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StartseiteMusikjournal"Lieber Ludwig, Sie waren und sind immer präsent"20.07.2020

Briefe an Beethoven"Lieber Ludwig, Sie waren und sind immer präsent"

Die Pianistin Ragna Schirmer hat sich im vergangenen Jahr anlässlich des 200. Geburtstages von Clara Schumann erneut mit Beethoven auseinandergesetzt und besonders nahe gefühlt. Schirmer spielte Schumanns Konzertprogramme und erfuhr dabei, wie Beethoven das künstlerische Schaffen der Konzertpianistin geprägt hat.

Von Ragna Schirmer

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Gemälde-Portrait von Clara Schumann, Pianistin und Komponistin, 1858. (picture alliance / akg-images / Hanfstaengl)
Clara Schumann war eine der bedeutesten Musikerinnen ihrer Zeit und war eine gefeierte Konzertpianistin (picture alliance / akg-images / Hanfstaengl)
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Hochverehrter Herr van Beethoven!

Als mir der Deutschlandfunk anbot, Ihnen einen Brief zu übermitteln, da zögerte ich. Zu groß meine Ehrfurcht vor Ihnen, zu unbedeutend mein Beitrag zu Ihrem Ruhm. Was hätte ich Ihnen denn Wichtiges mitzuteilen?

Alsdann wurde mir bewusst, dass ich im letzten Jahr mit einer Ihrer wichtigsten Botschafterinnen kommunizierte, und über dieses Vehikel wage ich nun doch, mich an Sie zu wenden:

Erinnern Sie sich an Clara Schumann? Sie haben die ersten musikalischen Schritte des begabten Mädchens aus Leipzig vielleicht noch aus der Ferne beobachtet, das große Konzertdebüt im Gewandhaus fiel aber schon in das Jahr nach Ihrem Tode. Als Sie starben, da war Clara acht Jahre alt.

Beethoven 2020 (Deutschlandradio / imago / Klaus W. Schmidt) (Deutschlandradio / imago / Klaus W. Schmidt)

In fast jedem Konzert spielte Clara Schumann Werke von Beethoven

Als 18-Jährige wurde sie in Wien gefeiert, erhielt Auszeichnungen, explizit für die Interpretation Ihrer, der Beethoven‘schen, Sonaten. Für den Vortrag der "Appassionata", op. 54 attestierte kein Geringerer als Franz Grillparzer diesem jungen Talent die unbedingte Vorherrschaft über Ihr Werk. Und Clara nahm die Verantwortung an: In fast jedem ihrer zahlreichen Konzerte spielte sie Ihre Werke, die Waldsteinsonate gar über 90 Mal. Auch "Les Adieux" und den "Sturm" interpretierte sie wieder und wieder. Ihre Klavierkonzerte, werter Herr van Beethoven, vor allem das dritte und vierte, trug sie über die Landesgrenzen nach Polen, nach England, nach Skandinavien. Auch, wenn Clara sich das Recht nahm, die vorgezeichneten Kadenzen durch eigene zu ersetzen - was ja damals durchaus üblich war - kann man doch mit Fug und Recht behaupten, dass Madame Schumann für die Verbreitung Ihrer Klavierwerke von größter Bedeutung war.

Und dazu die Kammermusik! Mit Joseph Joachim die Sonaten für Violine, vor allem die so beliebte Kreutzer-Sonate, und mit Sir Piatti das Opus 69 für Cello und Klavier. Trios spielte sie, und sogar die Streichquartette ließ sie immer und immer wieder in ihren Konzerten erklingen. Ich fand kaum ein Konzert in der langen Liste der Schumann‘schen Rezitals und Grande Concerts, in dem der Name "Beethoven" nicht vertreten war. 

Werter Maestro van Beethoven, nach allem, was ich über Sie weiß, haben Sie nicht nur größtes Interesse, sondern auch größtmögliche Freude daran, zu erfahren, dass Ihre Werke gleich nach Ihrem Tode durch solch eine fleißige und berühmte Künstlerin weiter verbreitet wurden. Ihnen war die Rezension der Nachwelt nicht gleichgültig, nein, Sie hatten verständlicherweise den Wunsch, mit Ihrer Musik unsterblich zu sein und zu werden wie Ihre ferne Geliebte.

