Elias Bierdel: Guten Morgen.
Liminski: Herr Bierdel, da wird Ihnen ja einiges vorgeworfen, greifen wir die letzte Information aus dem Bericht mal auf. Gestern scheint der Vorstand Ihrer Organisation auf Sie gewartet zu haben oder war wenigstens in Rufbereitschaft. Warum haben Sie sich noch nicht mit Ihren Leuten beraten, werden Sie es heute tun?
Bierdel: Ja, das ist wie vieles, was ich jetzt hier höre völliger Blödsinn, selbstverständlich habe ich mich mit meinen Leuten in Verbindung gesetzt, jeder wusste wo der andere ist, alles ist in Ordnung. Ich weiß nichts von einer Verabredung auf der ich erwartet wurde.
Liminski: Zur Aktion selbst: Man wirft Ihnen Medieninszenierung vor. In der Tat kreuzte das Schiff nach der Aufnahme der 37 Afrikaner erst mal sechs Tage im Mittelmeer, so heißt es in den Medien und legte dann einen Stopp in Tunis ein, um Sie und einige Kamerateams an Bord zu nehmen. Solche Fakten sind ja nachprüfbar, stimmen sie?
Bierdel: Ja, das sind eben keine Fakten. Das ist genau der Punkt, um den es hier geht. Es ist wahr, dass das Schiff einige Zeit dort kreuzte und zwar solange bis ein Hafen gefunden war, das passierte auch auf meine Anweisung hin. Weil wir wussten, wir sind in einer Zone, in der es möglicherweise noch sehr viel mehr Menschen gibt, die in Not sind, als nur jene 37, die wir bis dahin hatten retten können. Nach Tunis ist das Schiff auf gar keinen Fall gefahren. Ich bin selber von Djerba aus auf hoher See dazu gestoßen. Und wir sind dann gemeinsam Richtung Italien gefahren. Das alles ist relativ leicht belegbar, selbstverständlich. Das Logbuch des Schiffes, ein amtliches Dokument, gibt genau Auskunft über jede Schiffsbewegung. Es gibt außerdem ein Navigationssystem auf diesem Schiff, was automatisch die Position des Schiffes zu jeder Stunde festhält und bei jeder Kursänderung, wo Sie also seit der Ausfahrt aus Lübeck am 29. Februar, jede einzelne Position abrufen können.
Liminski: Aber ein Faktum, Herr Bierdel, stimmt das, dass Sie später mit Kamerateams dazugestoßen sind?
Bierdel: Ich bin 28. an Bord gegangen, die Rettung selber war ja am 20. Juni passiert und es stimmt auch, dass Kamerateams dabei waren. Allerdings glaube ich nicht, dass das sozusagen unbedingt gegen die Aktion oder gegen mein Dazustoßen sprechen muss, wenn Journalisten sich dafür interessieren. Das eine war ein Team von Arte, im Auftrag von Arte, die arbeiten an einer Langzeitreportage zum 25-jährigen Jubiläum, die haben also auch schon in Afghanistan gedreht und anderswo, die wollten dazu kommen. Und das andere war ein Team des ZDF, was dann auch anschließend berichtet hat, das war der Kollege Luten Leinhos.
Liminski: Die Kamerateams waren also an Bord, alle haben die Bilder gesehen. Wenn es nur um eine Rettung gegangen wäre, hätte man die Leute in den nächstbesten Hafen bringen können. Warum nicht Malta, warum Italien und warum nicht der Flaggenstaat des Schiffes, Deutschland?
