Samstag, 30.05.2020
 
Seit 17:30 Uhr Kultur heute
StartseiteInformationen am MorgenDialog statt Konfrontation07.11.2014

Bund der VertriebenenDialog statt Konfrontation

Erika Steinbach stand 16 Jahre lang an der Spitze des BdV – und sie hat in dieser Zeit für manchen Streit gesorgt. Kritiker werfen ihr vor, die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg relativieren zu wollen. Ihr Nachfolger Bernd Fabritius steht mit seinen 49 Jahren nicht nur für einen Generations-, sondern vor allem für einen Stilwechsel.

Von Monika Dittrich

BdV-Vorsitzende Erika Steinbach mit ihrem designierten Nachfolger Bernd Fabritius (dpa/picture alliance/Wolfgang Kumm)
Bernd Fabritius: "Ich werde einen diplomatischen, auf Verständnis aufbauenden und dialogischen Weg fahren." (dpa/picture alliance/Wolfgang Kumm)
Weiterführende Information

Bund der Vertriebenen - Brücken bauen statt Konfrontation
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 06.11.2014)

Auf der Bühne spielen die Musiker das Schlesierlied. Im Saal sitzen rund 200 vor allem betagte Gäste, manche sind mit dem Rollator gekommen. "Mein Schlesierland, mein Heimatland", heißt es im Refrain – viele singen jetzt mit. Alte Männer wischen sich mit Stofftaschentüchern über die Augen.

Es ist ein Samstag in Hannover, Freizeitheim Ricklingen. Der niedersächsische Landesverband des Bundes der Vertriebenen hat zum alljährlichen Tag der Heimat eingeladen. Es gibt Musik und Reden, Fahnen der Landsmannschaften, schwere Blumendekorationen – und: einen Ehrengast. Aus Berlin ist Bernd Fabritius angereist, der Hoffnungsträger des BdV. Federnd schreitet er zum Rednerpult und schnell wird klar – er will den BdV vor dem Aussterben bewahren.

"Unsere Landsmannschaften können und müssen die Brücken in die Länder Ost- und Mitteleuropas sein, über die nahe und ferne Zukunft Menschen verständnisvoll und geschichtsbewusst aufeinander zugehen."

Die Erinnerung an das Schicksal der zwölf bis vierzehn Millionen Deutschen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs vertrieben wurden, sei wichtig für das kollektive Gedächtnis, sagt Fabritius. Doch er schlägt gleich den Bogen in die Gegenwart, spricht über Weltpolitik und den "Islamischen Staat", über Flüchtlingsströme und über Vertreibung, die immer und überall ein Verbrechen ist.
Den BdV sieht er als kompetenten Ansprechpartner, wenn es um Völkerverständigung und Versöhnung geht:
"Das ist ein breiter Blumenstrauß an schönen Aufgaben, der zeigt, dass wir noch lange nicht entbehrlich sind. Das ist schon einen Applaus wert."

Der Generationswechsel

Mit seinen 49 Jahren steht Fabritius für einen Generationswechsel an der BdV-Spitze. 1984 kam er als Spätaussiedler nach Deutschland; er ist Siebenbürger Sachse und gehörte damals zu denjenigen Rumäniendeutschen, die die Bundesrepublik für je 10.000 Mark dem Ceausescu-Regime abkaufte. Fabritius wurde Rechtsanwalt, engagierte sich im BdV, seit einem Jahr sitzt er für die CSU im Bundestag. Manch einer ist skeptisch, ob er für den BdV konservativ genug ist – er gilt als moderat und kompromissbereit; aus seiner Homosexualität macht er kein Geheimnis.

"Ich finde es schon bemerkenswert, dass der BdV, dem ja so der Geruch anhängt, verstaubt und konservativ zu sein, dass der jemanden mit dem Profil von Bernd Fabritius an der Spitze haben will",

sagt Matthias Stickler, Professor für Geschichte an der Universität Würzburg und ein ausgewiesener Kenner des BdV.

