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StartseiteHintergrundBeraten statt kämpfen in Afghanistan27.09.2014

BundeswehrrückzugBeraten statt kämpfen in Afghanistan

Bald geht der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu Ende. Zwar gibt es noch Außeneinsätze der Soldaten, überwiegend werden aber das eigene Lager gesichert und Kriegsgerät abtransportiert. Die Zukunft besteht in Outsourcing, Training und Beratung - und macht die Bundeswehr unauffälliger.

Von Eric Chauvistré

Blick auf das deutsche Militärlager "Camp Marmal" in Masar-i-Sharif. (Deutschlandradio / Eric Chauvistré)
Blick auf das deutsche Militärlager "Camp Marmal" in Masar-i-Sharif. (Deutschlandradio / Eric Chauvistré)
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Nord-Afghanistan, halb zwei am Mittag, 35 Grad, staubige Luft. Zwei Black-Hawk-Helikopter der US-Armee setzen auf. Sie sehen aus, als hätten sie schon den Vietnam-Krieg überstanden. 20 Soldaten steigen aus. Sie tragen Schutzwesten, einige sind mit Sturmgewehren bewaffnet.

Es sind deutsche und andere europäische Soldaten, die hier im Camp Marmal, am Rande der Stadt Masar-i-Scharif gelandet sind. Seit der Aufgabe von Kundus vor einem Jahr ist dies hier das letzte verbliebene deutsche Militärlager in Afghanistan. Die Helikopter waren nur rund zehn Minuten in der Luft. Sie haben die Offiziere aus dem nahegelegenen Lager der afghanischen Nationalarmee abgeholt. Fliegen ist sicherer als Fahren.

"Unsere Aufgabe ist es, die afghanischen Kameraden im Camp Shaheen des 209. Corps zu beraten, in allen Bereichen. Das heißt vor allem, im Bereich der Logistik, im Bereich der Operationsführung, der IT-Technik, im Personalmanagement."

Der deutsche Oberst Thomas Gregersen leitet die Gruppe von rund 50 Offizieren, die fast täglich in das 20 Kilometer westlich der Stadt liegende Camp Shaheen der Afghanen fliegt, dem Hauptquartier der Armee für den Norden des Landes.

"Wir fliegen dorthin, gehen dann in die einzelnen Bereiche und unterstützen unsere afghanischen Freunde im täglichen Dienstbetrieb."

Geht es nach den Planungen der Bundeswehr, wird der deutsche Afghanistan-Einsatz künftig von kleinen multinationalen Beraterteams wie diesem bestimmt. Finnen, Schweden, Ungarn, Letten, Kroaten, Niederländer – von den 50 Armeeberatern sollen bald nur noch acht Deutsche sein. Neben der für die Afghanische Nationalarmee zuständigen Gruppe gibt es weiterhin noch kleinere Beraterteams für die afghanische Polizei. Alle anderen Bundeswehrsoldaten vor Ort sind dann nur noch für die Absicherung und den Betrieb des eigenen Camps da.

Afghanistan-Einsatz geht zu Ende

So geht für die Bundeswehr ihr größter, teuerster und opferreichster Einsatz zu Ende. Vor 13 Jahren, kurz vor Weihnachten 2001, beschloss der Bundestag erstmals die Beteiligung an der vom UN-Sicherheitsrat eingerichteten Internationalen Sicherheitstruppe ISAF. Afghanistan sollte damit stabilisiert und wieder aufgebaut werden, nachdem die USA und ihre Verbündeten infolge der Terroranschläge vom 11. September 2001 das Taliban-Regime gestürzt und eine neue Regierung installiert hatten. Dieses Jahr am 31. Dezember endet das ISAF-Mandat offiziell. Zwischenzeitlich hatte Deutschland mehr als 5000 Soldaten gleichzeitig in Afghanistan.

Die Bundeswehr, die im relativ ruhigen Norden Afghanistans die Federführung innerhalb des NATO-Einsatzes hat, probt schon jetzt für die Zeit ab dem 1. Januar 2015, wenn die bisherige ISAF-Mission in die "Resolute Support"-Mission, kurz RSM, übergehen soll. Ein Jahr lang wird die Bundeswehr noch im Norden bleiben. Mit deutlich weniger Soldaten als bisher. Danach soll sie sich mit einem noch kleineren Kontingent nach Kabul zurückziehen. Abgesehen von Beraterteams wird ab dem Frühjahr 2015 kaum noch ein Deutscher das abgesicherte Camp verlassen.

