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StartseiteMusikjournal"Du hast Millionen von fernen Geliebten"02.11.2020

Briefe an Beethoven"Du hast Millionen von fernen Geliebten"

Seit über 60 Jahren trägt die taiwanisch-deutsche Pianistin Pi-hsien Chen Ludwig van Beethoven in sich. In ihrem Brief an den Komponisten erklärt sie, wie sie versucht ihm so nah wie möglich zu sein - durch das Studium von Beethovens Werken.

Von Pi-hsien Chen

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Nahaufnahme eines goldenen, lächelnden Beethoven-Gesichtes, das während der Installation im Mai 2019 in Bonn entstand, bei der 700 lächelnde Figuren den zentralen Platz in Bonn füllten. (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
"Oft fühle ich, mit Dir identisch zu sein - was eine unglaubliche Anmaßung ist und zugleich unmöglich", schreibt die Pianistin Pi-hsien Chen an Beethvoen. (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
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Lieber Beethoven,
 
so spreche ich Dich an. Nicht verehrter, denn das wäre mir zu fern von Dir. 

Seit über 60 Jahren trage ich Dich ja in mir. Der Name Beethoven wurde zum Symbol für Musik überhaupt, während ja viele Menschen Ludwig heißen.

Meine Verehrung und Liebe praktiziere ich im Studium Deiner Werke, in der Hoffnung, Dir so nah wie möglich zu werden; eins mit Dir, wie Du es Dir in dem Brief an die "ferne Geliebte" wünschtest. 

Beethoven 2020 (Deutschlandradio / imago / Klaus W. Schmidt) (Deutschlandradio / imago / Klaus W. Schmidt)

"Du wirst auf der ganzen Welt geliebt"

Du wurdest schon in frühester Kindheit zu Disziplin angehalten. Damals wurde Dir eingeprägt, dass das größte Glück erarbeitet und bezahlt werden muss. Dies spiegelt sich in Deinen Werken wieder: die Überwindung von Leid, Zweifel und Entsagung bis zur Katharsis am Ende. Was nicht unbedingt ein Happy End bedeutet.

Umso größer ist dann der Triumph. Ein weltliches Happy End konntest Du im realen Leben nicht bekommen. Doch Dein Wunsch war immer da: für die ganze Menschheit! Deshalb wirst Du auf der ganzen Welt geliebt und verstanden. Alle nutzen Deine Musik für den Ruf nach Hoffnung, Frieden und Gerechtigkeit. 

Komponist: Manos Tsangaris, Donaueschinger Musiktage, 2014 (@SWR / Inge Zimmermann) (@SWR / Inge Zimmermann) "Sie können sich kaum vorstellen, wie verfügbar Musik geworden ist"
Musik könne heute zu allem gebraucht werden, schreibt der Komponist Manos Tsangaris an Beethoven: zum Verkauf von Waren oder zur Stimulanz von Empfindungen. Sie sei selbst zur Ware geworden.

Oft fühle ich, mit Dir identisch zu sein - was eine unglaubliche Anmaßung ist und zugleich unmöglich, da Du ja auch ein fantastischer Pianist warst und dies in Deinen Werken voraussetzt. Doch können tatsächlich Musiker die Freiheit haben, Dir nah zu sein: Nun hast Du Millionen von fernen Geliebten. 

Allerdings Antonie hatte Dich entzündet. Die letzte Klaviersonate op. 111 widmetest Du zuerst ihr. Du bist dem, was Du an sie geschrieben hast, immer treu geblieben. 

Wie sehr wünschte ich mir, sie zu sein.

Deine
Pi-hsien Chen

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