Bierdel: Ja, der Reihenfolge nach, die Rettung ist an einer Stelle geschehen, die ungefähr so knapp hundert Meilen südlich der italienischen Insel Lampedusa liegt und aber ungefähr hundertachtzig Meilen entfernt von Malta. Daher war der erste Plan, unmittelbar zu sagen, ja wir bringen die Leute nach Lampedusa, das ist ja der nächstgelegene Hafen. Es dauerte einen kleinen Moment, dann stellte sich heraus, dass dieser Hafen zu klein ist, dass unser Schiff diesen Hafen nicht anlaufen kann. Daraufhin ging die Suche weiter nach dem nächstgelegenen italienischen Hafen, in den wir die Leute hätten bringen können. Das alles ist nicht so wie bei einem Auto, wo Sie eben mal rechts raus fahren und anhalten. Ein Schiff braucht einen bestimmten Vorlauf, muss organisieren wo es hinfährt, wo es anlegt, dann muss ein Agent benannt werden und gefunden werden. Das alles hat sich hingezogen, zum Teil auch durch Missverständnisse und das ist nicht alles ruhmreich, was da passiert ist in dieser Zeit, das hat zu lange gedauert. Klar war aber dann, dass der Hafen in Porto Empedocle der nächstgelegene ist von der Rettungsstelle aus. Den haben wir angelaufen. Und es sah ja auch alles völlig in Ordnung aus. Wir haben das ganz ordnungsgemäß getan, wir haben gemeldet, wen wir an Bord haben, warum, weshalb und wir liefen diesen Hafen an und hatten die Genehmigung dort einzulaufen. Aber in der Sekunde sozusagen, wo wir in die Hoheitsgewässer einlaufen wollten, da hat plötzlich und auf allerhöchsten Geheiß aus Rom direkt die italienische Behörde diese Genehmigung widerrufen und seitdem hingen wir dann volle elf Tage dort draußen in internationalem Gewässer.
Liminski: Das heißt, Sie hatten vorher eine Genehmigung der Hafenbehörde?
Bierdel: Ja, selbstverständlich, wir haben das ganz normale Prozedere befolgt, sind rangefahren, hatten die Genehmigung auch erhalten und quasi in dem Moment, wo man den Motor anmacht, das dauert halt ein bisschen länger als bei einem Kleinwagen bei einem Schiff und wollten dort reinfahren, in der Sekunde plötzlich kam der Wiederruf und anschließend, das ging dann sehr schnell, sahen wir uns einer Armada gegenüber von Kriegsschiffen, von Grenzschutz, von Hubschraubern, das war schon ein sehr dramatisches Szenario.
Liminski: Die Vorwürfe gipfeln in der Feststellung, Sie haben die falschen Flüchtlinge aufgefischt, Sie dann zum falschen Ort gebracht und das zum falschen Zeitpunkt und mit den falschen Methoden. Haben Sie ein Konzept für Ihre Aktionen im Mittelmeer, zum Beispiel die Festung Europa knacken?
Bierdel: Ach du lieber Gott. Nein, Entschuldigung, bei aller Unbescheidenheit die wir gelegentlich an den Tag legen, aber das ist jetzt natürlich eine völlig irrwitzige Idee. Wir machen doch im Grunde seit 25 Jahren immer dasselbe, egal wo auf der Welt und mit allen Mitteln, die wir zur Verfügung haben. Wir versuchen Menschenleben zu retten, das tun wir genauso am Hindukusch wie im Busch in Afrika oder eben auf dem Wasser, wenn es uns denn gelingt. Wenn wir noch mal kurz zur Kenntnis nehmen, dass dort draußen auf dem Meer täglich Menschen ertrinken, umkommen auf verschiedene Weise bei dem furchtbaren verzweifelten Versuch irgendwie hier rüber zu kommen nach Europa. Und wenn wir uns noch mal klar machen, dass es niemanden gibt bis dato, der das so richtig wahrnehmen möchte oder geschweige denn, ganz gezielt versucht, diesen Menschen zu helfen, die nämlich dabei sonst ums Leben kommen würden. Und wenn es eben nur dieses eine Schiff ist, die Cap Anamur, mit seinen ganz begrenzten Möglichkeiten logischerweise, das dies zu tun versucht, in einem kleinen Fall mit 37 Menschen erfolgreich ist, das ist nämlich sehr schwer, dort nach Leuten zu suchen, die in Not sind und dieses zu einer geradezu irrwitzigen überzogenen Reaktion führt, wie der Beschlagnahmung eines deutschen Rettungsschiffes, was bitteschön aus privaten Mitteln finanziert ist, da sind an Bord Krankenhausausrüstung, Fahrzeuge und andres im Wert von vielen hunderttausend Euro. Der Vorsitzende und der Kapitän und der Offizier des Schiffes werden eingesperrt eine volle Woche lang, wenn man sich das anschaut ja, dann möchte man dann doch schon einmal in Bescheidenheit darauf hinweisen, dass es möglicherweise sehr sehr wichtig wäre, diese Rettungsarbeit fortzusetzen. Wir können das tun, wir wollen das tun. Und, Herr Liminski, auch während wir jetzt hier sitzen, kommen weiter Menschen ums Leben dort draußen, um die sich niemand kümmert, wir wären dazu bereit. Und jetzt ist die merkwürdige Situation entstanden, dass uns Europa quasi amtlich dieses untersagt. Das halte ich allerdings für einen Skandal.