"Das muss man sich vorstellen, wie eine Unternehmensberatertätigkeit. Die afghanischen Sicherheitskräfte müssen nicht mehr bei Operationen begleitet werden, sondern es geht jetzt darum, in der nächsten Zeit die Nachhaltigkeit zu sichern."

Das sagt Brigadegeneral Harald Gante. Er ist Kommandeur der NATO-Truppen im Norden Afghanistans und der wichtigste deutsche Soldat im Land.

"Im Vordergrund steht dabei, von außen sich die Prozesse innerhalb der afghanischen Armee zu betrachten und dort, wo Defizite gemeinsam erkannt werden, gegenzusteuern. Das betrifft zum Beispiel solche Bereiche wie Logistik, solche Bereiche wie Personalführung, Personalplanung oder eben auch Ausbildungsunterstützung."

Wandel hin zur Beratung

Die Bundeswehr in Afghanistan als smarte Consulting-Firma? Es würde zum Sprachgebrauch im politischen Berlin passen, wo man mit Blick auf militärische Auslandseinsätze neuerdings gerne von "E2I" spricht. Das Kürzel steht für "Enable and Enhance Initiative", übersetzt "Ermöglichungs- und Verbesserungsinitiative". Was klingt wie ein Coachingprogramm für ein erschlafftes oder überfordertes mittleres Management, soll tatsächlich heißen: Wir ermöglichen einheimischen Kräften das Führen von Kriegen.

Gemessen an den Opfern unter den afghanischen Kräften, war die Beratung bislang wenig erfolgreich. Die Zahl der Toten und Verletzten bei der rund 350.000 Köpfe zählenden afghanischen Polizei und Armee ist in den letzten Jahren dramatisch gestiegen.

"Feldlager" wird das Camp in Masar-i-Scharif immer noch genannt. Ein allzu idyllisch klingender Name für eine zweieinhalb mal eineinhalb Kilometer große Ansammlung von Unterkunftscontainern und Wellblechhallen mit dem Charme eines abgelegenen Gewerbegebiets.

Umgeben ist das Camp von einer zweieinhalb Meter hohen und sechs Kilometer langen Mauer. Bei Tag und Nacht surren die Generatoren und Klimaanlagen. Irgendwo startet immer ein amerikanischer Hubschrauber, eine deutsche Transall-Transportmaschine, eines der AWACS-Überwachungsflugzeuge der NATO oder eine Beobachtungsdrohne. Nur die schweren gepanzerten Fahrzeuge, die Füchse und die Dingos, die über Jahre den deutschen Einsatz prägten, sind kaum noch zu hören.

Aber es gibt sie noch, die gepanzerten Fahrzeuge, die im Laufe des Afghanistan-Einsatzes immer schwerer wurden, um den Soldaten besseren Schutz vor Beschuss und Sprengfallen zu bieten. Und es gibt auch noch ein paar "Draußies": jene Soldaten, die im Gegensatz zu ihren als "Drinnies" bezeichneten Kameraden das Lager tatsächlich regelmäßig verlassen - auch ohne Hubschrauber.

Zum einen ist das die vor allem aus Kroaten bestehende Kompanie, die zum Schutz der Beraterteams abgestellt ist. Zum anderen sind das die rund 120 deutschen Soldaten der Schnellen Eingreiftruppe – oder QRF, für Quick Reaction Force. Es ist die letzte große Kampfeinheit der Bundeswehr in Afghanistan. Zusammengesetzt ist die Truppe aus Panzergrenadieren mit Kundus-Erfahrung. Stabsfeldwebel Andreas K. ist einer von ihnen:

"Wir sind grundsätzlich dazu da, im Regeldienstbetrieb im Rahmen der Feldlagersicherung eingesetzt zu sein, um im Außenbereich entsprechend mit Patrouillen dafür zu sorgen, dass das Feldlager gesichert wird, auch auf Distanz hin. Darüber hinaus stellen wir hier eine Eingreifreserve in Form eines Zuges, der innerhalb kürzester Zeit in der Lage ist, auf gefährliche Situation zu reagieren oder Kameraden draußen in gefährlichen Situation zu unterstützen oder zu retten."

