – auch wenn die Versorgung heute deutlich besser ist als noch 2015. CDU-Staatssekretär Bilger spricht von einem ganzen Bündel an Hindernissen, die dazu geführt hätten:
"Im Rückblick muss man einfach sagen, dass vieles in der Vergangenheit zu kompliziert und zu langwierig war. Dazu kommen dann noch aktuelle Probleme, wie die Baukapazitäten, dass es oft schwierig ist, überhaupt ein Bauunternehmen zu finden."
"Stellen Sie sich jetzt in einem Dorf vor, da haben Sie die ehemalige Post, die Vermittlungsstelle, und rund um diesen Bereich haben Sie dann in einem Radius von 300 bis 500 Metern schnelles Internet - und außenrum haben Sie nichts", sagt Kessler: "Und für einen Anbieter, der jetzt echte Glasfaser baut, sind diese Randbereiche, die dann übrig bleiben, natürlich extrem unlukrativ zu bauen, weswegen die brach liegen."
Echte Glasfaser, das ist die Glasfaser, die bis zum Gebäude geht – und nicht nur bis zum Verteilerkasten, aus dem dann Kupferkabel abgehen, wie beim Vectoring. Experten sprechen dann von "Glasfaser bis zum Randstein".
"Spätestens mit Bildung dieser Regierung war klar, dass wir nur noch auf Glasfaser setzen dürfen. Es gab sicher Gründe dafür, über einen bestimmten Zeitraum auch Vectoring zu unterstützen, weil das eben auch einen relativ schnellen Ausbau von schnellerem Internet ermöglicht hat, aber die Zukunft ist ganz klar Glasfaser. Deswegen gibt’s von uns auch nur noch Förderung für Glasfaserausbau."
Diese Entscheidung wurde von vielen Seiten erleichtert aufgenommen:
"Ja, wir sind ja schon ganz positiv davon angetan, dass die Bundesregierung mittlerweile umgeschwenkt ist", meint Kessler vom Bundesverband Breitbandkommunikation.
"Früher hat es 135 Tage im Schnitt gedauert, bis der Bund seine Förderzusage geben konnte, heute sind wir noch bei 35 Tagen."
Dennoch geht es nach wie vor langsam voran – das lässt sich daran erkennen, wieviel der Fördermittel bislang tatsächlich für abgeschlossene Projekte ausgezahlt wurden:
"Die Frage nach dem Mittelabfluss ist immer etwas unbefriedigend, weil die Antwort auch sehr unbefriedigend ist. Aber man muss immer dazu sagen, wir merken, dass der Mittelabfluss deutlich besser wird. Wir haben zur Zeit 4,6 Milliarden Euro bewilligen können an Bundesförderung. Abgeflossen sind bisher 164 Millionen, also wirklich ein kleiner Teil", sagte Bilger.
"Das muss notifiziert, das heißt, bei der Europäischen Kommission genehmigt werden. Bis jetzt liegen hier nur Eckpunkte vor. Wir müssen unbedingt schneller werden, auch diesen rechtlichen Rahmen zu schaffen."
Die EU-Kommission muss erlauben, dass der Staat hier finanziell unter die Arme greifen darf. 2020 will der Bund die Regelung dann auf den Weg bringen. Zum rechtlichen Rahmen gehört auch die Novelle des sogenannten DigiNetzGesetzes, die noch vom Bundesrat verabschiedet werden muss. Dabei geht es darum, wann ein Anbieter seine Kabel in Gräben legen darf, die ein anderer Anbieter für seine Glasfaser geöffnet hat - und wann nicht.
Der Ausbau des Netzes ist allerdings nicht nur Bundes-Sache – auch auf Länder und Kommunen kommt es an. Denn nicht jeder Bürgermeister treibt den Ausbau so voran wie Martin Poschner in Halsbach, und manchmal fehlt auch schlicht das Geld.
Zu den Musterknaben beim Breitbandausbau zählt ein Bundesland ganz im Norden:
"Wir sehen in Schleswig-Holstein, die schon sehr frühzeitig auf Glasfaserausbau gesetzt haben, dass die Versorgung mit Glasfaser bis ans Haus bundesweit sehr vorbildlich ist", lobt Kay Ruge vom Landkreistag. Bereits 2013 hat man in Kiel eine Breitbandstrategie beschlossen.
"Wir wissen alle, dass das mit dem Vectoring begrenzt ist, und dass es eigentlich fast schon rausgeworfenes Geld ist, wenn man jetzt in diese Technologie investiert und am Ende weiß, es ist eigentlich nur eine Brücke, und wir werden eine ganz andere Infrastruktur schon bald brauchen."

"Dazu haben wir auch tatsächlich ziemlich viel Geld in die Hand genommen. Für so ein etwas kleineres Land wie Schleswig-Holstein ist das sehr viel, etwa 60 Millionen jetzt nochmal im Breitband-Ausbau für Glasfaser."
Schleswig-Holstein ist zum größten Teil ländlich: Auf rund 15.800 Quadratkilometern leben etwas weniger als drei Millionen Menschen – nicht nur auf dem Festland:
"Wir sind derzeit dabei, über See dann auch die Hallig oder Helgoland, Inseln, mit Breitband zu versorgen. Und gerade da – und das verstehen viele nicht auf den ersten Blick – aber grade da ist es eben von enormer Bedeutung."
Sagt Albrecht. Kümmert man sich nicht um die Versorgung, werden vor allem junge Menschen vom Land wegziehen, prognostiziert er:
"Und dann ist für uns alle als Gesellschaft ein riesen Verlust, weil wir damit eben letztendlich das Land entvölkern, die Leistungsfähigkeit in diesen Regionen wirklich verschlechtern und die Städte im Grunde genommen überlasten und damit auch enorme Umweltbelastungen mit einhergehen."
