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StartseiteHintergrundAm Abgrund15.10.2019

Brexit und der NHSAm Abgrund

Der NHS, der britische Gesundheitsdienst, gilt vielen in Großbritannien als Errungenschaft. Das steuerfinanzierte Gesundheitssystem soll Arm und Reich im Krankheitsfall gleichermaßen gut versorgen. Doch bei der Finanzierung hapert es. Der Brexit, so fürchten viele, könnte den NHS endgültig kollabieren lassen.

Von Marten Hahn

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Boris Johnson vor dem Brexit-Kampagnen-Bus (2016) (picture alliance / dpa / Stefan Rousseau / PA Wire)
Boris Johnson vor dem mittlerweile berühmt-berüchtigten Bus der Pro-Brexit-Kampagne von 2016 mit dem Slogan: "Wir schicken der EU jede Woche 350 Millionen Pfund. Lasst uns lieber den NHS finanzieren." (picture alliance / dpa / Stefan Rousseau / PA Wire)
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Ein Montagabend in der britischen Hauptstadt. Während die einen das erste Feierabendbier bestellen, arbeiten andere weiter. 

"Hello, nice to meet you!"

James steckt mitten in einem 48-stündigen Bereitschaftsdienst. Er ist Kinderarzt in einem großen Londoner Krankenhaus – und heißt eigentlich anders. James arbeitet seit elf Jahren für den britischen NHS, den National Health Service. Der Mittvierziger hat erlebt, was passiert, wenn ein Gesundheitssystem immer mehr leisten muss, aber kein zusätzliches Geld erhält.

"Ich habe gemerkt, wie das finanzielle Defizit immer weiter wuchs. Jahr für Jahr musste die Versorgung deswegen unerbittlich zurückgefahren werden. In der Vergangenheit wurde das meist durch die Mitarbeiter kompensiert. Die Leute haben sich immer weiter aufgeopfert und es am Laufen gehalten. Aber ich habe die Sorge, dass da nun das Maximum erreicht ist."

Der öffentliche Gesundheitsdienst Großbritanniens ist seit seiner Gründung 1948 für alle Patienten kostenlos. Oder besser gesagt: Er wird aus Steuereinnahmen finanziert. Darauf sind die Briten sehr stolz. Doch von dem einstigen Glanz ist wenig übrig. Es fehlt an Personal, Geld und Betten. Und manche Experten glauben, ein Brexit könnte dem bankrotten NHS den Rest geben. Dabei hatte der Konservative Boris Johnson 2016 in seiner Brexit-Kampagne mit dem Gesundheitsdienst für den EU-Ausstieg geworben.

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"We’ve got one month to go folks until we take back democracy and we take back control for our country. Can we do it?"

Die Rede hielt Johnson vor einem roten Bus mit der Aufschrift: "Wir schicken der EU jede Woche 350 Millionen Pfund. Lasst uns lieber den NHS finanzieren." Es war nicht die erste und auch nicht die letzte Lüge des heutigen Premierministers, aber sie zeigte, welche Rolle der NHS im Land spielt.

"Der NHS ist eine sehr symbolische und zentrale Angelegenheit in der britischen Politik."

Mark Dayan arbeitet für den Nuffield Trust. Die Stiftung untersucht regelmäßig den Zustand des britischen Gesundheitssystems.

"Dieses System, dass die Menschen im Moment der Inanspruchnahme kostenlos versorgt, hat einen besonderen Platz in der britischen Gesellschaft und Kultur."

Lobeshymnen auf den NHS

Wer das nicht glaubt, muss sich nur mal die Lieder, die Lobeshymnen anhören, die für den NHS entstanden sind.

"You might be hoity-toity. You might be common as muck. But it shouldn’t depend on the money you got. And it shouldn’t depend on your luck. Cause everybody’s body gets sick and tired and stressed. And everybody’s body deserves the very best. Oh yes. That’s the ballad of the NHS."

"Es sollte keine Frage des Geldes oder Glücks sein", singt der Liedermacher Robb Johnson, "jeder der krank ist, verdient das Beste." Songs wie diese sind keine Auftragsarbeiten, um den NHS zu bewerben. Sie sind entstanden, weil viele Bürger eine emotionale Bindung zum NHS haben. Vor allem zum 70-jährigen Jubiläum des Gesundheitsdiensts im vergangenen Jahr kam es überall zu Liebesbekundungen. Viele Briten sehen in "ihrem NHS" eine Sache, die es zu verteidigen gilt.