Bundeswehrsprache will entschlüsselt sein. Im Klartext bedeutet dies, das Gebiet im Umkreis von 20 Kilometern rund um das Camp im Blick zu halten. Hauptfeldwebel Niels H. ist Zugführer einer Einheit von rund 30 Soldaten:

"Mit den Patrouillen in der Ground Defense Area will man halt erreichen, dass man erstens Präsenz im Raum zeigt. Und dementsprechend natürlich auch Angriffe mit Raketen zum Beispiel gegenüber dem Lager verhindert, weil man halt Präsenz im Raum zeigt und zeigt, dass man da ist und niemandem die Möglichkeit gibt, irgendwelche Angriffe hier vorzunehmen."

Heißt: Allein, indem wir uns zeigen, sorgen wir für Ruhe. Manche der QRF-Soldaten sind zum fünften Mal hier. Einige waren 2010 bei den tödlichen Karfreitagsgefechten dabei, haben Tote und Verletzte in den eigenen Reihen gesehen.

Gerätschaften werden nach Deutschland zurückgeflogen

Sie waren an tödlichen Gefechten beteiligt, sind nachts zu Fuß durch afghanische Dörfer gegangen und haben monatelang mit der Angst vor eingegrabenen Sprengfallen gelebt. Der Einsatz in der sogenannten Schlammzone gehörte zu ihrem soldatischen Selbstverständnis. Dass die Panzer vom Typ Marder oder Boxer schon nach Deutschland zurückgeflogen wurden, kann manch einer von ihnen nicht verstehen.

Es ist 2:30 Uhr. Eine Antonow 124 eines russisch-ukrainischen Konsortiums ist in Masar-i-Scharif gelandet. Durch die leichte Abkühlung in der Nacht kann sie zu dieser Zeit mit größerer Zuladung starten. Heute nimmt sie unter anderem einen Fuchs und einen Eagle 4 mit an Bord. Wieder sind einige geschützte Fahrzeuge weniger im Camp. Alles, was nicht mehr unbedingt gebraucht wird, geht zurück nach Deutschland.

Gedenkstätte für die im ISAF-Einsatz getöteten Soldaten im "Camp Marmal", dem letzten deutschen Militärlager in Masar-i-Sharif. (Deutschlandradio / Eric Chauvistré)Gedenkstätte für die im ISAF-Einsatz getöteten Soldaten im "Camp Marmal", dem letzten deutschen Militärlager in Masar-i-Sharif. (Deutschlandradio / Eric Chauvistré)Oberstleutnant Rüdiger Peil ist als Leiter der sogenannten Materialschleuse verantwortlich für den Rücktransport, der etwa 60 bis 70 Prozent des Materials betrifft:

"Insbesondere sind das Waffen, Fahrzeuge, Funkgeräte und andere militärische Ausstattungen. In der Regel im Einsatzgebiet bleibt zurück: Liegenschaftsmaterial, Mobiliar, aber auch solche Artikel, die einfach über die Zeit schon ihren Nutzungsgrad verloren haben."

Trotz der Ukraine-Krise läuft auch der Transport über Land – also durch Russland – problemlos. Immer wieder werden Lastwagenkolonnen beauftragter Spediteure durch Tadschikistan, Kasachstan und Russland auf den Weg nach Deutschland geschickt. Oberstleutnant Peil:

"Vor der Verwertung wird das Material immer demilitarisiert, sodass es auch nicht später noch einmal missbräuchlich gegen uns oder andere Nationen oder die afghanischen Sicherheitskräfte verwendet werden kann."

Während die Bundeswehr Waffen und Militärfahrzeuge an kurdische Milizen im Nordirak liefert, ist sie bei ihren afghanischen Partnern hier sehr restriktiv. Nichts bleibt zurück, was militärisch genutzt oder bei Anschlägen verwendet werden könnte. Demilitarisierung heißt:

"Bei Fahrzeugen wird die Karosserie vom Fahrgestell getrennt, der Aufbau wird entsprechend zerstört und am Ende bleibt nur das Chassis mit dem Motor übrig, und das geht entsprechend dann in die Verwertung, das heißt, wird gegen Höchstgebot veräußert."

Rücktransport, Demontage, Verkauf: In Afghanistan geht eine Ära deutscher Militärgeschichte zu Ende. Afghanistan-Erfahrung gehört in der Bundeswehr mittlerweile zur Karriereplanung dazu. Vorgesetzte ohne Einsatzmedaille, so heißt es schon, werden von ihren Untergebenen nicht mehr ernst genommen. Und so mancher Soldat trauert auch um die Gelegenheit, noch einmal die steuerfreie Auslandszulage von 110 Euro pro Tag mitnehmen zu können.

