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StartseiteMusikjournal"Lieber Ludwig, wie ist diese Stelle zu spielen?"10.02.2020

Briefe an Beethoven"Lieber Ludwig, wie ist diese Stelle zu spielen?"

Beethovens Neunte, zweiter Satz, Takte 92 und folgende: Wie ist diese Stelle nur zu spielen, fragt der Dirigent Adam Fischer in seinem Brief an den Komponisten. Stolze Holzbläser und gleichzeitig ein gnadenlos pulsierendes Streichermotiv - es scheint unmöglich, diesen Klangeffekt zu erreichen.

Von Adam Fischer

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Der ungarische Dirigent Adam Fischer dirigiert in elegantem Frack beim Ball der Wiener Philharmoniker am Donnerstag, 21. Jänner 2016, im Wiener Musikverein. (picture alliance / Herbert Pfarrhofer)
Adam Fischer rätselt seit fünfzig Jahren, wie ein bestimmter Effekt in Beethovens Partitur zu spielen ist (picture alliance / Herbert Pfarrhofer)
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Ich wende mich an Sie, weil ich Ihre Hilfe brauche. Eine Frage, die mich seit über fünfzig Jahren beschäftigt. Es geht um die Takte 92 und folgende im zweiten Satz Ihrer neunten Symphonie.

Streicher im fortissimo - und Hörner

Ich war 16 Jahre alt, als ich mit der Partitur in der Hand, eine Aufnahme der Neunten, dirigiert von Arturo Toscanini, anhörte. Bei den erwähnten Takten fiel mir auf, dass das Thema der Holzbläser von den Hörnern mitgespielt wurde, obwohl in der Partitur an dieser Stelle keine Hörner vorgeschrieben sind. Wieso spielen sie da? Ich fragte meinen Musiklehrer. Er meinte, die Streicher, bei denen fortissimo vorgeschrieben ist, würden das Thema in den Bläsern "zudecken", deshalb hätte wohl Toscanini zur Verstärkung die Hörner dazu genommen.

Auch habe er sich sicher gedacht, dass Beethoven das Holzbläser-Thema von den Hörnern hätte mitspielen lassen, wenn es auf den damaligen Instrumenten spielbar gewesen wäre. Aber das verändert doch die Klangfarbe, das kann nicht sein! Ich hörte mir dann eine andere Aufnahme, dirigiert von Otto Klemperer an. Er hatte keine Hörner hinzugefügt, das Thema war auch nicht zugedeckt, Die Streicher haben aber leise gespielt. Das hat aber den Charakter des wild und gnadenlos pulsierenden Rhythmus der Streicher verändert. Das kann doch nicht sein!

Die volle Wirkung nie erreicht

Sie können selbst erraten, was mich seit dem, ein Leben lang, beschäftigt. Seit vielen Jahren dirigiere auch ich die Neunte, ich konnte aber bei der erwähnten Stelle nie die volle Wirkung erreichen, die Sie uns in der Partitur vorschreiben. Ich habe verschiedenes ausprobiert.

Einmal ließ ich die Streicher nur den Anfang jedes vierten Taktes betonen und die Töne dazwischen leiser spielen, ein anderes Mal bat ich sie, die Töne akzentuiert zu kürzen, damit sie auch beim leisen Spiel aufgeregt klingen, ein drittes Mal verstärkte ich die Bläser, habe sie auch  mal aufstehen lassen – nichts half richtig!

Wie soll die Stelle gespielt werden?

Es ist so wunderbar, was Sie in der Partitur schreiben! Man sieht genau, was Sie wollen: das siegreiche, drängelnd-stolze Thema der Holzbläser, UND das gnadenlos pulsierende, alles erschlagende Streichermotiv gleichzeitig. Die Partitur anzuschauen ist eine Wonne! Nur kann ich die Wirkung nicht erreichen. Ich bin immer wieder enttäuscht vom realisierten Klangerlebnis.

Lieber Herr van Beethoven, ich bitte Sie, geben Sie mir einen Hinweis, wie die Stelle gespielt werden soll! Ich möchte nicht so lange warten, bis ich Sie selber fragen kann. Ich möchte hier noch auf Erden eine Aufführung der Neunten dirigieren können, die mir das Gefühl gibt, Ihren Intentionen gerecht geworden zu sein!

In freudiger Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr

Adam Fischer

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