Liminski: Der CDU-Politiker Bosbach und auch bei Innenminister Schily ist das Argument zu hören, mit solchen medienträchtigen Aktionen würde bei vielen Afrikanern die Illusion genährt, sie kämen über das Meer sicher nach Europa aber die meisten würden doch verdursten und ertrinken und außerdem spiele diese Illusion nur den Schleuserbanden in die Hände, die dadurch noch bessere Geschäfte machten. Wären stille und zügige Rettungsaktionen ohne Kameras nicht sinnvoller?
Bierdel: Also, das Ergebnis, so wie es jetzt ist, das Schiff beschlagnahmt, es gibt keine Perspektive für uns im Augenblick genau diese Rettung fortzusetzen, ist niederschmetternd und eine furchtbare Situation, in die wir uns gebracht haben und die natürlich auch niemandem dient, das ist klar. Allerdings muss man noch mal ganz genau schauen, wer da welche Verantwortung trägt, soweit es mich selbst betrifft, will ich die gerne tragen, aber da gibt es ja auch noch ein paar andere Leute. Ein Bundesinnenminister, der sehr schnell und ohne verlässliche Datengrundlage, sich qualifizierend äußert über ein laufendes Ermittlungsverfahren in Italien gegen deutsche Staatsbürger, ich war zufällig einer von denen. Das ist doch wohl auch eine Merkwürdigkeit, über die man noch mal nachdenken kann. Wo ist die Motivlage von Herrn Schily, hier sich so eindeutig zu äußern: Sie haben Angst vor einem gefährlichen Präzedenzfall. Die Idee, dass ein Rettungsschiff, was Leuten dort hilft, dafür sorgt, dass sich nun massenweise die Leute wie die Lemminge ins Meer stürzen, ist natürlich absurd und verrückt. Und mir hat gestern mal jemand gesagt, das wäre so, als wollte man für die Abschaffung der Bergwacht plädieren, mit der Begründung, denn die Menschen würden sich ja nur deshalb mit leichten Schuhen ins Gebirge wagen, weil sie wüssten, dass nachher der Hubschrauber kommt. Also jetzt bleiben wir mal auf dem Teppich, hier gibt es ein grauenhaftes Problem, was wirklich an den Lebensnerv Europas rührt: Wollen wir in Kauf nehmen, dass an den Außengrenzen dieser Festung Europa das große Sterben weitergeht, namenlos da draußen oder tun wir was dagegen, das ist für mich die Frage.
Liminski: Ihr Vorgänger Rupert Neudeck wirft Ihnen vor, Berlin nicht informiert zu haben, weshalb Sie auch nicht gleich die Unterstützung der Bundesregierung hatten. Legen Sie auf diese Unterstützung keinen Wert?
Bierdel: Wir haben sofort den Schutz durch unseren Flaggenstaat beantragt, allerdings ist da relativ wenig draus geworden auch darüber wird noch zu sprechen sein. Aber da Sie den Namen gerade nennen, vielleicht auch noch ein Wort zu Rupert Neudeck, den wir ja alle schätzen und kennen. Er gehört zu den ganz wenigen Menschen in Deutschland, die sich auch ohne jede Detailkenntnis selbst zu sehr komplizierten Sachverhalten jederzeit öffentlich äußern dürfen. Dieses Privileg, das nutzt er gerne und oft und voller Freude. Ich finde es in aller Regel sehr erhellend und interessant, was er da so erzählt. Er ist selbst nicht mehr in Cap Anamur involviert, auf eigenen Wunsch. Wenn es stimmen sollte, dass Rupert Neudeck wie ich es in manchen Zeitungen lese, ich kann es gar nicht glauben, im Bezug auf das Sterben da draußen auf dem Meer Begriffe wie höhere Komik benutzt hat, dann haben wir es hier möglicherweise mit einem bizarren Fall von senilem Zynismus zu tun, wenn nicht gar mit schlimmerem.
Liminski: Eine Frage zu Ihrer persönlichen Einschätzung, haben sie Fehler gemacht, würden Sie das ganze noch einmal genauso machen?
Bierdel: Ich habe Fehler gemacht, die habe ich aber längst öffentlich eingeräumt. Zum Beispiel, dass wir in der Tat zu spät Kontakt gesucht und gefunden haben mit den Leuten dort, mit Behörden, das hätten wir viel besser und leichter erreichen können. Und ich habe sofort gesagt, gebt mir eine Telefonliste, wir rufen die rauf und runter an, wen immer wir anrufen sollen und informieren sogleich. Aber das Entscheidendere muss doch bleiben jenseits aller Regularien und bürokratischen Regeln, die es da gibt, das Entscheidende muss doch sein: Wollen wir, können wir weiter hinnehmen, dass Menschen vor den Toren der Festung verrecken? Ich sage nein, ich möchte was dagegen tun, wir sind in der Lage und haben es begonnen.
Liminski: Das war hier im Deutschlandfunk Elias Bierdel, Chef von Cap Anamur, zum ersten Mal seit seiner Freilassung, besten Dank für das Gespräch Herr Bierdel.
Liminski: Herr Bierdel, da wird Ihnen ja einiges vorgeworfen, greifen wir die letzte Information aus dem Bericht mal auf. Gestern scheint der Vorstand Ihrer Organisation auf Sie gewartet zu haben oder war wenigstens in Rufbereitschaft. Warum haben Sie sich noch nicht mit Ihren Leuten beraten, werden Sie es heute tun?
Bierdel: Ja, das ist wie vieles, was ich jetzt hier höre völliger Blödsinn, selbstverständlich habe ich mich mit meinen Leuten in Verbindung gesetzt, jeder wusste wo der andere ist, alles ist in Ordnung. Ich weiß nichts von einer Verabredung auf der ich erwartet wurde.
Liminski: Zur Aktion selbst: Man wirft Ihnen Medieninszenierung vor. In der Tat kreuzte das Schiff nach der Aufnahme der 37 Afrikaner erst mal sechs Tage im Mittelmeer, so heißt es in den Medien und legte dann einen Stopp in Tunis ein, um Sie und einige Kamerateams an Bord zu nehmen. Solche Fakten sind ja nachprüfbar, stimmen sie?
Bierdel: Ja, das sind eben keine Fakten. Das ist genau der Punkt, um den es hier geht. Es ist wahr, dass das Schiff einige Zeit dort kreuzte und zwar solange bis ein Hafen gefunden war, das passierte auch auf meine Anweisung hin. Weil wir wussten, wir sind in einer Zone, in der es möglicherweise noch sehr viel mehr Menschen gibt, die in Not sind, als nur jene 37, die wir bis dahin hatten retten können. Nach Tunis ist das Schiff auf gar keinen Fall gefahren. Ich bin selber von Djerba aus auf hoher See dazu gestoßen. Und wir sind dann gemeinsam Richtung Italien gefahren. Das alles ist relativ leicht belegbar, selbstverständlich. Das Logbuch des Schiffes, ein amtliches Dokument, gibt genau Auskunft über jede Schiffsbewegung. Es gibt außerdem ein Navigationssystem auf diesem Schiff, was automatisch die Position des Schiffes zu jeder Stunde festhält und bei jeder Kursänderung, wo Sie also seit der Ausfahrt aus Lübeck am 29. Februar, jede einzelne Position abrufen können.
Liminski: Aber ein Faktum, Herr Bierdel, stimmt das, dass Sie später mit Kamerateams dazugestoßen sind?
Bierdel: Ich bin 28. an Bord gegangen, die Rettung selber war ja am 20. Juni passiert und es stimmt auch, dass Kamerateams dabei waren. Allerdings glaube ich nicht, dass das sozusagen unbedingt gegen die Aktion oder gegen mein Dazustoßen sprechen muss, wenn Journalisten sich dafür interessieren. Das eine war ein Team von Arte, im Auftrag von Arte, die arbeiten an einer Langzeitreportage zum 25-jährigen Jubiläum, die haben also auch schon in Afghanistan gedreht und anderswo, die wollten dazu kommen. Und das andere war ein Team des ZDF, was dann auch anschließend berichtet hat, das war der Kollege Luten Leinhos.
Liminski: Die Kamerateams waren also an Bord, alle haben die Bilder gesehen. Wenn es nur um eine Rettung gegangen wäre, hätte man die Leute in den nächstbesten Hafen bringen können. Warum nicht Malta, warum Italien und warum nicht der Flaggenstaat des Schiffes, Deutschland?
Bierdel: Ja, der Reihenfolge nach, die Rettung ist an einer Stelle geschehen, die ungefähr so knapp hundert Meilen südlich der italienischen Insel Lampedusa liegt und aber ungefähr hundertachtzig Meilen entfernt von Malta. Daher war der erste Plan, unmittelbar zu sagen, ja wir bringen die Leute nach Lampedusa, das ist ja der nächstgelegene Hafen. Es dauerte einen kleinen Moment, dann stellte sich heraus, dass dieser Hafen zu klein ist, dass unser Schiff diesen Hafen nicht anlaufen kann. Daraufhin ging die Suche weiter nach dem nächstgelegenen italienischen Hafen, in den wir die Leute hätten bringen können. Das alles ist nicht so wie bei einem Auto, wo Sie eben mal rechts raus fahren und anhalten. Ein Schiff braucht einen bestimmten Vorlauf, muss organisieren wo es hinfährt, wo es anlegt, dann muss ein Agent benannt werden und gefunden werden. Das alles hat sich hingezogen, zum Teil auch durch Missverständnisse und das ist nicht alles ruhmreich, was da passiert ist in dieser Zeit, das hat zu lange gedauert. Klar war aber dann, dass der Hafen in Porto Empedocle der nächstgelegene ist von der Rettungsstelle aus. Den haben wir angelaufen. Und es sah ja auch alles völlig in Ordnung aus. Wir haben das ganz ordnungsgemäß getan, wir haben gemeldet, wen wir an Bord haben, warum, weshalb und wir liefen diesen Hafen an und hatten die Genehmigung dort einzulaufen. Aber in der Sekunde sozusagen, wo wir in die Hoheitsgewässer einlaufen wollten, da hat plötzlich und auf allerhöchsten Geheiß aus Rom direkt die italienische Behörde diese Genehmigung widerrufen und seitdem hingen wir dann volle elf Tage dort draußen in internationalem Gewässer.
Liminski: Das heißt, Sie hatten vorher eine Genehmigung der Hafenbehörde?
Bierdel: Ja, selbstverständlich, wir haben das ganz normale Prozedere befolgt, sind rangefahren, hatten die Genehmigung auch erhalten und quasi in dem Moment, wo man den Motor anmacht, das dauert halt ein bisschen länger als bei einem Kleinwagen bei einem Schiff und wollten dort reinfahren, in der Sekunde plötzlich kam der Wiederruf und anschließend, das ging dann sehr schnell, sahen wir uns einer Armada gegenüber von Kriegsschiffen, von Grenzschutz, von Hubschraubern, das war schon ein sehr dramatisches Szenario.
