Mittwoch, 08. Februar 2023

Carole Angier: "W.G. Sebald"
Erzwungene Nähe

Die britische Autorin Carole Angier errichtet dem deutschen Schriftsteller W.G. Sebald ein biografisches Denkmal. Ihre quellenkritisch unterfütterte Lebensbeschreibung ist ein Näheprojekt, das sich allzu intim gibt.

Von Lothar Müller | 23.01.2023

Carole Angier: "W.G. Sebald. Nach der Stille"
Zu sehen sind die Autorin und das Buchcover, das ein angeschnittenes Porträt von W.G. Sebald zeigt
Carole Angier macht in ihrer Biografie über W.G. Sebald dessen Radikalität an dem Bemühen fest, die Figuren seiner Erzählungen als der Realität entnommene zu kennzeichnen. Ihr realer Gegenstand, der deutsche Autor, wandelt sich dabei aber mehr und mehr zu einer Romanfigur. (Buchcover: Hanser Verlag / Foto: Peter-Andreas Hassiepen)
Ein eigenes Regal seiner Bibliothek hatte W.G. Sebald für die Rowohlt-Monographien eingerichtet. Er schätzte diese reich illustrierte Serie von Biographien im rororo-Taschenbuchformat. Als angehender Germanist und später als Dozent hatte er nach Verbindungslinien zwischen den Werken und dem Leben ihrer Autoren gesucht. Keines seiner eigenen literarischen Bücher hat er als „Roman“ verstanden wissen wollen. Das Hantieren mit Fragmenten vorgefundener Biographien, ihre Überformung und Collagierung mit Herbeizitiertem war seine bevorzugte Schreibtechnik. Oft tasten sich seine Erzählerfiguren in den Biografien, die sie erkunden vor, wie in einem Halbdunkel, in dem sie überrascht auf verborgene Zusammenhänge stoßen.
„Bei einer dieser Gelegenheiten, Clara war in die Stadt gefahren, gerieten wir, Dr. Selwyn und ich, in eine längere Unterhaltung, die davon ausging, daß Dr. Selwyn mich fragte, ob ich nie Heimweh verspüre. Ich wußte darauf nichts Rechtes zu erwidern, Dr. Selwyn hingegen machte nach einer Bedenkpause mir das Geständnis – ein anderes Wort träfe den Sachverhalt nicht –, daß ihn das Heimweh im Verlauf der letzten Jahre mehr und mehr angekommen sei. Auf meine Frage, wohin es ihn denn zurückziehe, erzählte er mit, er sei im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie aus einem litauischen Dorf in der Nähe von Grodno ausgewandert.“
Carole Angiers Biographie über diesen Virtuosen biographischen Erzählens heißt im Original „Speak, Silence. In Search of W.G. Sebald“. Der Titel ist eine Anspielung auf Vladimir Nabokovs Autobiographie „Speak, Memory“, die Ersetzung von memory durch silence ein starkes Signal. Das Verschwiegene soll zum Sprechen gebracht, der Mensch kenntlich gemacht werden, der hinter dem Werk steht.

Quellenkritische Suche nach dem Autor

Carole Angier erzählt die Lebensgeschichte ihres Helden von der Geburt im Allgäu im Mai 1944 bis zum Tod im Dezember 2001 in England, aber ihr Buch erreicht seinen Umfang von mehr als 700 Seiten vor allem dadurch, dass sie immer wieder lange Kapitel einschiebt, in denen sie quellenkritisch dem Biografen und Autobiografen Sebald nachspürt. Wie verhalten sich seine Erzählungen zu den mündlichen und schriftlichen Überlieferungen, die ihnen zugrunde liegen, wie passen die Auskünfte, die seine Ich-Erzähler über sich selber geben, zu den Daten und Fakten der Biographie Sebalds?
Im Mittelpunkt der Recherche steht das Buch „Die Ausgewanderten“, das im deutschen Original 1992 in der „Anderen Bibliothek“ Hans Magnus Enzensbergers erschien und dessen englische Ausgabe durch prominente Fürsprecher wie Susan Sontag zu einem internationalen Erfolg wurde. Es besteht aus vier langen Erzählungen, die alle die Namen ihrer Hauptfiguren im Titel tragen. Die erste handelt von Dr. Henry Selwyn, der als ehemaliger Vermieter des Erzählers eingeführt wird. Die Recherchen Carole Angiers ergaben, dass dieser Vermieter zwar bis hin zum Suizid viele biografische Details mit dem Dr. Seldwyn Sebalds teilt, nicht aber die Herkunft aus einer jüdischen Familie, die Sebald ihm zuschreibt, und die Flucht aus der litauischen Heimat nach Pogromen der Jahrhundertwende. Der reale Vermieter, der anders hieß, war ein durch und durch englischer Arzt und Naturforscher. Ein „Ausgewanderter“ war er nicht.