"Wenn es uns daran gelegen ist, dass es weiterhin auch Leben im ländlichen Raum geben soll, dann braucht es gerade da diese Anbindung, dass man also Dienstleistungen in Anspruch nehmen kann über das Netz, dass man vielleicht auch von dort arbeiten kann."
Dabei geht es auch um die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. So sieht es auch Albrechts Amtskollegin vom anderen Ende der Republik:
"Wenn ich zum Beispiel Mutter bin und Architektin, und ich möchte große Pläne hochladen, die viele Daten haben, dann kann ich das nur, wenn ich einen ordentlichen Internetanschluss zu Hause habe. Das bedeutet, dass gewisses Arbeiten nur dann stattfinden kann, wenn eine gute Versorgung auf dem Land stattfindet."
Sagt Judith Gerlach, bayerische Digitalstaatsministerin. Wie dem Grünen Albrecht fällt auch der CSU-Ministerin auf die Frage, wozu es gutes Internet auf dem Land überhaupt braucht, sofort eine Branche ein:
"Für die Landwirtschaft hat es eine immense Bedeutung, dass wir gut ausgebaut sind."

Im Berlin beim Bundeslandwirtschaftsministerium gibt es deshalb nun auch eine Digitalbeauftragte. Engel Friederike Hessel ist seit 2017 Leiterin des Thünen-Instituts für Agrartechnologie und seit 2018 zusätzlich Digitalexpertin der Ministerin Julia Klöckner.
"Das heißt, nicht wie herkömmlich, mit dem Gießkannensystem: Eine Fläche, überall wird dieselbe Anwendungsmenge ausgebracht, zum Beispiel von Pflanzenschutzmitteln oder von Dünger, sondern wirklich gezielt dort, wo Bedarf ist.
Für Echtzeitsysteme, also eine Versorgung zum selben Zeitpunkt, da ein Bedarf etwa an Dünger erkannt ist, reicht aber allein die Glasfaser nicht aus. Es braucht auch entsprechende Mobilfunk-Standards. Auch hier gibt es in Deutschland große Defizite.
Im oberbayerischen Halsbach sagt der Bürgermeister zu diesem Netz:
"Handynetz ist auch noch verbesserungswürdig in unserem Bereich."
Eine freundliche Umschreibung Poschners für die Funklöcher im ländlichen Raum. Etwas, worüber sich auch Bayerns Digitalministerin Gerlach ärgert:
"Wenn ich in ganz Bayern unterwegs bin, auch auf den Autobahnen, das muss ich leider feststellen, dann fängts teilweise schon beim Telefonieren an, dass man keinen Mobilfunk hat, und da war ich noch nicht mal im Internet. Es ist sehr, sehr unterschiedlich, aber wir haben durchaus nicht unerhebliche weiße Flecken, die es noch zu füllen gibt."
"Ich glaube, dass es auch zu wenig und zu spät ausgebaut wurde, dass man sehr zurückhaltend war in den Jahren zuvor, und es in den letzten Jahren wirklich eine explosionsartige Entwicklung, was Mobilfunk anbelangt, gegeben hat. Jeder hat ein Handy, ist damit unterwegs, erwartet, dass er Mobilfunk hat und dass er auch mit dem Handy ins Internet gehen kann."
Die Bundesregierung hat diesem Jahr die sogenannten 5G-Frequenzen versteigert, also die für einen noch besseren Mobilfunkstandard als das bisherige 4G oder LTE. 6,6 Milliarden Euro hat der Bund damit eingenommen, rund 1,5 Milliarden mehr als erwartet.
Doch nun die inzwischen sprichwörtlich gewordene letzte Milchkanne noch mit hochwertigem Funknetz zu versorgen, ist schon technisch schwierig. Denn die vergebenen Frequenzen sind kurzwellig, das heißt: schnelle Datenübertragung – aber nur eine kleine Reichweite um die Funkmasten herum. Die ersten 1.000 Funkmasten, die für den neuen Standard aufgestellt werden müssen, werden vor allem in Ballungsräumen stehen.
Aber das Land kann davon profitieren, dass die Mobilfunkanbieter, die die neuen Frequenzen ersteigert haben, bestimmte Auflagen zu erfüllen haben. So müssen 98 Prozent der Haushalte bis 2022 mit mobilem Internet mit mindestens 100 Mbit/s versorgt werden – dafür reichen allerdings die bisherigen niedrigeren Mobilfunkstandards aus.
"Und selbst wenn wir 100 Prozent aller Haushalte in dieser Republik abdecken, haben wir 15 bis 20 Prozent Fläche, die nicht versorgt ist."
Sprich, auf weiter Flur, dort, wo keine Häuser stehen, wird es auch in Zukunft Funklöcher geben. Bei den Auflagen für die 5G-Versteigerung habe man die Chance vertan, vom Haushaltsbezug wegzukommen, meint Ruge.
Dass die Republik insgesamt extremen Aufholbedarf hat, sieht auch die Bundesregierung. Seit Anfang des Jahres wird von Union und SPD deshalb immer wieder von der Idee einer staatlichen Infrastrukturgesellschaft gesprochen, über die der Mobilfunkausbau dort vorangetrieben werden soll, wo es für privatwirtschaftliche Unternehmen nicht lukrativ ist. Bislang gibt es allerdings noch keine konkreten Pläne, wann und wie diese Idee umgesetzt werden soll.
Am Ende reicht es auch nicht aus, einfach nur viele Mobilfunkmasten hinzustellen. Denn schneller Mobilfunk braucht eine entsprechende Anbindung – nämlich die im ländlichen Raum fehlenden Glasfaserkabel.