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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDigitale Algorithmen verstehen04.04.2016

Buchrezension "Total berechenbar"Digitale Algorithmen verstehen

Was digitale Algorithmen zum Beispiel beim Onlineeinkauf für die eigenen Daten bedeuten, beschreibt der Journalist Christoph Drösser in seinem Buch "Total berechenbar". Es soll das Verständnis für diesen Programmcode auch bei Laien fördern.

Von Vera Linß

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"Spätestens seit Frank Schirrmacher in seinen Büchern geschrieben hat, wie Algorithmen uns beherrschen, ist das das Wort, das für die Überwachung steht und für das, was diese großen Firmen wie Google mit unseren Daten machen. Und ich hatte eigentlich den Verdacht, dass die Leute gar nicht wissen, was ein Algorithmus ist. Und weil ich selber Mathematiker bin, war das mein Ausgangspunkt: Schauen wir doch erst mal, was sind Algorithmen und gehen von da aus und analysieren, was da passiert."

Die Diskussion über die Macht der Algorithmen erden: Das will Christoph Drösser mit seinem Buch "Total berechenbar". Voraussetzung dafür sei, die Rechenverfahren zu entmystifizieren. Aber auch Bewunderung will Drösser wecken für die teilweise genialen Ideen, die in Algorithmen steckten. Diese funktionierten wie ein Küchenrezept.

"Sie denken anders als wir. Ihre Stärke ist es, viele simple Rechenschritte in kürzester Zeit durchzuführen. Sie brauchen exakte Eingaben und sie bestehen aus sehr konkreten kleinen Schritten, die einer nach dem anderen abgearbeitet werden. Es geht darum, ein Problem zu lösen - auf möglichst schlanke und elegante Weise."

Ob bei Google oder Streamingdiensten, im Newsfeed bei Facebook, auf dem Finanzmarkt oder bei der Partnersuche: Algorithmen beeinflussen unseren Alltag immer mehr. Christoph Drösser erklärt die wichtigsten von ihnen. Etwa den Edsger-Dijkstra-Algorithmus für die Routenplanung, Googles Pagerank-Verfahren oder Empfehlungsalgorithmen von Amazon. Diese Rechenprozesse sorgen unter anderem dafür, dass wir mit den Informationen versorgt werden, die wir suchen – aber auch, dass wir jene nicht bekommen, die uns womöglich ebenso interessiert hätten. "Filter Bubble", Filterblase ist das Stichwort dafür. Im Ozean der Informationen, der das Internet ist, fischen wir nicht selbst, das glauben wir nur. Sondern eine komplexe mathematische Formel fischt für uns, indem sie zum Beispiel unseren Geschmack im Vergleich mit anderen Usern errechnet, wie beim Streamingdienst Netflix.

"Die Herausforderung besteht darin, unter den Millionen anderer User diejenigen herauszufinden, deren Geschmack meinem möglichst nahe ist. Wie berechnet man diese Nähe? Nähe kann man nur berechnen, wenn man einen Abstand kennt, sich also in einem Raum befindet, in dem es ein solches Abstandsmaß gibt. Mit jedem Film wächst die Dimension des Raums – bei 75.000 Filmen, die zu bewerten sind, bewegen wir uns also in einem 75.000-dimensionalen Raum."

Trotz vieler Grafiken und überschaubarer Rechenbeispiele: Für den Laien bleibt das höhere Mathematik. Rechenverfahren sind eben doch keine simplen Küchenrezepte. Aber Christoph Drösser erklärt gleichzeitig wichtige Grundprinzipien. Zum Beispiel, dass es das Wesen von Algorithmen ist, zu diskriminieren, zu bestimmen, was sichtbar wird und was nicht. Internetunternehmen machen dies nur ungern transparent. Der Mitfahrdienst Uber etwa inszeniert sich lieber als gemeinnützige Mitfahrzentrale.

"In der App für die Fahrer werden auf der Karte farblich bestimmte Viertel hervorgehoben, in denen viele Kunden auf ein Taxi warten. Aber das ist nicht ein Abbild der tatsächlichen Nachfrage, sondern die Prognose des Algorithmus. Bei einer Fehlprognose irren die Fahrer auf der Suche nach Kundschaft durch die Straßen. Auf jeden Fall handelt es sich hier nicht um einen für Anbieter und Kunden transparenten Markt, sondern um die Illusion eines Marktes, die von Uber gemanagt wird."

Ebenso illusorisch seien die Versprechen der Partnervermittlungsbörsen, man könne – wenn man nur die richtigen Daten eingibt – im Internet die Liebe fürs Leben finden.

"Die Algorithmen gehen davon aus, dass persönliche Eigenschaften der Partner, egal, ob objektiv gemessen oder von ihnen selbst eingeschätzt, über das Gelingen einer Beziehung entscheiden."

Tatsächlich aber, zitiert Drösser einen Wissenschaftler, sei Fakt ...

"... dass die Aufgabe, die sich die Matching-Seiten gestellt haben, praktisch nicht zu bewältigen ist."

Christophs Drössers Buch ist keineswegs eine Abrechnung mit Algorithmen. Er zeigt auch den Gewinn auf, den sie bringen, denn sie vereinfachen unser Leben. Onlinedating führt immerhin Menschen zusammen, die sich nie getroffen hätten. Aber auch auf Suchmaschinen oder digitale Landkarten will heute niemand mehr verzichten. Wichtig sei dabei zu erkennen, wie die Algorithmen genau wirken und wie mächtig sie sind.

"Zunächst mal sollten wir uns natürlich bewusst sein, dass da Algorithmen am Werk sind. Ob wir jetzt Partner suchen im Internet oder ob wir verfolgt werden beim Einkaufen und ein Algorithmus da unsere Präferenzen daraus schließt. Es gibt aber auch Algorithmen, die tatsächlich schwerwiegende Entscheidungen über uns treffen. Zum Beispiel, ob wir Kredit bekommen bei der Bank oder ob wir einen Job bekommen, für den wir uns beworben haben. Und da haben wir, finde ich, auch ein Recht darauf zu wissen, nach welchen Kriterien die sortieren."

Acht Thesen verfasst Drösser zum neuen Verhältnis von Mensch und Algorithmen. Wichtigste Botschaft: Sie sind nicht objektiv und schon gar nicht der kollektive Ausdruck einer Gesellschaft. Denn hinter den Programmen stecken Annahmen und Ziele, die sich Ingenieure ausgedacht haben. Deshalb müsse es einen Diskurs darüber geben, was Algorithmen dürfen und was tabu ist. Drösser erwartet von den Unternehmen nicht, dass sie ihre Rechenverfahren komplett offen legen. Man könne aber die Filterprinzipien herausfinden – indem man die Programme testet.

"Das kann nicht jeder machen, dieses testen. Aber es gibt zunehmend Leute, die das tun. Man sollte das auch fördern, dass es solche Algorithmen-Experten gibt, die in der Lage sind, auch wenn sie den Code eines Algorithmus nicht kennen, den so auf Herz und Nieren zu testen, dass man ungefähr weiß, was der tut."

Dafür ist dieses lesenswerte Buch ein Plädoyer: Dass die Gesellschaft Verantwortung übernimmt dafür, was Algorithmen tun – auch, wenn man vielleicht nicht jede Rechenoperation nachvollziehen kann. Denn von ihnen wird es in unserem Alltag künftig noch viel mehr geben.

Buchinfos:
Christoph Drösser: "Total berechenbar? Wenn Algorithmen für uns entscheiden", Hanser Verlag, 252 Seiten, Preis: 17,90 Euro

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