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StartseiteDie neue PlatteTrauer, Klage, Hoffnung25.10.2020

Brittens Sinfonia da RequiemTrauer, Klage, Hoffnung

Benjamin Brittens Sinfonia da Requiem ist ein eindrucksvolles musikalisches Statement gegen den Krieg. Mirga Gražinytė-Tyla und das City of Birmingham Symphony Orchestra haben das Werk vergangenes Jahr in der Hamburger Elbphilharmonie gespielt. Die Konzertaufnahme ist jetzt als digitales e-Album erschienen.

Am Mikrofon: Marcus Stäbler

Eine junge Frau blickt freundlich und hebt den linken Zeigefinger. In der anderen Hand hält sie einen Dirigierstab. (Universal Music)
Mirga Gražinytė-Tyla leitet seit 2016 als Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra (Universal Music)
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Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 1. Satz, Lacrymosa

Ein Bombeneinschlag von Pauken und Blech als Auftakt. Danach kehrt Ruhe ein. Aber eine Ruhe des Unheils, wie auf dem Schlachtfeld nach der letzten Explosion. Die Rauchschwaden ziehen allmählich ab. Bässe und Celli verbreiten eine dunkle Atmosphäre.

Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 1. Satz, Lacrymosa

Freudvoll oder gar triumphal klingt das nicht, ganz im Gegenteil. Deshalb waren die Auftraggeber entsetzt. Im September 1939, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, hatte die japanische Regierung bei mehreren Komponisten neue Werke bestellt, um ein großes Jubiläum zu feiern: 2600 Jahre der herrschenden Mikado-Dynastie. Einer dieser Komponisten war Benjamin Britten, und der lieferte ein Stück, das so gar nicht den Erwartungen entsprach. Keine Spur von majestätischer Pracht. Stattdessen Gesten der Trauer und der Klage, in der neuen Aufnahme vom City of Birmingham Symphony Orchestra ausdrucksvoll gespielt.

Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 1. Satz, Lacrymosa

Gebet für Orchester

Lacrymosa nennt Benjamin Britten den ersten Satz seiner Sinfonia da Requiem und lässt damit keinen Zweifel an der Aussage des Stücks. Es ist eine orchestrale Totenmesse, ein musikalisches Statement des überzeugten Pazifisten Britten gegen den Krieg. Auch ohne Text erinnert die Musik im Lacrymosa stellenweise an eine Art Gebet. Etwa wenn das langsam wiegende Lamento-Motiv der Streicher von den Bläsern aufgegriffen und wieder und wieder repetiert wird, wie eine Klageformel.

Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 1. Satz, Lacrymosa

Die Sinfonia da Requiem, 1941 schließlich in den USA uraufgeführt, ist das erste große Orchesterwerk von Benjamin Britten. Und schon hier tritt seine Handschrift deutlich zu Tage. Der damals 27-jährige Komponist bekennt sich klar zur Tradition, manche Passagen erinnern an Schostakowitsch und sogar an die erste Sinfonie von Brahms, und er findet zugleich eine ganz eigene Sprache. Britten instrumentiert meisterhaft und erzielt mit der breiten Palette des Orchesters fesselnde Farbwirkungen. Wie beim Kontrast von tiefen und hohen Registern der Bläser, die er mit Harfe und Klavier abmischt.

Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 1. Satz, Lacrymosa

Die farbliche Raffinesse der Partitur ist in der Konzertaufnahme sensibel abgebildet. Da offenbart sich die über Jahrzehnte gewachsene Nähe des Orchesters zur Musik von Benjamin Britten: das City of Birmingham Symphony Orchestra hat etwa 1962 dessen War Requiem aus der Taufe gehoben und auch während der langen Amtszeit von Simon Rattle, während der 80er und 90er-Jahre, regelmäßig Werke von Britten aufgeführt. Aber diese fein nuancierten Klangmischungen sind auch eine besondere Stärke von Mirga Gražinytė-Tyla, seit 2016 Chefdirigentin in Birmingham.

Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 1. Satz, Lacrymosa

Beklemmende Intensität

Die Litauerin Mirga Gražinytė-Tyla, Jahrgang 1986, modelliert den subtilen Farbreichtum der Sinfonia da Requiem mit kammermusikalischer Sorgfalt. Dabei hilft ihr die äußerst transparente Akustik der Hamburger Elbphilharmonie, in der die Konzertaufnahme entstanden ist. Trotz der Liebe zum Detail, behält die Dirigentin immer den großen Bogen im Blick. Auf dem Weg zum dramatischen Höhepunkt des Lacrymosa entfacht sie mit ihrem Orchester eine beklemmende Intensität und Spannung.

Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 1. Satz, Lacrymosa

Nach dem schmerzvollen Höhepunkt erlahmt die Musik, aber sie findet keine Erlösung, jedenfalls jetzt noch nicht. Der zweite Satz trägt den Titel "Dies Irae", "Tag des Zorns". Benjamin Britten hat ihn nach eigenen Worten als eine Art Totentanz angelegt, der von einem tremolierenden Motiv vorangetrieben wird.

Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 2. Satz, Dies Irae

Diese und andere Informationen zum Stück hätte man gern in einem Beiheft nachgelesen. Aber das gibt’s gar nicht, ebenso wenig wie überhaupt eine physische CD. Die Deutsche Grammophon hat das neue Britten-Album zunächst nur digital veröffentlicht, mit den drei Sätzen des Stücks als Audiodateien zum Download. Erst zu einem späteren Zeitpunkt, im Frühjahr 2021, soll die Britten-Aufnahme auch auf CD erscheinen. Als Teil einer "British Project" genannten Edition mit Werken britischer Komponisten, dirigiert von Mirga Gražinytė-Tyla.

Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 2. Satz, Dies Irae

Das City of Birmingham Symphony Orchestra ist ein exzellentes Orchester mit einer sehr guten Besetzung. Aber im zweiten Satz der Sinfonie gibt’s ein paar kurze Stellen, an denen das Zusammenspiel leicht wackelt. Da sind etwa Bläser und Streicher manchmal einen Hauch auseinander, deshalb hat der Satz nicht durchweg die messerscharfe rhythmische Präzision, die er haben könnte und sollte.

Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 2. Satz, Dies Irae

Grelle Leuchtkraft

Aber diese kleinen Unschärfen bleiben die Ausnahme. Ansonsten besticht die Konzertaufnahme aus der Elbphilharmonie auch im zweiten Satz mit ihrer emotionalen Dichte und Dringlichkeit, und mit einem Farbreichtum, der auch die grelle Leuchtkraft kennt.

Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 2. Satz, Dies Irae

Mit dem dritten Satz der Sinfonia da Requiem wandelt sich das Bild. Er trägt den Titel "Requiem aeternam", "Ewige Ruhe", und verbreitet eine friedvolle Stimmung, getragen von Harfe, Solo-Streichern und weichen Bläserfarben.

Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 3. Satz, Requiem aeternam

Nach dem düsteren Beginn der Sinfonie, der seine Hörerinnen und Hörer in die Dunkelheit hinab zu ziehen scheint, und nach dem gespenstischen Tanz des Dies Irae, scheint im Finale eine zarte Hoffnung auf: die Hoffnung auf Trost und ein besseres Leben nach dem Tod. Damit hat Benjamin Britten auch seiner in den Jahren 1934 und 1937 verstorbenen Eltern gedacht, denen das Stück gewidmet ist. Auch diese helleren und vorsichtig zuversichtlichen Seiten der Musik sind in der Aufnahme anrührend und eindringlich interpretiert.

Musik: Benjamin Britten: Sinfonia da Requiem, 3. Satz, Requiem aeternam

Benjamin Britten
Sinfonia da Requiem
Citiy of Birmingham Symphony Orchestra, Ltg. Mirga Gražinytė-Tyla 
Deutsche Grammophon (e-Album) / UPC: 00028948390724

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