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StartseiteCorsoLob der Debattenkultur25.09.2017

Bundestagswahl und SatireLob der Debattenkultur

Jede Bundestagswahl eröffnet eine neue Periode für satirische und analytische Beobachter der Politik. Als solcher freut sich Kabarettist Matthias Deutschmann auf die nächsten Jahre. "Es wird fulminant werden, endlich geht es auch mal um Argumente", freut er sich im Corsogespräch.

Matthias Deutschmann im Corsogespräch mit Juliane Reil

Matthias Deutschmann (Anja Limbrunner)
Matthias Deutschmann (Anja Limbrunner)
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Juliane Reil: "Es ist ein Fehler aufgetreten, versuchen Sie es später noch einmal." Das konnte man gestern  Abend zwischenzeitlich auf der Online-Seite des Zweiten Deutschen Fernsehens lesen, wenn man sich über den Wahlausgang informieren wollte. So, wie die Ergebnisse dann tatsächlich ausgefallen sind, fast ein satirischer Kommentar. Satiriker und Kabarettisten werden auf jeden Fall viel zu tun haben in den nächsten vier Jahren. Einer von ihnen: Matthias Deutschmann. Morgen Abend tritt er im Kölner Comedia Theater auf, bei der politischen Radioshow "Zingsheim braucht Gesellschaft". Die Bundestagswahl dann das Thema. Guten Tag, Herr Deutschmann. Welche Gedanken hatten Sie gestern, als Sie die ersten Hochrechnungen mitbekommen haben?

Matthias Deutschmann: Ich hatte es erwartet, mein persönlicher Tipp war etwa in der Größenordnung, meine Frau hat sogar die 32 Prozent der CDU getippt. Es war klar: Das, was die Umfrageergebnisse produziert haben, kann schnell verworfen werden. Ich war zuerst natürlich erstaunt, aber dann fand ich es ganz toll, dass die SPD so schnell reagiert hat und den Auftrag des Wählers ganz klar erkannt hat, aus der Regierung rein in eine Opposition. Und heute Morgen fuhr ich an einem Plakat vorbei von Schulz, da stand nur drauf: Es ist Zeit. Und da habe ich gedacht: Ja, es ist Zeit, diese Regierung zu verlassen.

"Die Rassisten in der AfD werden nicht so weiterreden können"

Reil: Es ist Zeit, aber ich bin überrascht, dass Sie so gar nicht überrascht sind. Also die AfD, die drittstärkste Partei, ist das für Sie als Kabarettist eigentlich eine gute Nachricht?

Deutschmann: Also als Kabarettist ist das eine Nachricht: Es wird Unruhe geben, das ging auch heute schon los, Frau Petry will der Fraktion nicht angehören, das ist jetzt vor einer Stunde bekannt geworden. Die AfD wird sich erst mal präsentieren müssen, was ist sie wirklich. Der Wahlkampf ist vorbei, auch die ganzen rassistischen Sprüche von einzelnen Leuten aus der AfD, das ganze Volksgetümmel von Herrn Gauland - das ist alles Wahlkampf gewesen, jetzt werden sie im Bundestag sich auch mit der Geschäftsordnung auseinandersetzen müssen, sie werden nicht so weiterreden können wie in ihrem Wahlkampf. Und das ist natürlich eine interessante Situation, weil die acht Jahre große Koalition haben die Demokratie beschädigt, in dem Sinn, dass im Parlament keine echten Debatten mehr stattfanden, das war viel zu lange.

CSU und AfD: "Die einen nennen es Bundestag, die anderen Reichstag"

Reil: Aber sind Sie sich da tatsächlich sicher, dass die AfD etwas in ihrer Rhetorik verändern muss? Gestern waren das ja schon wieder scharfe Töne: "Die Regierung wird gejagt werden. Wir holen uns unser Land, unser Volk zurück."

Deutschmann: Ja, das ist ja ein Witz: Die AfD will sich mit 13 Prozent das Volk zurückholen, da werden andere mitreden und es ist gut, dass die SPD jetzt Oppositionsführung innehat. Und dass die AfD da unter "ferner liefen" läuft und nicht für sich beansprucht: Wir sind die stärkste Oppositionspartei. Das ist ganz, ganz wichtig, von daher ... Ich war auch gestern Abend hier bei der SPD, jetzt geht es aufwärts, der Tiefpunkt ist erreicht, das Ende dieser großen Koalition, das ist für mich der Tiefpunkt und klarer kann sich der Wähler nicht ausdrücken. Ich finde es gut, dass die SPD sich so entschieden hat, das bringt Hoffnung rein. Ich mein, bei der AfD muss man sagen, gut, was ist der Unterschied zwischen CSU und AfD? Die CSU die geht in den Bundestag und die AfD geht in den Reichstag.