In der Region Kundus scheint bereits jetzt wenig von der Stabilität geblieben zu sein, die deutsche Soldaten dort herstellen sollten. Im August rückten Aufständische in der Provinz Kundus nahe an einst von der Bundeswehr mit aufgebaute Stellungen heran. Nur nach mehrfachen Angriffen der US-Luftwaffe konnten sie gestoppt werden. Das Erstarken der Aufständischen im einst von den Deutschen kontrollierten Gebiet, lässt bei manchem erfahrenen Soldaten hier die Frage aufkommen, ob sich die Opfer von damals gelohnt haben.

Die gemauerte Kapelle des Camps ist einer der wenigen ruhigen Orte im Lager von Masar-i-Scharif. Der evangelische Militärpfarrer Stephan Schmid kennt die Afghanistan-Mission aus anderen Zeiten. Vor drei Jahren war er hier im Einsatz. Er weiß, wie stark sich die Atmosphäre verändert hat:

"Man könnte es auch Abbruchstimmung nennen. Es ist jetzt alles sehr darauf konzentriert, nach Hause zu gehen. Zum einen beschäftigen sich ganz viele Soldaten ganz tatkräftig damit, indem sie einfach dabei sind, zu packen, die ganze Logistik. Dabei sind, Container zu packen, Dinge für Deutschland zu verpacken, nach Hause zu schicken. Das ist der eine Aspekt. Dann ist natürlich der andere Aspekt, dass sich viele Gedanken darüber machen, wann komme ich überhaupt nach Hause."

Anzahl der deutschen Soldaten wird verringert

Weil die Anzahl der deutschen Soldaten in den kommenden Wochen deutlich verringert wird, werden manche kurzfristig mit neuen Terminen für ihren Heimflug konfrontiert. Statt der üblichen vier Monate, bleiben sie jetzt mitunter nur zwei oder drei Monate in Afghanistan.

Bei seinem letzten Einsatz in Afghanistan war Militärpfarrer Schmidt noch mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Soldaten litten unter der ständigen Bedrohung und mussten mit der Erfahrung von Tod und Verletzungen fertig werden. Jetzt ist alles anders. Militärpfarrer Schmid:

"Das heißt, das Leben spielt sich eigentlich nur noch hier im Lager ab. Man hat so ein bisschen das Gefühl, abgeschottet zu sein, ganz und gar abgeschottet von der Außenwelt. Wenn man sich nicht sehr darum kümmert, kriegt man auch eigentlich gar nicht mit, was da draußen ist und konzentriert sich darauf, hier abzubauen und nach Hause zu gehen."

Noch sind etwa 1400 deutsche Soldaten in dem hermetisch abgeriegelten Camp in Masar-i-Sharif stationiert, weitere rund 200 bei den NATO-Stäben in Kabul. Eine kleine Fernmeldeeinheit ist in Khandahar eingesetzt, einem US-Camp im Süden Afghanistans. Und auch einige Soldaten des Kommandos Spezialkräfte KSK – der sagenumwobenen Geheimtruppe – sind noch im Land unterwegs. Anfang September kam eine KSK-Einheit 40 Kilometer westlich von Masar-i-Scharif unter Beschuss. Nur bei solchen Zwischenfällen wird ihre Anwesenheit öffentlich.

Kommandeur Gante schätzt die Stärke der deutschen Truppe ab 2015 auf etwa 600 Leute, die gemeinsam mit rund 600 weiteren multinationalen Kräften das Camp in Mazar betreiben sollen. Laut Gante ist geplant, dass davon der geringste Teil, nämlich ...

"... ungefähr 60 Soldaten in dieser Beratertätigkeit eingesetzt werden, wobei die Zahlen noch nicht endgültig feststehen. Und die anderen Soldaten benötigen wir eigentlich einfach schlicht und ergreifend nur dafür, um hier im Einsatz, in diesem Camp die Lebensfähigkeit sicherzustellen."

Brigadegeneral Gante schwärmt von der guten Tradition multinationaler Zusammenarbeit im Regionalkommando Nord der ISAF. Dadurch könne die Mission auch mit weniger deutschen Soldaten weitergeführt werden.

Für die Soldaten am unteren Ende der Befehlskette ist es dennoch eine neue Herausforderung. Oberfeldwebel Christopher B. ist Gruppenführer in der Quick Reaction Force:

"In Kundus war das zum Beispiel immer so, dass jede Nation fast für sich autark gearbeitet hat. Zumindest kam es einem auf Truppführerebene, auf Gruppenführerebene so vor. Man ist zwar dann draußen gewesen, man hat aber quasi nur Deutsch gesprochen, also kaum Englisch mit irgendwelchen anderen Nationen. Dann waren zwar die Belgier in der Nähe, sind aber meistens nur mit ihren Fahrzeugen an einem vorbeigefahren und haben gewunken. Genau, wie man wusste, dass die Amerikaner im Raum waren, aber man hatte also auf normaler Zugebene, als normaler Zugsoldat, hatte man also quasi nichts mit denen zu tun."