"Als die Leave-Kampagne im EU Referendum den Brexit relevanter machen wollte, haben sie ihn mit einem Thema verbunden, das den Menschen wirklich wichtig war, dem NHS. Denn der NHS war historisch schon immer von großem Interesse. Die EU hingegen hatte für die britische Öffentlichkeit keine Priorität, bis das Brexit-Referendum passierte."

Die Briten interessieren sich auch deswegen schon so viel länger für den NHS als für die EU, weil sie schon lange die Angst haben, das Gesundheitssystem könnte kollabieren. Denn der NHS kämpft seit Jahrzehnten mit Problemen, so der Gesundheitsexperte.

"In den 1990ern gab es ähnliche Phasen ziemlich niedriger Finanzierung. Und in gewisser Hinsicht, waren die Zustände damals schlimmer. Wartezeiten wurden oft in Jahren gemessen. Das ist heute nicht mehr der Fall. Dafür gibt es neue Probleme."

Zum Beispiel fehlt es an Personal. Die Planung der Regierung ist noch nie wirklich aufgegangen, sagt Mark Dayan. Aber besonders schlecht sei es in den vergangenen zehn Jahren gelaufen.

"Das hat dazu geführt, dass wir nun viel weniger Schwestern und Pfleger und Allgemeinmediziner haben, als wir eigentlich brauchen. Und Allgemeinmediziner haben in Großbritannien eine besondere Rolle. Sie kontrollieren quasi den Zugang zum ganzen restlichen System. Aber es gibt nicht genug von ihnen. Das ist ein Riesenproblem."

Im vergangenen Winter musste fast ein Drittel aller Notfallpatienten mehr als vier Stunden auf eine Behandlung warten. Tausende mussten vor den Türen von Notaufnahmen in Krankenwagen ausharren. Einige Patienten starben in den Fluren von Krankenhäusern, weil sie nicht rechtzeitig versorgt wurden. Auch im Sommer ist der NHS überlastet. Aber im Winter bricht das System regelrecht zusammen. Experten sprechen von einer chronischen Krise. Es gibt mehr Patienten, als der NHS bewältigen kann, sagt James, der Kinderarzt.

Es gibt attraktivere Arbeitgeber als den NHS

"Die Bevölkerung ist gewachsen und die Lebenserwartung gestiegen. Es gibt bessere Medizin, die Menschen leben länger. Gleichzeitig haben Fettleibigkeit und Lebensstil-bedingte Krankheiten zugenommen. Unsere Bevölkerung ist größer und kränker geworden. Und der NHS wurde nicht entsprechend ausgestattet, um da mitzuhalten. Wir haben die Gesundheit unseres Landes aus den Augen verloren."

Könnte James etwas ändern, würde er die Zahl der Betten und Krankenschwestern um zehn bis 15 Prozent anheben. Doch an dem kaputtgesparten System leiden nicht nur die Patienten sondern auch die Angestellten des NHS.

"Ich liebe meine Arbeit. Aber es ist manchmal hart und hat in meinem Familienleben auf jeden Fall Spuren hinterlassen. Es gab Zeiten, in denen bin ich monatelang nicht mit auf Familienurlaube gefahren. Ich war eigentlich gar nicht anwesend. Meine Frau ist da unheimlich tolerant."

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Oberärzte wie James verdienen zwischen 80.000 und 100.000 Pfund pro Jahr. Dafür arbeitet er manchmal bis zu 80 Stunden die Woche. Junge Ärzte starten mit einem Gehalt von rund 30.000 Pfund. Schwestern verdienen im Durchschnitt 23.000 Pfund. Es gibt attraktivere Arbeitgeber als den NHS. Und so entsteht ein Teufelskreis. Weil die Arbeitsbedingungen schlecht sind, fehlt es an Personal. Und weil es an Personal fehlt, leiden die Arbeitsbedingungen.

"Hi, great, thank you."

Die Station ruft an. James wird gebraucht. Bei allem Stress - er selbst hat nie darüber nachgedacht hinzuschmeißen. Aber er hat Kollegen erlebt, die nicht mehr konnten.