Liminski: Die Vorwürfe gipfeln in der Feststellung, Sie haben die falschen Flüchtlinge aufgefischt, Sie dann zum falschen Ort gebracht und das zum falschen Zeitpunkt und mit den falschen Methoden. Haben Sie ein Konzept für Ihre Aktionen im Mittelmeer, zum Beispiel die Festung Europa knacken?
Bierdel: Ach du lieber Gott. Nein, Entschuldigung, bei aller Unbescheidenheit die wir gelegentlich an den Tag legen, aber das ist jetzt natürlich eine völlig irrwitzige Idee. Wir machen doch im Grunde seit 25 Jahren immer dasselbe, egal wo auf der Welt und mit allen Mitteln, die wir zur Verfügung haben. Wir versuchen Menschenleben zu retten, das tun wir genauso am Hindukusch wie im Busch in Afrika oder eben auf dem Wasser, wenn es uns denn gelingt. Wenn wir noch mal kurz zur Kenntnis nehmen, dass dort draußen auf dem Meer täglich Menschen ertrinken, umkommen auf verschiedene Weise bei dem furchtbaren verzweifelten Versuch irgendwie hier rüber zu kommen nach Europa. Und wenn wir uns noch mal klar machen, dass es niemanden gibt bis dato, der das so richtig wahrnehmen möchte oder geschweige denn, ganz gezielt versucht, diesen Menschen zu helfen, die nämlich dabei sonst ums Leben kommen würden. Und wenn es eben nur dieses eine Schiff ist, die Cap Anamur, mit seinen ganz begrenzten Möglichkeiten logischerweise, das dies zu tun versucht, in einem kleinen Fall mit 37 Menschen erfolgreich ist, das ist nämlich sehr schwer, dort nach Leuten zu suchen, die in Not sind und dieses zu einer geradezu irrwitzigen überzogenen Reaktion führt, wie der Beschlagnahmung eines deutschen Rettungsschiffes, was bitteschön aus privaten Mitteln finanziert ist, da sind an Bord Krankenhausausrüstung, Fahrzeuge und andres im Wert von vielen hunderttausend Euro. Der Vorsitzende und der Kapitän und der Offizier des Schiffes werden eingesperrt eine volle Woche lang, wenn man sich das anschaut ja, dann möchte man dann doch schon einmal in Bescheidenheit darauf hinweisen, dass es möglicherweise sehr sehr wichtig wäre, diese Rettungsarbeit fortzusetzen. Wir können das tun, wir wollen das tun. Und, Herr Liminski, auch während wir jetzt hier sitzen, kommen weiter Menschen ums Leben dort draußen, um die sich niemand kümmert, wir wären dazu bereit. Und jetzt ist die merkwürdige Situation entstanden, dass uns Europa quasi amtlich dieses untersagt. Das halte ich allerdings für einen Skandal.
Liminski: Der CDU-Politiker Bosbach und auch bei Innenminister Schily ist das Argument zu hören, mit solchen medienträchtigen Aktionen würde bei vielen Afrikanern die Illusion genährt, sie kämen über das Meer sicher nach Europa aber die meisten würden doch verdursten und ertrinken und außerdem spiele diese Illusion nur den Schleuserbanden in die Hände, die dadurch noch bessere Geschäfte machten. Wären stille und zügige Rettungsaktionen ohne Kameras nicht sinnvoller?
