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StartseiteMusikjournal„Wie viel Mensch ist in Ihrer Musik, und wieviel Kalkül?“07.12.2020

Briefe an Beethoven„Wie viel Mensch ist in Ihrer Musik, und wieviel Kalkül?“

Beethovens Musik inspiriere dazu, über die großen Fragen der Menschheit nachzudenken, schreibt Andrés Orozco-Estrada. Gerne würde er seine Rolle als Dirigent mit Beethoven besprechen und ihn fragen: Ist es meine Aufgabe, Ihrer Intention und Ihren Vorstellungen bescheiden zu dienen?

Von Andrés Orozco-Estrada

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Ein Mann mit dunklen Locken steht frontal zur Kamera und schaut lächelnd zur Seite, das Bild ist im Freien aufgenommen, der Baum im Hintergrund ist unscharf. (Martin Siegmund)
Der Dirigent Andrés Orozco-Estrada hat viele Fragen an Ludwig van Beethoven. (Martin Siegmund)
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Sehr geehrter Maestro,

Es fällt mir nicht leicht, einen Anfang für diesen Brief zu finden – ich hätte so viele Fragen, so viel zu sagen und gleichzeitig fehlen mir die Worte. Vielleicht fange ich schlicht damit an, Danke zu sagen. Danke für alles, was ich von Ihnen lernen durfte. Danke für die unsterbliche Musik, die Sie der Menschheit geschenkt haben. Ich erlaube mir, zwei, drei Fragen zu stellen. Wenn es Ihnen zu mühsam und langweilig wird, bitte ich Sie, den Brief nicht weiterzulesen. Ich hoffe aber, dass Sie mir diese Aufmerksamkeit schenken, wenngleich ich auch keine Antwort erwarten darf. Ich weiß, wie viel Sie zu tun haben. Aber erlauben Sie mir die träumerische Vorstellung, dass Sie meine Worte lesen.

"Ihre Musik inspiriert uns zur Reflexion"

Wenn ich mich in Ihre Kompositionen vertiefe, dann werden die großen Fragen des Menschseins berührt. Was ist das Ziel unseres Daseins? Was liegt vor uns als Menschheit? Warum machen wir alte Fehler immer wieder neu? Weit über das emotionale Erlebnis der Schönheit und des Kontrasts zum Alltagsleben hinaus inspiriert uns Ihre Musik zur Reflexion. Hinter dem großen Maestro, dem Genie ist immer auch der Mensch spürbar, der sich Gedanken zur Welt macht – und wie sie besser werden könnte. Was glauben Sie wird aus uns werden? Ich selbst bin da manchmal optimistisch und manchmal auch skeptisch. Doch dann wächst wieder die Gewissheit: Dank der Schönheit unsterblicher Kunstwerke wie Ihrer Musik werden wir doch immer wieder den guten Weg finden.

"Geht es darum, sich auf die eigene Fantasie zu verlassen?"

Erlauben Sie mir noch eine Frage musikalischer Natur: Welche Herangehensweise würden Sie mir beim Dirigieren Ihrer Symphonien empfehlen? Ist es meine Aufgabe als Dirigent, Ihrer Intention und Ihren Vorstellungen bescheiden zu dienen? Gibt es so etwas wie interpretatorische Wahrheit, die es anzustreben gilt? Oder geht es vielmehr darum, sich auf die eigene Fantasie zu verlassen, und damit die Meisterwerke, die Sie der Welt geschenkt haben, immer wieder neu zu vermessen? Wie sollen wir InterpretInnen Ihrer Musik mit diesem Spannungsfeld umgehen? Ein Ritardando mehr oder weniger, eine Fermate länger oder kürzer, eine Dynamik vielleicht auch mal zu verändern… Wie viel Spontanität kann ich mir hier erlauben? Wie gerne würde ich das mit Ihnen im Detail besprechen!

Eine andere Frage, die sich mir in der Auseinandersetzung mit Ihrer Musik stellt, ist die nach dem Verhältnis von Gefühlen und Intellekt, von Kopf und Herz. Beide werden mit Ihren Werken so reich beschenkt! Wie viel Mensch ist in Ihrer Musik, und wieviel Kalkül? Ist es eine romantische Musik? Ist sie klassisch im besten Sinne und überschreitet aus dieser Position heraus alle Grenzen des bis dahin Vorstellbaren? Sie führt uns in eine Welt von der wir zuvor nicht wussten, und häufig frage ich mich: Haben Sie ein Programm, ein Bild hinter jeder Komposition? Diese letztlich nicht mit Worten beantwortbare Frage zu ergründen bleibt unsere immerwährend beglückende Aufgabe.

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Haben Sie eine Vorstellung, was Ihre Musik bei uns – MusikerInnen wie ZuhörerInnen – alles bewegt, wie unschätzbar reich Sie die Menschheit beschenkt haben? Falls es für Sie wichtig ist, so hoffe ich, dass Sie zumindest einen Teil davon auch spüren können und wissen. Ich, der ich viele Stunden an meinem Schreibtisch damit verbringe, Ihre Partituren immer wieder zu studieren um immer tiefer in Ihre musikalische Welt einzutauchen, möchte aus tiefstem Herzen Danke sagen. Danke für jede Note, danke für so viel Menschlichkeit und Transzendenz, Danke für so viele Gefühle, Danke für Ihren Mut.

Wir nähern uns Ihrem Geburtstag, und da erlaube ich mir, abschließend noch einen Geburtstagsgruß zu schicken. Ich hoffe, Sie feiern schön – wie auch immer Sie feiern, was auch immer Schönheit für Sie bedeutet. Von Herzen alles Gute!

P.S.: Falls Sie Lust haben mir zu antworten, können Sie sicher sein, es wäre die größte Ehre meines Lebens. Ich verbleibe im größten Respekt und größter Bewunderung, der Ihnen und Ihrer Musik bescheiden dienende

Andrés Orozco-Estrada

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