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StartseiteMusikjournal"Sie sind mir so eine Art Wohnzimmer geworden!"09.11.2020

Briefe an Beethoven"Sie sind mir so eine Art Wohnzimmer geworden!"

Beethoven war mitschuldig, dass Gordon Kampe Musiker wurde. Der Komponist stellt seinen Kollegen aber nicht auf einen Sockel. Er ist dankbar für außergewöhnliche Musikmomente und erkennt gerade in den Stücken, die keine Meisterwerke wurden, das menschliche Antlitz Beethovens.

Von Gordon Kampe

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Porträtaufnahme eines Mannes mit westeuropäischem Aussehen in mittlerem Alter, der in die Kamera schaut, eine dunkle viereckige Brille sowie eine schware Jacke mit weißem Hemd trägt. (Manuel Miethe)
"Zum guten Ton eines nachfolgenden Komponisten gehört ja, dass man die Väter und Großväter und Urgroßväter erschlägt. Aber ich mag Sie nicht erschlagen," schreibt Gordon Kampe in seinem Brief. (Manuel Miethe)
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Lieber Herr van Beethoven,

fast immer, wenn ich ganz doll an Sie denke, dann bin ich wieder in Wanne-Eickel. Dann sitze ich auf dem Sofa meiner Omma, schaue aufs Gelsenkirchener Barock und überrascht sagt etwas in mir »Huch! Beethoven!« Denn da stand sie, als Deko und vermutlich vollkommen ungelesen: eine Beethoven-Biographie von Felix Huch. Als Kind hatte ich keine Ahnung. Wirklich: Gar keine. Auf dem Band stand nur: »Huch! Beethoven!« Bis ich eines Tages – auch in Wanne-Eickel –, in meiner Schule lernte, dass ja Sie, lieber Beethoven gemeint waren und dass Sie Musik geschrieben haben.

Beethoven 2020 (Deutschlandradio / imago / Klaus W. Schmidt)Beethoven 2020 (Deutschlandradio / imago / Klaus W. Schmidt)

Ich möchte Sie ja nun nicht einseifen oder Schleimspuren hinterlassen, brächte ja auch nichts, denn Sie sind ja leider tot. Dennoch, lassen Sie es sich gesagt sein: Sie sind schon ein bisschen Schuld daran, dass ich Musiker geworden bin. Ich sehe es noch vor mir: Ich sitze gelangweilt im Konzert des Schulorchesters, umringt von den Blockflöten des Grauens. Bis zu diesem BÄM… diesem riesigen, fortissimo-F, das da die etwas älteren Mitschüler in die Luft rammten. Dieses F… dann die schönen Melodien von den schwarzen Instrumenten, die so viele silbrige Klappen haben und ungeheuer kompliziert aussehen. Und dann der Jubel, dieser Jubel! Huch, muss ich mir gedacht haben: Genau das, das will ich auch!

Also ab in den nächsten Musikladen. Die Recherchen ergaben, dass es wohl eine Oboe oder eine Klarinette gewesen sein muss, die ich da hörte. Ich lernte Klarinette und wurde Musiker. Ohne dieses F… nicht auszudenken, was aus mir geworden wäre. Vermutlich Fremdenlegion. Aber ich hatte ja nun meinen Beethoven. Natürlich brauchte ich auch eine Platte mit diesem F. In Wanne-Eickel gab’s das nicht, ich musste bis nach Bochum. Das war am anderen Ende der Welt. Aber da war sie endlich: Die Egmont-Ouvertüre mit dem fetten F – gemeinerweise auf der B-Seite. Auf der A-Saite die Pastorale. Fand ich doof. Landluft, Tänzchen. Was für Weicheier.

"Was haben Sie auch für Zeugs geschrieben."

Sie haben mich, es klingt leider wie so eine ganz fade Musikanten-Erweckungs-Binse, aber es ist nun einmal die Wahrheit, seitdem nicht mehr recht losgelassen. Lieber Beethoven, Sie sind mir so eine Art Wohnzimmer geworden. Ich habe den Eindruck, dass ich mich bei Ihnen auskenne. Dass ich sogar die Sofa-Ritzen mit dem Popcorn vom letzten Jahr kenne. Dass ich auch mal mit Ihnen zusammen auf diesem Sofa sitzen kann und Sie nicht die ganze Zeit bewundern muss. Denn – sehen Sie es mir nach – nicht jedes Stück von Ihnen ist ein Meisterwerk.

Nahaufnahme eines goldenen, lächelnden Beethoven-Gesichtes, das während der Installation im Mai 2019 in Bonn entstand, bei der 700 lächelnde Figuren den zentralen Platz in Bonn füllten. (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd) (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd) "Du hast Millionen von fernen Geliebten"Seit über 60 Jahren trägt die taiwanisch-deutsche Pianistin Pi-hsien Chen Ludwig van Beethoven in sich. In ihrem Brief an den Komponisten erklärt sie, wie sie versucht ihm so nah wie möglich zu sein - durch das Studium von Beethovens Werken.

Meine Güte, was haben Sie auch für Zeugs geschrieben. Ich wünschte, man programmierte ein Festival mit Ihren banalsten Stücken. Klar: die »Elise« ist garstig und nicht zu retten, »Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria« ist für einen ehemaligen Zivi wie mich auch ziemlich gaga – aber vorne weg im Morast der Gelegenheitsverwirrungen: Opus 136! »Der glorreiche Augenblick!«. Eine Kantate, geschrieben für den Wiener Kongress. Groß besetzt und grob wie Flönz, wursteln Sie da in A-Dur herum. Immerhin, der Text ist gut – oder wenigstens wünschenswert. »Europa steht! Und die Zeiten, die ewig schreiten, der Völker Chor, sie schauen verwundert, verwundert empor.« Schön wär’s.

Immerhin eine gute Idee folgt! Den fabelhaften Text: »Wer muss die Hehre sein, die von dem Wunderschein der alten Götterwelt umzogen, herauf aus Osten geht in einer Fürstin Majestät, und auf des Friedens Regenbogen?« vertonen Sie mit einem dermaßen holprigen Fugato, dass man ihn gottlob nicht mehr recht versteht. Nein, wegen des glorreichen Augenblicks sind Sie sicher nicht in die Musikgeschichte eingegangen. Aber ich mag ihn trotzdem, denn er zeigt Ihr ungeheuer menschliches Antlitz. Bach hatte immer den lieben Gott mit an seinem Schreibtisch sitzen, Mozart den lieben Gott links und den Teufel rechts… Und Sie, Sie mussten das alles alleine komponieren! Was haben Sie sich dabei verkämpft, verkrampft, was haben Sie gerungen und verworfen – und manchmal haben Sie dann auch richtig daneben gegriffen. Mit Schwung in die Erdbeeren, toll! Danke dafür – denn das macht ihre Meisterwerke nur noch schöner.

"Feiern Sie mal schön da oben auf Ihrer Wolke."

Zum guten Ton eines nachfolgenden Komponisten gehört ja, dass man die Väter und Großväter und Urgroßväter erschlägt. Aber ich mag Sie nicht erschlagen. Für mich stehen Sie auch gar nicht auf einem Sockel, ich will auch kein Bild von Ihnen stürmen, ich bete Sie nicht an, denn Sie sind ein Mensch. Ich bin Ihnen dankbar für jenes F, das mich als Dreizehnjährigen umgehauen hat. Und heute – als Vierundvierzigjähriger – bin ich dankbar für den dritten Satz aus op. 109, für das Geigensolo aus dem Benedictus – und ja: ein, zwei Mal im Jahr höre ich sogar das Finale aus Ihrer Neunten und stehe dann völlig neben mir.

Bald ist also ihr 250ster Geburtstag. Da der liebe Gott – davon bin ich fest überzeugt – Humor hat, wird er fürs Festkonzert den »Glorreichen Augenblick« programmiert haben. Bach, Mozart, Boulez und Stockhausen singen, peinlich berührt, die Solopartien. Dann feiern Sie mal schön da oben auf Ihrer Wolke. Sie haben es sich verdient.

Herzlich

Ihr

Gordon Kampe

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