"Ich habe Leute gesehen, die es weit gebracht haben und dann gegangen sind, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Den einen ging es um die Familie. Aber manche haben einfach zu viel von sich gegeben und es war nichts mehr übrig. Das ist sehr traurig."

Adam Kay ist einer von denen, die gegangen sind. Kay lebt in einem ruhigen Randbezirk Londons. Er ist heute Komiker, Buchautor und Drehbuchschreiber. Aber jahrelang arbeitete er als Geburtshelfer in Krankenhäusern des NHS.

"Eigentlich ist der Kreißsaal in der Medizin einer der dankbarsten Orte. Man hat am Ende zweimal so viele Patienten wie am Anfang. Das ist eine sehr gute Statistik, wenn man sich andere Bereiche der Medizin anschaut. Aber dann gab es einen Tag, an dem wir weder eine gesunde Mutter noch ein gesundes Baby hatten."

Bei einem Kaiserschnitt kam es zu Komplikationen. Kay  tat alles, was ihm möglich war, blieb dann aber traumatisiert zurück. Niemand gab ihm die Schuld. Aber er bekam auch nicht die Zeit, Zuhause zu bleiben und alles zu verarbeiten. Kay fühlte sich allein gelassen und kehrte der Medizin den Rücken. Das ist neun Jahre her. Seitdem hat er seine Erfahrungen in Büchern verarbeitet. "Jetzt tut es gleich ein bisschen weh" wurde ein Bestseller. Es ist ein witziges Buch, voller Anekdoten über den Alltag in britischen Krankenhäusern. Aber auch ein Buch mit einer Botschaft: Ärzte sind auch nur Menschen.

"Wenn du ausgebildet wirst, spricht niemand darüber, wie du mit den schlechten Tagen fertig wirst. Dabei liegt es doch in der Natur des Jobs, dass die schlechten Tage die guten Tage zahlenmäßig übertreffen. Aber es gibt kaum Unterstützung für Ärzte. Es gibt da diese Kultur, dass man nicht darüber spricht."

Bis heute erhält Kay Post von Ärzten und Pflegern, die ihm von ihren schlimmsten Tagen erzählen. Von Todesfällen, Überstunden und totaler Erschöpfung. Denn seit Kay gegangen ist, hat sich einiges verändert:

"Es ist schlimmer geworden. Wer mein Buch gelesen hat, kann mir nicht vorwerfen, ich hätte da ein besonders rosiges Bild des Jobs gemalt. Aber nun stellt sich heraus: Das waren die guten, alten Zeiten."

Wer Kay auf der Bühne erlebt hat, weiß, wie wütend ihn das macht. Der fehlende Respekt der Politiker gegenüber NHS Angestellten auf der einen Seite. Und die fehlende Finanzierung auf der anderen.

Die weißen Großbuchstaben NHS auf blauem Untergrund prangen auf einer grauen Hauswand. (AFP/BEN STANSALL)Das Logo des National Health Service (NHS) (AFP/BEN STANSALL)

"Ich denke der NHS ist unsere größte Errungenschaft als zivilisierte Nation. Der NHS bietet eine Gesundheitsversorgung an, die sich danach richtet, was klinisch nötig ist, nicht was das Bankkonto hergibt. Es ist kein Zwei-Klassen-System. Du wirst beim Betreten des Krankenhauses nicht nach deinen Kreditkarten-Daten gefragt. … Das ist großartig. Aber leider scheint das nicht jeder so zu sehen. Und leider sind einige dieser Leute Politiker, die dem NHS über die Jahre finanziell schwer zugesetzt haben."

Im Jahr 2015 versuchte der britische Gesundheitsminister neue Verträge für Assistenzärzte durchzusetzen. Überstunden- und Wochenendzuschläge sollten abgeschafft werden. Tausende von jungen Ärzten gingen auf die Straße und streikten, woraufhin ihnen einige Politiker, Medien und Bürger vorwarfen, gierig zu sein.

"Die Angestellten leiden darunter. Sie tun ihr Bestes, damit die Menschen nicht durch die Lücken im System fallen. Es gibt Ärzte die tragen mehrere Pieper mit sich herum, weil es Löcher in den Dienstplänen gibt. Man kann ja nicht einfach sagen: Oh, im Kreissaal gibt es heute keine Ärzte. Stattdessen sagt man: Ok, wie können wir das abdecken?"

