Samstag, 10. Dezember 2022

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Bundeswehr unerwünscht

Die Wehrpflicht ist ausgesetzt - das stellt die Bundeswehr vor Probleme, denn sie muss jetzt um Freiwillige werben. Das tut sie auf Jobmessen, in den Kasernen, aber auch an Schulen. Nicht alle Lehrer, Eltern und Schüler sind damit einverstanden - das zeigt ein Beispiel aus Berlin.

Von Claudia van Laak | 15.06.2011

    "Schule ohne Militär" – diesen Titel hat sich das Robert-Blum-Gymnasium gegeben. Die Schulkonferenz hat beschlossen, keine Jugendoffiziere der Bundeswehr in den Unterricht einzuladen. Schulveranstaltungen mit Wehrdienstberatern sind ebenso untersagt wie das Auslegen von Werbematerial. Lehrer werden sich mit ihren Schülern nicht an Wettbewerben der Bundeswehr beteiligen, keine Kasernen oder andere militärische Standorte besuchen.

    Das vermeintliche Lösen von Konflikten mit militärischer Gewalt widerspricht der an unserer Schule gepflegten Kultur und unseren Erziehungsidealen. Wie sollen wir Jugendliche zum gewaltfreien Lösen von Konflikten erzielen, wenn das Vertreten von Wirtschafts- oder Länderinteressen mit militärischen Mitteln von uns unterstützt wird.

    Anruf beim Schulleiter Bernd Fiehn. Man würde gerne ein Interview mit ihm machen, nach den Gründen für den Beschluss der Schulkonferenz fragen. Schulleiter Fiehn wehrt ab. Seit sich das Robert-Blum-Gymnasium zur "Schule ohne Militär" erklärt hat, würden er und seine Sekretärin am Telefon beschimpft und mit bösen E-Mails traktiert, erzählt der Schulleiter am Telefon. Auf der Homepage der Schule finden sich entsprechende Einträge – neben Lob auch harsche Kritik.

    Schade, dieser Beschluss ist rein ideologisch und zeigt, dass hier Kleingeister die Schule beherrschen! Meine Kinder werde ich nicht an dieser Schule anmelden.

    Ich finde diese Entscheidung ist absolut daneben. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee und als solche eine demokratische Institution. Statt den Schülern beizubringen, sich mit unterschiedlichen Positionen auseinanderzusetzen, enthalten Sie den Schülern gewisse Positionen einfach vor.

    Gehört das zur Erziehung zum mündigen Bürger dazu, dass man ihm seine eigene Entscheidung gleich abnimmt? Warum kann man nicht alle Seiten hören und dann den Einzelnen für sich entscheiden lassen? So grenzt das an Bevormundung.

    Die Ignoranz mit der hier ein ganzer Berufsstand verurteilt wird, ist tragisch. Dass Sie die Freiheit haben sich so zu entscheiden, ist über viele Jahre auch von der Bundeswehr garantiert und geschützt worden. Ich hoffe, dass dieses Beispiel nicht Schule macht.

    Vaterlandslose Gesellen!

    Dass der Beschluss des Robert-Blum-Gymnasiums ein solches Echo auslösen würde, damit hatte die Schule nicht gerechnet. Laut Berliner Schulgesetz ist der Beschluss rechtens, trotzdem ist die Senatsbildungsverwaltung skeptisch. Sprecherin Beate Stoffers merkt an, dass die Bundeswehr schließlich eine Institution von Verfassungsrang sei, mit deren Positionen sich Lehrer und Schüler auseinandersetzen sollten:

    "Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist sicher grundsätzlich besser, als sich eines Themas komplett zu verschließen. Von daher ist eine kontroverse Diskussion im Rahmen eines Themas der politischen Bildung sicherlich sinnvoll."

    Berlins Landesschülersprecher sieht dies anders. Jonas Botta unterstützt den Beschluss des Robert-Blum-Gymnasiums. Wenn sich die Bundeswehr an einer Schule präsentiere - fordert er - dann nur gleichzeitig mit zum Beispiel Vertretern der Friedensbewegung:

    "Bundeswehr an der Schule geht in dieser Form einfach nicht. Und das sehen auch viele Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrer sehr, sehr skeptisch - völlig zu Recht. Da werden die Schulen im luftleeren Raum gelassen. Von Senatsseite müsste man vorgeben, es muss so sein, dass auch Vertreter von Friedensinitiativen, von der Kirche, von der politischen Bildung da sein müssen."

    Doch die Senatsbildungsverwaltung gibt den Ball zurück an die Schulen. Es sei den Lehrern unbenommen, Vertreter der Bundeswehr und Kritiker gemeinsam in den Unterricht einzuladen. Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums sagte: Die Bundeswehr nicht mehr einzuladen, sei eine vergebene Chance in der politischen Bildung. In den vergangenen Jahren haben Jugendoffiziere der Bundeswehr eine von drei Berliner Schulen besucht.