"Aber ich würde in der Präsentation dieses Kandidaten auch ein Signal sehen für die weitere Ausrichtung des Verbandes in die Zukunft und dieses Signal ist nicht in die Vergangenheit gerichtet."

Mehr als ein "Anti-Steinbach"

Hinter vorgehaltener Hand wird Fabritius auch schon mal als Anti-Steinbach bezeichnet, doch das hört er selbst nicht gern:

"Ich bin mit Sicherheit kein Anti-Steinbach, weil es keinen Anti-Steinbach braucht. Ich denke, dass Erika Steinbach sehr häufig missverstanden ist. Wir haben in den wesentlichen Fragen, die den Bund der Vertriebenen betreffen, die gleiche Auffassung."

Erika Steinbach stand 16 Jahre lang an der Spitze des BdV – und sie hat in dieser Zeit für manchen Streit gesorgt. Kritiker werfen ihr vor, die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg relativieren zu wollen – etwa mit dem umstrittenen Zentrum gegen Vertreibungen, das sie in Berlin durchsetzen wollte. Einen Eklat löste sie auch 2010 aus, als sie im Fernsehen nach dem Auschwitz-Überlebenden und ehemaligen polnischen Außenminister Wladislaw Bartoszewski gefragt wurde:

"Bartoszewski hat einen schlechten Charakter." - "Das sagen Sie so einfach hier heute Morgen?" - "Das sage ich ohne Wenn und Aber." - "Gut, äh, da muss ich mich erstmal sammeln, mit dieser harten Aussage."

"Es ist in der Tat eine Frage des Stils und sie hatte – das wird man sagen können – bei ihrem öffentlichen Auftreten hat sie einen offensiven und aggressiven oder als aggressiv empfundenen Stil gepflegt."

Stilwechsel

Vor allem den Polen machte sie damit Angst. Steinbach war gegen den EU-Beitritt Polens und Tschechiens und 1991 hatte sie als CDU-Abgeordnete gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gestimmt. Ihr Nachfolger und Wunschkandidat, Bernd Fabritius, steht für einen anderen Stil. Dass ihm der Dialog wichtig ist, hat er schon als Chef seiner Landsmannschaft gezeigt: Das Verhältnis der Siebenbürger Sachsen zu Rumänien gilt heute als vorbildlich. Mit dieser Botschaft will er auch auf Polen zugehen:

"Ich bin absolut sicher, dass auch mit Polen eine sehr gute Zusammenarbeit und ein Dialog möglich ist. Dieser hat meiner Meinung nach überwiegend an Feindbildern gelitten, die es nicht mehr gibt, und die auch nicht nötig sind."

Beim Tag der Heimat stärken sich die ersten Gäste jetzt an einem deftigen Büffet mit Braten und Rotkohl. Hier sind sie angetan von ihrem zukünftigen Präsidenten:

"Ich war überrascht gewesen. Ich hatte mehr gedacht, dass vielleicht so larifari kommt, aber er hat ja richtig was gesagt, und das war schon positiv gewesen. – Gut, frischer Wind. – Macht einen sehr überzeugenden Eindruck – Der kann gut reden - Der hat noch Mumm in den Knochen, ist noch jung, der kann noch was bewirken!"

Über Erika Steinbach verlieren sie kein schlechtes Wort. Tatsächlich hat sie für den BdV viel erreicht: Dass nun eine Bundesstiftung eine Dauerausstellung über Flucht und Vertreibung aufbaut, ist auch ihr Erfolg. Bernd Fabritius spricht von großen Fußstapfen, die sie ihm hinterlasse. Und doch ist zwischen den Zeilen zu hören, dass er den BdV anders führen wird:

"Sie hat einige Sachen zugespitzt. Ich werde einen diplomatischen, auf Verständnis aufbauenden und dialogischen Weg fahren."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk