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StartseiteKultur heuteVirtuoses Ensemblespiel und überdehnte Szenen 06.09.2015

Burgtheater WienVirtuoses Ensemblespiel und überdehnte Szenen

Gestern Abend wurde die neue Spielzeit am Wiener Burgtheater eröffnet: mit Gogols "Revisor". Der lettische Regisseur Alvis Hermanis hat das Stück auf die Bühne gebracht - mit vierdreiviertel Aufführungsstunden und doch allzu vielen Spannungslöchern.

Von Hartmut Krug

Das Wiener Burgtheater bei Nacht
Das Wiener Burgtheater bei Nacht

Schäbig und heruntergekommen sieht das Gasthaus aus. Hoch oben an den Wänden ziehen sich mächtige Heizungs- und Lüftungsrohre entlang, und die Wandkacheln sind vergilbt oder abgeschabt. Im Gastraum stehen die Stühle noch auf den Tischen, zwischen denen einige federplustrige, enorm große Hühner herumspazieren. Zu leichter Klaviermusik lässt Regisseur und Bühnenbildner Alvis Hermanis die Provinzszenerie aus stehengebliebener und zurückgelassener Zeit ihre atmosphärische Wirkung entfalten. Wenn die Küchenfrauen in ihr Reich strömen und mit ihrer Arbeit beginnen, erklingt ein fulminantes Konzert: Die Frauen schlagen mit Küchenutensilien, mit Bestecken, Töpfen und Schrubbern auf Wände, Tische und den Fußboden. Dann treten nach und nach die Männer herein und holen sich ihr Essen. Sie wirken wie schwerfällige, enorm ausgestopfte und hässliche Spießerklischees, die sich mit ihren Stühlen, Tellern und Bestecken am Konzert beteiligen: Ein toller Beginn einer Inszenierung, die an Arbeiten von Marthaler und seiner Bühnenbildnerin Anna Viebrock erinnert, aber zugleich eine ganz eigene Stimmung schafft. Wenn Michael Maertens als Bürgermeister hereinstürmt, muss er sich mit zwei scheppernden Tabletts Aufmerksamkeit verschaffen:

"Ich habe sie hergebeten, um ihnen eine höchst unerfreuliche Mitteilung zu machen: Zu uns kommt ein Revisor."
"Ein Revisor aus Petersburg?"
"Inkognito und zudem noch in geheimem Auftrag."

Ein junger Mann, der seit zwei Wochen seine Unterkunft nicht mehr bezahlt hat, wird von den Honoratioren der Stadt für diesen Revisor gehalten. Und da alle irgendwas am Stecken haben, begegnen sie dem vermeintlichen Revisor mit hysterischer Beflissenheit.

Gogols Stück aus dem Jahr 1836 wurde meist für eine Satire auf die Provinzpolitik des zaristischen Russlands gehalten und oft als wildgewordene Posse inszeniert. Auch das Burgtheater-Ensemble lässt zwar keine Möglichkeit aus, Komik zu produzieren, doch es ist Komik mit Tiefgang. Denn alle Kleinstädter haben nicht nur Angst vor dem Revisor, sondern hoffen auch, durch ihn ihre verschütteten Lebensträume verwirklichen zu können. Also bestechen sie ihn. Einer nach dem anderen drängt ihm sein Geld auf. Das passiert auf der Toilette vor und in total verschmutzten Kabinen: In dieser Situation gelingt es dem wunderbaren Ensemble, den einzelnen Figuren Individualität zu geben, ohne sie völlig an die Komik auszuliefern. Dabei kritisiert Regisseur Hermanis nicht so sehr ein System von Korruption und Faulheit, sondern er führt Menschen vor, deren Sehnsüchte auf groteske Weise mit der Wirklichkeit kollidieren. Der Detailrealismus in den Figurenzeichnungen wird immer wieder gebrochen durch surreale Traumbilder, so, wenn im Schlafraum riesengroße Ratten im Bett liegen oder ein großer Hahn umherstolziert.

Wenn Michael Maertens als Bürgermeister das schleimige Bücklingsballett vor dem scheinbaren Revisor anführt, wechselt er virtuos zwischen Machtfantasien und Unterwürfigkeit. Während Fabian Krüger den falschen Revisor als naives, schmales Bürschchen gibt, das im Gespräch mit seinem Diener Ossip aus naivem Staunen ins energische Wünschen wächst:

"Du Ossip, hast du die Tochter von dem Bürgermeister gesehen?"
"Also ja, sie ist gar nicht übel, oder?"
"Du Ossip, die ist tadellos, ja."
"Und die Mama, weißt du, die ist ja auch noch eine, die kann man ja auch noch."

Wie Dörte Lyssewski und Maria Happel als ihre Mutter zwei Klischeefiguren ganz eigenes Bühnenleben verleihen, das ragt aus einem insgesamt ungemein virtuosen Ensemblespiel heraus.

Leider aber überdehnt Hermanis nahezu jede Szene und nimmt mancher damit ihre Wirkung. Bis zur traurigen, träumerischen Schlussszene, in der alle mit dem Bürgermeister vergeblich darauf warten, dass der falsche Revisor zur Hochzeit mit der Bürgermeistertochter kommt, gibt es in sage und schreibe vierdreiviertel Aufführungsstunden doch allzu viele Spannungslöcher. So kann man nicht wirklich begeistert sein von Hermanis Revisor-Inszenierung, die wohl viele Anregungen seiner 2002 erst in Riga herausgekommenen und dann 2003 in Salzburg preisgekrönten ersten Revisor-Inszenierung verdankt. Der echte Revisor kommt übrigens in Wien zum Schluss erst einmal nicht.

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