In diesem Jahr beträgt das Budget des Gesundheitsministeriums rund 133 Milliarden Pfund. Das sind zwar drei Milliarden mehr als im Vorjahr. Aber allein um das System zu stabilisieren wäre das Doppelte nötige gewesen. 

"Es gibt da dieses Konzept der medizinischen Inflation. Die besagt, wie viel mehr Geld man in ein Gesundheitssystem stecken muss, um die gleiche Versorgung wie im Vorjahr zu gewährleisten. Normalerweise sind das 3 bis 4 Prozent mehr. Historisch gesehen bekam der NHS das und konnte so auf der Stelle treten. Aber als ich vor neun Jahren ging, gab es einen Regierungswechsel. Dann fiel der Betrag auf 1 Prozent."

Die Sparpolitik der Konservativen Partei, die das Land seit neun Jahren regiert, hat das Gesundheitssystem an den Abgrund gebracht. Und nun droht der Brexit, dem NHS den letzten Stoß zu geben. Ein wirtschaftlicher Abschwung zum Beispiel hätte fatale Konsequenzen, so Gesundheitsexperte Dayan.

"Der NHS wird aus Steuern finanziert. Es kommt auf die Art des Brexit an, aber ein möglicher wirtschaftlicher Abschwung könnte zu niedrigeren Steuereinnahmen und zu höheren Ausgaben im Bereich Arbeitslosengeld führen. Das hätte einen Einfluss darauf, wie viel Geld für den NHS zu Verfügung steht."

Die von Boris Johnson auf dem Bus versprochenen 350 Millionen Pfund werden auch wenig helfen. Denn es gab sie nie. Zum einen zahlt Großbritannien nur knapp 250 Millionen Pfund pro Woche an die EU. Und zum anderen fließt ein Teil des Geldes zurück nach Großbritannien, als Hilfe für arme Regionen, Forschungsgelder oder Agrarsubventionen. Wie der ehemalige Premierminister David Cameron jüngst in seinen Memoiren schrieb: "Boris fuhr mit dem Bus durchs Land, er ließ die Wahrheit zuhause."

Zwei Drittel der Medikamente werden aus der EU importiert

Doch nicht nur Geld, auch Fachpersonal könnte nach dem Brexit noch knapper werden. Ohne Arbeitnehmerfreizügigkeit würde es für EU-Bürger schwieriger im Königreich zu arbeiten. Und das in einer Zeit, in der es bereits an heimischen Ärzten und Pflegern mangelt. Momentan arbeiten 65.000 EU-Bürger für den NHS. Das sind 5,5 Prozent. Insgesamt stammen über 13 Prozent der NHS-Mitarbeiter aus dem Ausland.

"Darauf war der NHS in den vergangenen Jahren angewiesen, um die Löcher in der Personaldecke zu stopfen. Und dann ist da das große Thema Pflege. Dort wurden die Kosten sehr zurück geschraubt. Die Zahl der Stellen, die nicht besetzt sind, steigt. Es gibt nicht genug Personal. Der Brexit könnte diesem Sektor den Rest geben."

Doch Personal und Finanzierung sind Probleme, mit denen der NHS sich schon seit Jahren herumschlägt. Neu ist ein Problem, das erst durch den drohenden Brexit aufgetaucht ist: Logistik. Zwei Drittel der in Großbritannien benötigten Medikamente werden aus der EU importiert.

"Die Versorgung mit Medikamenten und Medizintechnik wäre gefährdet. Sollte es einen No-Deal-Brexit geben, würde die plötzliche nötige Bürokratie es sehr erschweren, Produkte nach Großbritannien zu bekommen. Der NHS hat deswegen drastische Maßnahmen vorbereitet, darunter das Chartern von Spezialflügen für Medikamente und die Erschließung neuer Häfen."

300 Millionen Pfund hat die britische Regierung für die Notfall-Versorgung mit Essen und Medikamenten bereitgestellt. Fast alle Medikamente gelangen derzeit über die Häfen Dover und Folkstone ins Land. Weil man Angst hat, dass sich auf diesen Strecken im Fall eines Brexit alles staut, schaut man sich nach neuen Häfen um.