Das ist das Problem, dass sie am Rande Leute haben, die einfach spinnen und die werden sich im Bundestag den Argumenten stellen und es wird Zeit die AfD nicht mit der großen Nazikeule zu verfolgen, sondern einfach zerlegen und widerlegen, das ist das Entscheidende. Widerlegung geht nur über Diskussion. Man muss mit diesen Leuten reden und das hat keinen Sinn, sich so aufzustellen wie Frau Merkel, die dann sagt: Die holen wir uns zurück von der AfD, die Wähler, da hat Mutti euch was vielleicht nicht ganz richtig erklärt, aber wenn Mutti euch das richtig erklärt, dann wählt ihr auch wieder die Mutti und bei der Jungen Union ist ja wohl die Infantilisierung ausgebrochen, "volle Muttivation", das ist natürlich ein Witz und bei acht Prozent Verlust -

"Als Mutti taugt Merkel nicht"

Reil: Richtig, das habe ich auch gelesen auf Schildern, aber Angela Merkel hat sich ja jetzt schon spätestens als Alternativlos bewahrheitet. Ist Mutti die Beste?

Deutschmann: Nee. Ich glaube nicht, dass sie alternativlos ist. Ich glaube, dass sie mit ihrer Politik an einen Endpunkt angekommen ist. Frau Merkel ist eine sehr, sehr widersprüchliche Frau, die taugt auch nicht als Mutti. Auf der einen Seite hat man gesehen aus Rostock das berühmte Video, das Mädchen aus dem Flüchtlingslager im Libanon hat sich nach Deutschland reingemogelt, ist schon bestens integriert und Frau Merkel schlägt ihr die Abschiebung vor, das Kind fängt an zu weinen - das ist sozusagen der herzlose Kopf von Frau Merkel und dann wenig später Selfies mit Flüchtlingen, die Entscheidung, Deutschland zu öffnen, ohne darüber groß zu diskutieren, wenigstens nicht in der Öffentlichkeit.

Das war dann sozusagen das kopflose Herz, da muss darüber gesprochen werden und wir brauchen ein Einwanderungsgesetz und die AfD setzt sich genau in diese Widersprüche rein und da sagen viele, ja, da hat sie was erwischt, da liegt sie nicht ganz falsch und daher kommt auch der große Erfolg und dass da auch jede Menge Spinner am Rande die große Klappe haben, wird sich zeigen, was da substanziell dran ist. Man kann die AfD ja nicht generell als eine Nazi-Partei bezeichnen, da macht man es sich viel zu einfach mit.

"Es wird viel Streit und Argumente geben - endlich"

Reil: Sie sagten jetzt gerade das kopflose Herz oder der herzlose Kopf und sie haben selbst Angela Merkel 2013 vor den Wahlen als schwarze Witwe bezeichnet, die den Nachwuchs in der CDU liquidiert. Das könnte man natürlich auch auf ihren Juniorpartner in der Koalition, auf die SPD ummünzen.

Deutschmann: Richtig, richtig. Das ist ein hartes Geschäft. Frau Merkel hat 2000 in Essen die CDU übernommen, ist dann - damals war noch der Geist von Franz Josef Strauss anwesend, "Rechts von der CDU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben - und dann ist sie in der Kanzlerschaft immer mehr in die Mitte, in die Mitte, weil da sind die meisten Wähler, die SPD ist die Leidtragende von diesem Prozess und die konnte sich ja gar nicht mehr artikulieren, schauen Sie das Duell: Frau Merkel gibt die Regeln vor und dann kommt ein eigenartiges Duell und zum Schluss stellt Herr Schulz fest: Meine Pistole war ja gar nicht geladen und fordert ein zweites Duell. Da sieht man die Befangenheit und es ist jetzt gut, dass die SPD aus dieser Befangenheit raus ist und das wird für uns Kabarettisten und für alle interessierten Beobachter fulminant werden, da wird es viel Streit geben und endlich geht es auch mal um Argumente. Die Frau Merkel wird es sich nicht mehr leisten können, wenn Frau Wagenknecht redet, Kaffeetrinken zu gehen. Lammert hat ja darüber gejammert, dass der Bundestag verkommt, weil die Debattenkultur kaputt geht, das ist jetzt ein Wendepunkt. Jetzt werden wir Debatten haben und da wird dann auch wieder auf Argumente geachtet.      

Reil: Matthias Deutschmann mit einer Analyse der Bundestagswahlen. Morgen ist er übrigens in der politischen Radioshow "Zingsheim braucht Gesellschaft" zu sehen und dann sitzen mit ihm auch der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, Gregor Gysi von der Linken und das Liedermacherduo "Suchtpotential" mit auf der Bühne.

Der Deutschlandfunk strahlt den Abend in zwei Teilen am 27. September und 4. Oktober ab 21.05 Uhr in der Sendung "Querköpfe" aus.

Vielen Dank für das Gespräch.

Deutschmann: Vielen Dank, Frau Reil.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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