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StartseiteKultur heute"Es ist eine Trägheit - auch aus einem Wohlstandsgefühl heraus"01.07.2016

Brexit und die Generationsfrage"Es ist eine Trägheit - auch aus einem Wohlstandsgefühl heraus"

Die 1982 geborene Schriftstellerin Nora Bossong ist wütend auf ihre Generation. Die jungen Leute würden sich erst bewegen und etwas auf die Beine stellen, wenn es bereits zu spät sei, sagte sie im DLF - wie beim Referendum zum Brexit. Sie fordert dazu auf, einen neuen Bürgerbegriff zu verinnerlichen.

Nora Bossong im Gespräch mit Maja Ellmenreich

Die deutsche Schriftstellerin Nora Bossong (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
Die deutsche Schriftstellerin Nora Bossong (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
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Maja Ellmenreich: Schockstarre, Katerstimmung, Fassungslosigkeit - das sind drei Zustände, die sich erst einmal anfühlen, als würden sie nie vergehen, die aber im Laufe der Zeit dann doch verblassen. Am vergangenen Freitag war in den frühen Morgenstunden klar: Die Brexit-Befürworter sind in der Mehrheit. Vor allem die älteren Wähler haben für den Brexit gestimmt. Die jungen Briten waren mehrheitlich dagegen, sind aber in zu geringer Zahl zur Abstimmung gegangen.

Mittlerweile hat die antiseptische Wirkung der Zeit eingesetzt und aus Schockstarre, Katerstimmung und Fassungslosigkeit wurden Schuldgefühl, Bedauern und vor allem Wut. Die jungen Stimmen mehren sich, diesseits und jenseits des Ärmelkanals, die dieser Wut Ausdruck verleihen. Die deutsche Schriftstellerin Nora Bossong zum Beispiel, Jahrgang 1982 ist sie. Sie sagt, sie sei wütend auf ihre Generation. Frau Bossong, sind Sie wütend auf die Trägheit, dass viele trotz Remain-Meinung schlicht und einfach nicht zur Wahlurne gegangen sind?

Nora Bossong: Ja, ich bin wütend. Generation, da muss ich mich ja mit einbeziehen. Das ist ja ein Vorwurf, den wir uns alle machen können. Die Sache ist einfach die, dass nach dem Entscheid alle sehr betroffen waren, alle traurig waren, und gerade bei den jungen Leuten. Alle haben sich zu Europa bekannt, nur davor leider zu wenig. Und das was mich erstaunt ist, dass wir erst dann uns bewegen, wenn es eigentlich zu spät ist. Wir sind eine junge Generation, die sehr viel auf die Beine stellen könnte, aber es fällt uns dann immer erst ein, wenn eigentlich die Dinge sich so gewendet haben, wie wir sie nicht hätten haben wollen.

"Wir sind aufgewachsen in einer Zeit, in der alles immer enger zusammenwuchs"

Ellmenreich: Womit erklären Sie diese seltsame Zeitverschiebung oder diese etwas verlangsamte Reaktion?

Bossong: Na ja. Es ist eine Trägheit, eine Bequemlichkeit auch aus einem Wohlstandsgefühl heraus. Wir sind aufgewachsen in einer Zeit, in der alles immer enger zusammenwuchs, in der die großen Konflikte sich zu beschwichtigen schienen. Die Wiedervereinigung war da, die EU-Osterweiterung schien Demokratisierung über den ganzen Kontinent zu bringen. Alles schien in den richtigen Bahnen zu sein. Und dann haben, glaube ich, viele das Gefühl entwickelt, na ja, so läuft es, es wird schon immer noch alles gut gehen, und das ist eine Bequemlichkeit, ein Glaube an die Fatalität des immer Gutgehens, der auch gefährlich ist oder der zumindest träge macht.

Ellmenreich: Warm und weich gebettet und stets umsorgt - ein Phänomen aber, das auch das Festland umfasst?

Bossong: Ja, ganz genau, und ich denke, wenn man sich ganz Europa anschaut, kann man ja wiederum natürlich nicht sagen, dass die junge Generation nichts tut. In den südeuropäischen Ländern, wo die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch ist, gehen die Leute auf die Straße. Da sind sie sehr engagiert. Nur das Problem ist: Wenn wir uns erst engagieren, wenn wir in einer Situation der Ohnmacht, der Hilflosigkeit und auch der Angst sind, weil unsere Existenz, zumindest unsere Wohlstandsexistenz gefährdet ist, dann agieren wir aus einer sehr, sehr geschwächten Position heraus, und eigentlich wäre es an uns, uns ein bisschen früher zu bewegen.

Ellmenreich: Nun stellt sich mir die Frage nach der Henne und dem Ei. Mangelt es den Jungen vielleicht an Tatkraft, weil die Alten sie nicht lassen?

Bossong: Zum Teil sicherlich. Wir sehen die EU mit ihrer Reformverweigerung, kann man nicht sagen, aber Reformträgheit tatsächlich. Es gibt Vorwürfe sicherlich auch von populistischer Seite, die nicht ganz aus der Luft gegriffen sind, dass es ein Demokratiedefizit gibt. Das sind alles Dinge, die dann so hingenommen werden, als könne man nichts daran ändern oder als müssten 100 Jahre vergehen, bis sich das mal reformieren ließe. Und das ist tatsächlich ein Problem, wo die Generation, die in den Institutionen an den Schalthebeln sitzt, tätig werden müsste. Es kann ja nicht sein, dass man den Rechtspopulisten eine so große Angriffsfläche immer länger bietet, und wir sehen derzeit, wie wirklich unsere demokratischen Grundstrukturen tatsächlich aus meiner Sicht gefährdet sind. Die antidemokratischen Tendenzen in Europa werden immer stärker und man darf einfach diesen antidemokratisch agierenden Parteien oder Personen nicht die Führung überlassen.

Bossong fordert einen neuen Bürgerbegriff zu verinnerlichen

Ellmenreich: Man darf ihnen nicht die Führung überlassen. Was kann denn konkret den jungen Europäern Ihrer Meinung nach helfen, aus diesem Phlegma herauszukommen?

Bossong: Ich glaube, es ginge darum, einen neuen Bürgerbegriff auch zu verinnerlichen. Wir haben die neue Bürgerlichkeit, die aber mit dem Citoyen, also mit dem Staatsbürger sehr wenig zu tun hat. Die neue Bürgerlichkeit ist eher so ein Eskapismus, eine Flucht aufs Land oder in die Social-Media-Kanäle, Augen zu und durch mehr oder weniger beziehungsweise ich kümmer mich um die Aufzucht meiner Karotten, aber nicht so sehr um das, was politisch um mich herum geschieht. Und wieder ein neues Bewusstsein dafür zu bekommen, dass dieser ich möchte jetzt Citoyen sagen, weil es tatsächlich diesen Begriff ja im Deutschen so nicht gibt, der verantwortungsvolle, sich auch in seiner staatsbürgerlichen Pflicht sehende Mensch, der politisch denkende Mensch, dass wir das neu verinnerlichen, neu reflektieren und die Gesellschaft gestalten. Die Frage ist einfach, wie schafft man es, wieder ein gemeinsames Interesse aufzustellen zwischen den Generationen, wie schafft man es auch, ein gemeinsames Verständnis von Europa zu schaffen, was sich irgendwo zwischen der Erzählung meiner Großeltern, die das als friedensstiftendes Projekt erlebt haben, und der jungen Generation, die es als das grenzenlose Reisen und die absolute Freizügigkeit erleben, wie schafft man es, da eine Erzählung zu bekommen, ein Narrativ, was tatsächlich insgesamt plausibel ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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