"Wir haben den Hafen von Felixstowe über die vergangenen Jahre bedeutend vergrößert, vor allem für Container-Verkehr."

Sagt Paul Davey. Er arbeitet für den Hafen von Felixstowe an der Ostküste.

"Und wir haben neue Lagerflächen geschaffen für den Fährverkehr und so die Kapazität für den Handel mit Europa vergrößert. All das war sowieso geplant, weil es mehr Nachfrage gab. Aber das Timing in Bezug auf den Brexit ist günstig."

Demonstration für den Erhalt des NHS (picture alliance / Photoshot)Demonstration für den Erhalt des NHS (picture alliance / Photoshot)

Der Hafenmanager ist unterwegs zu einem Termin mit Beamten des Zollamts in London.

"Die Regierung bespricht sich oft mit uns. Aber es gibt da ein Problem beim Im- und Export: Die britische Regierung spricht mit britischen Händlern und die Europäer sprechen mit europäischen Händlern. Dabei muss oft eine Person die gesamte Reise auf beiden Seiten begleiten. Die britischen Exporteure müssten also deutsche Import-Regeln kennen. Und deutsche Exporteure müssten britische Import-Regeln kennen. Aber diese Gespräche finden kaum statt."

Davey sagt, er habe bisher nicht eine Person in Großbritannien getroffen, die das System der Grenz- und Zollkontrollen vollkommen überblicke. Es ist also unwahrscheinlich, dass der Warenhandel nach dem EU-Austritt problemlos weiter läuft. Die Leiterin der britischen Gesundheitsbehörde ist deswegen sehr besorgt. In einem Radiointerview mit der BBC sagte Sally Davies, ein No-Deal-Brexit könnte Menschenleben gefährden.

Unterbesetzte Stationen

"Die Gesundheitsbehörden haben hart daran gearbeitet, vorbereitet zu sein. Aber wir können nicht garantieren, dass es keine Versorgungsengpässe gibt. Nicht nur Medikamente sondern auch technische Geräten könnten betroffen sein. Und es könnte Tote geben. Das können wir nicht ausschließen."

In all dem Chaos gibt es aber auch Lichtblicke: Es gibt noch immer junge Menschen, die für den NHS arbeiten wollen. Selbst wenn sie die Zustände kennen, so wie Anna. Auch sie will ihren echten Namen lieber nicht im Radio hören.

"Ich habe auf Stationen gearbeitet, die unterbesetzt waren. Ich wurde auch mal von gestressten Oberärzten angebrüllt."

Die junge Frau hat bereits zehn Jahre als Physiotherapeutin für den NHS gearbeitet. Nun hat sie eine Ausbildung zur Ärztin begonnen.

"Es fühlt sich gut an, für den NHS zu arbeiten. Würde ich den NHS nicht unterstützen, hätte ich das Gefühl, wir würden einer zunehmenden Privatisierung das Feld überlassen. Ich glaube, dabei zu bleiben und für den NHS zu kämpfen, ist wichtig."

Schon jetzt lassen sich vier Millionen der rund 66 Millionen Briten lieber privat versichern und behandeln. Und alle anderen haben Angst vor einer schleichenden Privatisierung des NHS.

Manchmal fragt sich Anna, was passieren würde, wenn die Menschen, deren Idealismus alles zusammenhält, einfach mal pünktlich Feierabend machen würden.

"Es gibt Menschen, die sich aufopfern, um einen guten Job zu machen. Die geben alles. Die nehmen bewusst in Kauf, dass ihre eigene Gesundheit leidet. Nur deswegen funktioniert der NHS noch. Was würde passieren, wenn wir damit aufhören? Vielleicht helfen wir zu verstecken woran es mangelt, indem wir so viel Überstunden absolvieren."

Vor kurzem hat die Regierung von Boris Johnson dem NHS erst 1,8 Milliarden Pfund für die Renovierung von Krankenhäusern versprochen. Und kurz darauf weitere 250 Millionen Pfund. Allerdings sollen damit Lösungen unter Zuhilfenahme von Künstlicher Intelligenz entwickelt werden. Vielleicht übernehmen ja bald Roboter die Nachtschichten.

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