Und so dürfte Ihnen diese Pianistin aus Leipzig großen Dienst erwiesen haben, indem sie Ihre Werke überall aufführte und Ihren Ruhm verbreitete. Und sie tat dies nicht nur in Konzerten europaweit, sondern in besonderer Weise, indem sie schon damals auf ein Jubiläum verwies: Zu Ihrem 100. Geburtstag 1870 beispielsweise veranstaltete Clara Schumann ein großes Beethoven-Fest in Bremen.

Büste des Komponisten mit wildem Haar und typisch geknotetem Halstuch. (imago images / United Archives International) (imago images / United Archives International)

Original-Konzertprogramme aus dem 19. Jahrhundert von Clara Schumann

Was aber veranlasst mich, Ihnen all dies zu schreiben? Warum schreibe ich als Pianistin über eine andere Pianistin?

Nun, ich habe im vergangenen Jahr, welches ein Geburtstags-Jubiläum ebendieser Dame war, deren Original-Konzertprogramme aus dem 19. Jahrhundert wiederholt. Und so kam ich natürlich nicht umhin, all die wunderschönen Werke aus Ihrer Feder, werter Herr van Beethoven, in diesen Konzerten wiederzugeben. Natürlich kannte ich die meisten schon, aus meinem Studium mittels der Beschäftigung mit Ihnen. Kein ernsthafter Musiker kommt um die Wahrnehmung Ihrer Werke herum, und so hatte auch ich fast alle Ihre Sonaten, Konzerte und Kammermusikwerke studiert.

Aber wirklich nahe fühlte und fühle ich mich Ihnen durch die wunderbare Clara und deren Wertschätzung für Ihr Werk. Natürlich gab es für Clara ihren Mann Robert, der Sie übrigens auch schätzte und Ihnen huldigte, indem er Variationen über Ihr Thema aus der 7. Sinfonie schrieb. Natürlich gab es Claras komponierende Zeitgenossen, wie beispielsweise Chopin und Mendelssohn. Aber Sie, werter Herr van Beethoven, nahmen eine Sonderstellung ein: Sie waren der Komponist, der das Fundament bildete, auf dem sich dies Konzertleben mit sicherem Halt aufbaute. Sie haben Claras künstlerisches Schaffen mitbestimmt und geprägt. 

Was soll nun aber dieser Brief, mögen Sie sich fragen? Wir schreiben das Jahr 2020: Sie möchten vielleicht erfahren, wer heute Ihre Werke aufführt, wie die Musikwelt Sie heute betrachtet und in Erinnerung hat? Warum schreibe ich von einer vergangenen Zeit, einer längst verstorbenen Pianistin des 19. Jahrhunderts? Geschätzter Herr van Beethoven, auf meine Art versuche ich, diesen Brief zu nutzen, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie immer präsent waren und sind, dass Ihre Musik lebendig ist und so groß, dass sie sogar im Jubiläumsjahr einer anderen gefeierten Künstlerin die zentrale Rolle einnahm.

Erfüllt es Sie mit stolzer Freude, dass es nicht Ihres eigenen Jubiläums bedarf, um permanent gefeiert zu werden, dann hat dieser Brief seinen Zweck erfüllt.

Herr van Beethoven, wo auch immer dieser Brief Sie erreicht, lassen Sie mich Ihnen danken und Ihnen gegenüber voller Zuversicht der großen Hoffnung Ausdruck verleihen, dass es auch zu Ihrem 500. Geburtstage noch so sein wird, dass man sich vor Ihnen und Ihrem Werk verneigt. Bis dahin mögen viele Musiker Ihre wunderbaren Kompositionen aufführen, wieder und wieder und wieder.

Hochachtungsvoll,

Ragna Schirmer

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