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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Herrschaftstechniken von Baschar al-Assad11.05.2015

Bürgerkrieg in SyrienDie Herrschaftstechniken von Baschar al-Assad

Seit mehr als vier Jahren tobt der syrische Bürgerkrieg. Für den Journalisten Daniel Gerlach steht fest, dass das Regime von Präsident Baschar al-Assad den größten Teil der Verantwortung für die Gewalteskalation trägt. Gerlach hat sich für sein Buch "Herrschaft über Syrien" intensiv mit Assad und seinen Schergen beschäftigt - und spricht sogar von Mafia-Methoden.

Von Jan Kuhlmann

Der Bürgerkrieg in Syrien hat zu großen Verwüstungen geführt, man sieht ein zerstörtes Haus in der Stadt Aleppo.  (dpa / picture alliance / Sana Handout)
Durch den Bürgerkrieg in Syrien sind große Teile des Landes zerstört, wie auch die diese Häuser in Aleppo. (dpa / picture alliance / Sana Handout)
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Als vor mehr als vier Jahren in der arabischen Welt die Aufstände gegen die Diktatoren ausbrachen, gingen auch die Syrer auf die Straße. Mehr Freiheit und Demokratie wollten die Demonstranten damals. Doch das Regime von Baschar al-Assad reagierte mit Gewalt. Die ersten von mittlerweile mehr als 200.000 Toten gab es im März 2011 in der Stadt Deraa im Süden Syriens. Den Journalisten Daniel Gerlach erinnert das Vorgehen des Regimes an Methoden der Mafia:

"Die Toten von Deraa waren, um im Bild der organisierten Kriminalität zu bleiben, eine Botschaft des Paten: Sie waren wie die Finger an der Hand eines säumigen Schuldners, die ein paar grobschlächtige Eintreiber eigenmächtig gebrochen haben, um der Forderung noch etwas Nachdruck zu verleihen."

In seinem Buch untersucht Gerlach das Assad-Regime, dessen Herrschaftstechniken und Verbündete. Der Journalist ist Chefredakteur des Magazins "Zenith", das auf den Nahen Osten spezialisiert ist. Gerlach beschäftigt sich seit langem mit der Region und ist mehrfach nach Syrien gereist. Für ihn hatte Baschar al-Assad, eigentlich ein Augenarzt, einen perfekten Lehrmeister: seinen Vater Hafiz, der das Land über Jahrzehnte mit härtester Hand regierte.

"Fest steht: Es gibt nicht nur eine dynastische, sondern auch eine machtpolitische Kontinuität zwischen Hafiz und Baschar al-Assad (...) Die Parallelen zu den Methoden seines Vaters sind offensichtlich, auch wenn diese nicht mehr den gewünschten Erfolg wie einst erzielen."

Das Regime und der IS nutzen sich gegenseitig

Schon 1982 bekämpfte Hafiz al-Assad mit roher Gewalt einen Aufstand der Muslimbrüder in der Stadt Hama. Er habe damals ein Exempel statuieren wollen, schreibt Gerlach. Das von der religiösen Minderheit der Alawiten getragene Regime wollte die sunnitische Bevölkerung insgesamt dafür bestrafen, dass sie den Aufstand mitgetragen hat. Offen ausgesprochen wurde das natürlich nie. Von den "Hama-Rules" spricht Gerlach, von den Hama-Regeln, die Hafiz al-Assad aufgestellt habe und die bis heute weiter gelten würden:

"Das Regime hat sie über den Tod Hafiz al-Assads hinaus in einer Weise verinnerlicht, dass sie inzwischen sein eigentliches Wesen ausmachen: Sie bestehen zum einen darin, einen Konflikt stets anders zu behandeln, als man ihn benennt. Zum anderen, die Angehörigen verschiedener Konfessionen gegeneinander ins Feld zu führen und unter ihnen ein Gleichgewicht des Schreckens zu etablieren. Ein Gleichgewicht, in dem das Regime wie ein Verschlussstein wirkt."

So lässt sich auch erklären, warum Assad die Zivilbevölkerung töten lässt. Fast täglich wirft die syrische Luftwaffe Bomben ab, denen vor allem Zivilisten zum Opfer fallen. Auffällig ist dabei, dass das Regime meistens Gebiete verschont, die die Terrormiliz Islamischer Staat kontrolliert. Wie für andere Beobachter steht auch für Gerlach fest: Assad nutzt die Extremisten, um sich internationale Unterstützung zu sichern. Das Regime und der IS koexistierten in Wahrheit und seien in gewisser Weise sogar abhängig voneinander, schreibt Gerlach.

"Sie befinden sich in einem taktischen Gleichgewicht, an dessen Auflösung keine der beiden Seiten ein Interesse hat. Allerdings ist dieses Interesse gegenüber den eigenen Anhängern äußerst schwer zu kommunizieren, weshalb sich die beiden Regime hin und wieder gezwungen sehen, ihre Truppen gegeneinander ins Feld zu führen und, wenn es taktisch opportun erscheint, mutwillig zu opfern."

Angst gehört zum Alltag

Aber wer oder was ist eigentlich "das syrische Regime"? Das ist die interessanteste Frage, die Gerlach aufwirft. Denn das Regime tritt in unterschiedlichen Gewändern auf: mal als Regierung, mal als militärischer Komplex, mal als kriminelle Organisation. Gerlach ist überzeugt: Die Gesichter, die sich in der Weltöffentlichkeit zeigen, sind weitgehend irrelevant. Zum inneren Kreis der Macht gehören demnach vielmehr Personen, die weitgehend im Dunkeln agieren, darunter viele Geheimdienstler und Militärs. Dies ist der stärkste Teil des Bandes, auch wenn Gerlachs Quellen etas unklar bleiben. Er beruft sich immer wieder auf eine nicht näher beschriebene Nahost-Expertengruppe, zu der er auch gehört. Die Mächtigen in Syrien herrschen mit subtilem Terror: Jede Person in ihrem Machtbereich soll wissen, dass ihr bei bestimmten Handlungen empfindliches Übel droht. Über den Betroffenen hänge das Unheil wie das Schwert des Damokles, schreibt Gerlach. So reagierte Assad Senior beim Aufstand 1982 mit massiver Gewalt. Aber auch unter Freunden, Nachbarn und Verwandten werde - wie einst in der DDR durch die Stasi - Druck aufgebaut, um den anderen etwas gefügiger zu machen. Die Syrer nennen diese Form der Schreckensherrschaft "Tashbih".

"Tashbih (...) wurde letztendlich zur überlebenswichtigen Substanz des Regimes und seiner Schergen. Angst und alltägliche Erpressung mögen auf eine Gesellschaft wie ein Spaltpilz wirken, innerhalb des Systems der Macht haben sie offenbar den gegenteiligen Effekt: Sie halten es zusammen."

Trotz der rigiden Gewalt ist das Assad-Regime in den vergangenen Monaten international wieder salonfähiger geworden – zu groß erscheint vielen mittlerweile die Gefahr durch die IS-Terrormiliz, die rund ein Drittel der Fläche Syriens beherrscht. Doch Gerlach bezweifelt, ob Damaskus aktuell ein guter Partner ist. Das syrische Regime lasse sich nicht reformieren, lautet das Fazit des Buches. Das müsse auch jedem bewusst sein, der mit Damaskus nach einer internationalen Lösung des blutigen Konfliktes suche, schreibt Gerlach.

"Denn solche politischen Lösungsansätze gingen bislang davon aus, dass das Regime ein ursprüngliches Interesse an dem Ende der Gewalt habe. Aber das Regime kann und will die Logik der Gewaltherrschaft nicht durchbrechen, denn damit würde es sich selbst abschaffen. Die inneren Kohäsionskräfte verlören damit ihre Wirkung; es müsste auseinanderfallen oder sich selbst samt und sonders in den Orkus überführen."

Assad konnte sich dabei bislang auf seine Verbündeten verlassen: vor allem den Iran und Russland, denen Gerlach ebenfalls Kapitel widmet. All das beschreibt der Journalist auf fast 400 Seiten. An einigen Stellen neigt er dabei zum Dozieren – eine straffere Form hätte dem Band gut getan. Ebenso wie mehr Schilderungen von Erlebnissen und Erfahrungen von seinen Reisen ins Land. Trotzdem gibt Gerlach interessante Einblicke in die Herrschaftsstruktur des syrischen Regimes. Auch wenn dem Leser am Ende eine bittere Erkenntnis bleibt: Ein baldiges Ende des Konflikts in Syrien ist noch lange nicht in Sicht.

 

Daniel Gerlach: "Herrschaft über Syrien. Macht und Manipulation unter Assad."
Edition Körber-Stiftung, 388 Seiten, 17,00 Euro.

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