Bierdel: Also, das Ergebnis, so wie es jetzt ist, das Schiff beschlagnahmt, es gibt keine Perspektive für uns im Augenblick genau diese Rettung fortzusetzen, ist niederschmetternd und eine furchtbare Situation, in die wir uns gebracht haben und die natürlich auch niemandem dient, das ist klar. Allerdings muss man noch mal ganz genau schauen, wer da welche Verantwortung trägt, soweit es mich selbst betrifft, will ich die gerne tragen, aber da gibt es ja auch noch ein paar andere Leute. Ein Bundesinnenminister, der sehr schnell und ohne verlässliche Datengrundlage, sich qualifizierend äußert über ein laufendes Ermittlungsverfahren in Italien gegen deutsche Staatsbürger, ich war zufällig einer von denen. Das ist doch wohl auch eine Merkwürdigkeit, über die man noch mal nachdenken kann. Wo ist die Motivlage von Herrn Schily, hier sich so eindeutig zu äußern: Sie haben Angst vor einem gefährlichen Präzedenzfall. Die Idee, dass ein Rettungsschiff, was Leuten dort hilft, dafür sorgt, dass sich nun massenweise die Leute wie die Lemminge ins Meer stürzen, ist natürlich absurd und verrückt. Und mir hat gestern mal jemand gesagt, das wäre so, als wollte man für die Abschaffung der Bergwacht plädieren, mit der Begründung, denn die Menschen würden sich ja nur deshalb mit leichten Schuhen ins Gebirge wagen, weil sie wüssten, dass nachher der Hubschrauber kommt. Also jetzt bleiben wir mal auf dem Teppich, hier gibt es ein grauenhaftes Problem, was wirklich an den Lebensnerv Europas rührt: Wollen wir in Kauf nehmen, dass an den Außengrenzen dieser Festung Europa das große Sterben weitergeht, namenlos da draußen oder tun wir was dagegen, das ist für mich die Frage.
Liminski: Ihr Vorgänger Rupert Neudeck wirft Ihnen vor, Berlin nicht informiert zu haben, weshalb Sie auch nicht gleich die Unterstützung der Bundesregierung hatten. Legen Sie auf diese Unterstützung keinen Wert?
Bierdel: Wir haben sofort den Schutz durch unseren Flaggenstaat beantragt, allerdings ist da relativ wenig draus geworden auch darüber wird noch zu sprechen sein. Aber da Sie den Namen gerade nennen, vielleicht auch noch ein Wort zu Rupert Neudeck, den wir ja alle schätzen und kennen. Er gehört zu den ganz wenigen Menschen in Deutschland, die sich auch ohne jede Detailkenntnis selbst zu sehr komplizierten Sachverhalten jederzeit öffentlich äußern dürfen. Dieses Privileg, das nutzt er gerne und oft und voller Freude. Ich finde es in aller Regel sehr erhellend und interessant, was er da so erzählt. Er ist selbst nicht mehr in Cap Anamur involviert, auf eigenen Wunsch. Wenn es stimmen sollte, dass Rupert Neudeck wie ich es in manchen Zeitungen lese, ich kann es gar nicht glauben, im Bezug auf das Sterben da draußen auf dem Meer Begriffe wie höhere Komik benutzt hat, dann haben wir es hier möglicherweise mit einem bizarren Fall von senilem Zynismus zu tun, wenn nicht gar mit schlimmerem.
Liminski: Eine Frage zu Ihrer persönlichen Einschätzung, haben sie Fehler gemacht, würden Sie das ganze noch einmal genauso machen?
Bierdel: Ich habe Fehler gemacht, die habe ich aber längst öffentlich eingeräumt. Zum Beispiel, dass wir in der Tat zu spät Kontakt gesucht und gefunden haben mit den Leuten dort, mit Behörden, das hätten wir viel besser und leichter erreichen können. Und ich habe sofort gesagt, gebt mir eine Telefonliste, wir rufen die rauf und runter an, wen immer wir anrufen sollen und informieren sogleich. Aber das Entscheidendere muss doch bleiben jenseits aller Regularien und bürokratischen Regeln, die es da gibt, das Entscheidende muss doch sein: Wollen wir, können wir weiter hinnehmen, dass Menschen vor den Toren der Festung verrecken? Ich sage nein, ich möchte was dagegen tun, wir sind in der Lage und haben es begonnen.
Liminski: Das war hier im Deutschlandfunk Elias Bierdel, Chef von Cap Anamur, zum ersten Mal seit seiner Freilassung, besten Dank für das Gespräch Herr Bierdel.
