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StartseiteKultur heuteLesen als „Digital Detox“ verkaufen03.08.2019

Buchmesse-Gastland NorwegenLesen als „Digital Detox“ verkaufen

Norwegens Literatur ist mit Krimis und Autoren wie Karl Ove Knausgård ein wichtiges Exportgut. Wie es mit dem inländischen Leseverhalten bestellt ist, steht auf einem anderen Blatt. Die norwegischen Verleger jedenfalls müssen sich viel einfallen lassen, um gegen digitale Zeitfresser zu bestehen.

Von Holger Heimann

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Die Jugendbibliothek Tøyen in Oslo (Holger Heimann)
Die Jugendbibliothek Tøyen will Jugendliche aus bildungsfernem Umfeld ans Lesen heranführen (Holger Heimann)
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Tøyen im östlichen Teil Oslos ist ein armes Problemviertel in der sehr reichen Stadt. Unansehnliche Zweckbauten prägen das Bild. Zahlreiche Bewohner sind Zuwanderer aus Afrika und aus der arabischen Welt. Viele leben von Sozialhilfe, versuchen irgendwie über die Runden zu kommen. Der Bibliothekar Reinert Mithassel kennt die Schwierigkeiten, unter denen Jugendliche hier heranwachsen.

"Lesen ist nicht die Hauptbeschäftigung in diesem Teil der Stadt. Viele Kinder kämpfen mit dem Lesen. Sie sprechen zu Hause kein Norwegisch und haben Probleme in der Schule. Lesen sollte doch so sein, wie eine Geschichte durch die Augen zu trinken. Das ist nicht möglich, wenn man nur sehr mühsam lesen kann und einzelne Wörter und Sätze langsam aneinanderreiht. Das macht keinen Spaß."

Bücher überleben, aber die Konkurrenz schläft nicht

Ausgerechnet hier hat der engagierte Mann vor drei Jahren eine außergewöhnliche Bibliothek mitbegründet. Es gibt darin zwar Bücheregale wie in anderen Bibliotheken auch, aber auffälliger sind die ausrangierten Kleinlaster und Seilbahnkabinen, die zu Rückzugsorten umfunktioniert wurden. Erwachsene haben keinen Zutritt, die Teenager des Viertels kommen deshalb umso lieber. Die Jugendbibliothek Tøyen hat mittlerweile zahlreiche Preise gewonnen. Dabei war auch für Mithassel anfangs längst nicht ausgemacht, dass Bücher überhaupt noch gefragt sind.

"Wir haben uns ein bisschen davor gefürchtet, dass die digitale Welt alles in Besitz nehmen würde. Wir dachten, unser Angebot würde obsolet. Doch nun sehen wir, dass die Bücher überleben."

Aber ganz so einfach ist es dann auch wieder nicht. Zwar überleben die Bücher, aber das konkurrierende Medienangebot wird immer umfangreicher. Und das hat Auswirkungen. Auch andernorts in Norwegen, wo die Lebensumstände deutlich komfortabler sind, haben Bücher an Stellenwert verloren. Es ist wie überall in der Welt. Der Schriftsteller Erik Fosnes Hansen, der gleich beim Osloer Schlosspark in einem schönen Altbauhaus wohnt, gehört seit seinem Roman "Choral am Ende der Reise" zu den bekanntesten und erfolgreichsten Autoren im Land. Dennoch klagt er:

"Die jungen Leute lesen viel weniger als früher, und die Erwachsenen auch. Und wenn sie lesen, wollen sie eindeutige, leichte Literatur haben. Es ist, als ob die Leser dabei sind, die Fähigkeit zu verlieren, vielschichtig zu lesen und zu verstehen."

Zeitfresser Internet

Die Verleger im Land sehen sich nicht in erster Linie als Erzieher. Auch in Norwegen gilt: Ein verkauftes Buch ist ein gutes Buch für die Bilanz – unabhängig von seiner literarischen Qualität. Die Verlage können zudem noch immer auf ein Interesse an Büchern zählen, das weltrekordverdächtig ist: Im Durchschnitt liest jeder Norweger und jede Norwegerin jährlich 15 Titel. Trotzdem mahnt der Chef des norwegischen Verlegerverbandes Kristenn Einarsson:

"Wenn man genauer auf die zurückliegenden zehn bis fünfzehn Jahre schaut, dann wird deutlich, dass die Vielleser weniger lesen. In der Altersgruppe der 25- bis 40-Jährigen gibt es einen Rückgang von fast 50 Prozent. Wir haben Umfragen gemacht. Wir wollten wissen: Merken die Menschen überhaupt, dass sie weniger lesen? Ja, das tun sie. Stört es sie? Ja. Das ist eine gute Nachricht. Warum lesen sie weniger? Der Druck der sozialen Medien, ständig verfügbar zu sein, ist enorm. Es gibt immer neue Streaming-Angebote. Die Leute fragen sich selbst, wie sie vom Handy wegkommen."

Zur Buchmesse eine Lese-Offensive

Die Verleger in Norwegen wollen den Menschen offensiver als bisher alternative Freizeitangebote unterbreiten. Ähnlich wie in Deutschland haben sie sich vorgenommen, einfallsreicher für das Lesen zu werben. Eine landesweite Kampagne unter der Überschrift "Ganz Norwegen liest", die im Herbst parallel zum Auftritt der Norweger auf der Frankfurter Buchmesse startet, soll dabei helfen.

Einarsson ist durchaus optimistisch – und das nicht ohne Grund. Als in den 90er-Jahren zu dem bis dato einzigen norwegischen Fernsehsender ein viel größeres Angebot an Programmen hinzukam, ließen sich die Verleger schon einmal etwas einfallen, um Bücher in den Fokus zu rücken. Seinerzeit wurde in Oslo eine Buchmesse ins Leben gerufen und Schriftsteller gingen auf ausgedehnte Lesereisen. Mit Erfolg.

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