Ausgliederung vieler Tätigkeiten

Um mit den genehmigen Kräften auszukommen, musste die Bundeswehr schon immer Aufgaben ausgliedern. Die Verpflegung im Lager wird von einer auf Militäreinsätze spezialisierten italienischen Firma organisiert. Ihre Mitarbeiter kommen in der Regel aus Sri Lanka. Die Wäsche erledigt die deutsche Firma Ecolog mit afghanischen Mitarbeitern.

Selbst der Flugbetrieb der NATO-Truppen innerhalb Afghanistans wird teilweise von privaten Firmen übernommen. Die kanadische "Molson Air" hat für den Personentransport in Afghanistans mehrere große Hubschrauber im Lager.

Eine spezielle Form des Outsourcings ist die Abgabe von militärischen Aufgaben an Länder, die ohne deutsche Hilfe wohl kaum in der Lage wären, sich am Afghanistan-Einsatz zu beteiligen. Armenische Soldaten wurden sogar mit deutschen Uniformen versorgt. Den direkten Zugang zum Lager überwachen mongolische Soldaten. Ausgebildet werden sie von Bundeswehr-Soldaten, die dazu regelmäßig in die Mongolei reisen.

Jetzt steht eine neue Stufe dieser Ausgliederung an. Anfang 2015 möchte die Bundeswehr ihre Aufgabe als Kampftruppe in Afghanistan komplett loswerden. Noch sei nichts endgültig entschieden, so General Gante:

"Aber ich gehe davon aus, dass Bereiche wie zum Beispiel die QRF, die Quick Reaction Force, demnächst nicht mehr durch deutsche Kräfte wahrgenommen werden."

Geplant sei, so heißt es im Camp, die QRF-Kompanie der Bundeswehr ab dem Frühjahr komplett mit georgischen Soldaten zu besetzen. Dazu sollen diese von der Bundeswehr im bayrischen Hammelburg ausgebildet werden. In Afghanistan angekommen, würden sie dann die gepanzerten Fahrzeuge der Bundeswehr übernehmen. Ein Land wie Georgien erkauft sich auf diesem Wege Unterstützung und Anerkennung durch die NATO.

Der komplette Rückzug aus Kampfverbänden wäre ein erneuter Umbruch. In den letzten Jahren war die Bundeswehr vor allem darum bemüht, ihr Image als risikoscheue Beamtenarmee abzulegen. Afghanistan hieß: Wir können auch Schlammzone. Die draußen eingesetzten Soldaten sahen sich als Kämpfer – und genossen Aufmerksamkeit. Oberfeldwebel Christopher B.:

"In Kundus hatte man mehr das Gefühl, dass das Lager eigentlich nur dafür da ist für die Leute, die raus fahren. Und hier hat man eigentlich das Gefühl, dass das Lager dafür da ist, damit das Lager da ist. Es lebt quasi für sich das Lager. Und die Leute, die raus fahren, die sind da zwar mit bei. Aber die sind nicht so präsent, wie sie es in Kundus waren."

Nicht nur im Camp bei Masar-i-Scharif sind die Soldaten der Kampfeinheiten nicht mehr so präsent wie früher. Auch innerhalb der Bundeswehr scheinen die vor Kurzem noch Gefeierten plötzlich nicht mehr so wichtig. Gestern wurden sie noch zu Helden stilisiert. Nun stehen sie als Nostalgiker da. Gestern waren sie noch die neue Bundeswehr: Heute müssen sie zusehen, wie sie durch kostengünstige Soldaten aus einem Land der ehemaligen Sowjetunion ersetzt werden.

Ob die Bundeswehr der Nach-Afghanistan-Ära mit Outsourcing, Training und Beratung auf Dauer erfolgreicher sein wird, als sie es mit den kämpfenden Einheiten in Kundus war, ist noch offen. Sicher ist, dass diese neue Bundeswehr weniger sichtbar sein wird. Politisch dürfte das gewollt sein: Nach dieser, der Afghanistan-Erfahrung, sind vorerst wohl nur noch unauffällige und vermeintlich saubere Einsätze durchzusetzen.

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