Eine treue Anhängerin

Als Angiers Buch im Original erschien, flammte in den Vereinigten Staaten rasch eine Debatte darüber auf, ob Sebald sich der unrechtmäßigen Aneignung jüdischer Opfererfahrungen schuldig gemacht habe.
Die britische Autorin Carole Angier ist 1943 in London geboren. Sie hat bereits Biografien über Jean Rhys und Primo Levi verfasst. Sie kannte Sebald, hat ihn rezensiert und interviewt. In ihren Recherchen kommt sie immer wieder der Radikalität auf die Spur, mit der er, auch durch Falschaussagen über seine Quellen in Interviews, den „effet de réel“ zu sichern suchte, den sorgfältig erzeugten Eindruck, seine Figuren und ihre Biografien seien dem Leben selbst nachgebildet. Aber sie schreibt durchgängig als seine treue Anhängerin und, wo es nottut, Verteidigerin.
„Es war die Tatsache, dass Sebald der deutsche Schriftsteller war, der die Last der deutschen Verantwortung für den Holocaust am tiefsten auf sich nahm, die mich zuerst zu ihm hinzog; obwohl der Holocaust bei weitem nicht die einzige Tragödie war, die er wahrnahm, so war er doch seine Tragödie, als Deutscher, als Sohn eines Vaters, der fraglos in Hitlers Armee gekämpft hatte. Es war auch meine Tragödie, als Tochter von Wiener Juden, die nur knapp dem Tode entronnen waren.“

Annäherung an Freunde und Verwandte

Carole Angiers Biografie ist im Kern ein Näheprojekt. Den toten Autor kann sie nicht mehr befragen. So sucht sie seinen Verwandten und Freunden möglichst nahe zu kommen. Die Schwestern geben ihr Aufschluss über die Kindheit in Wertach im Allgäu, Mitschüler berichten vom Lehrer an der Volksschule in Sonthofen, den Sebald in „Die Ausgewanderten“ in „Paul Bereyter“ verwandelte, und vom Oberrealgymnasium in Oberstdorf. Kommilitonen schildern seine Semester an der Universität in Freiburg von 1963 bis 1965, die er aus Unzufriedenheit mit der deutschen Germanistik verließ, um in der Schweiz weiterzustudieren. In Fribourg schloss er wenig später sein Studium mit einer Arbeit über Carl Sternheim ab. Deutschland hatte er schon verlassen, die ungeliebten, ihm allzu deutsch klingenden Vornamen Winfried und Georg auf die Initialen verknappt. 1966 begann er sich „Max“ zu nennen und ging nach England, zunächst als Lektor nach Manchester, dann als Doktorand und schließlich Dozent an die noch junge University of East Anglia in Norwich, wo er bis zum Ende seines Lebens blieb.
Auffällig ist Carole Angiers Bemühen, sich nachträglich den Freundeskreisen zuzugesellen. Aber nicht überall ist das Näheprojekt erfolgreich. Vor allem die Witwe Sebalds, aber auch einige seiner engen Freunde, mochten der Biografin keine Auskünfte geben. Und manche, wie Hans Magnus Enzensberger, der vor zehn Jahren, als Angiers Recherche begann, noch auskunftsfähig gewesen wäre, und den Hanser-Verleger Michael Krüger, hat sie nicht befragt. Auffällig kursorisch behandelt Carole Angier Sebalds Laufbahnschriften über Carl Sternheim und Alfred Döblin, die vor allem Polemiken gegen diese Autoren waren, ohne nähere Begründung schlägt sie sich am Ende ihres Referats über seine Attacke gegen Alfred Andersch auf seine Seite. In sehr groben Zügen schildert sie die Kontroverse, die Sebalds Polemik auslöste. Für die Verbindungslinien zwischen dem Auslandsgermanisten, der seine Disziplin herausfordert, und dem Erzähler Sebald interessiert sie sich kaum. Mit Blick auf das angelsächsische Publikum mag das plausibel sein, in der deutschen Ausgabe treten solcher Disproportionen hervor.

Die Biografie als Genreroman

Die Flucht nach vorn, die Carole Angier angesichts der Reserviertheit wichtiger Zeitzeugen antritt, führt zwar auch gelegentlich in die Archive, vor allem aber ins Melodram. Während die Ehefrau ein Schattenwesen bleibt, das als Replik auf seine mangelnder Auskunftsfreudigkeit nicht einmal einen Eintrag im Personenregister erhält, avanciert die französische Freundin Marie, die Sebald aus seinen Schülertagen kannte und in seinen letzten Lebensjahren wiedertraf, zur Hauptfigur einer Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der zerstörerischen Gewalt, die im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg deutsche Truppen gegen die Familie der Freundin ausgeübt hatte. Ihre Auskünfte verwandelt die Biografin in einen Genreroman, der die Wiederbegegnung bei einer Lesung in Paris so erzählt:
„Als Max eintrat, drehte sich die Zeit rückwärts. Er war ganz in Schwarz gekleidet mit einem weißen Kragen, genau wie der Priester, den sie sich vor einer halben Ewigkeit vorgestellt hatte. Und er sah – sie spürte es, wie ein Gewicht – tieftraurig aus. Er begann zu lesen, mit dieser Stimme, die sie nie vergessen hatte. Und während er las, suchten seine Augen die ganze Zeit die Zuhörermenge ab. Nach der Lesung trat sie auf ihn zu und nannte ihren Namen. ,Du bist es also!’, sagte er. Er legte seinen Arm um sie und sie gingen hinaus.“

W.G. Sebald - ein deutscher Schmerzensmann?

Zöge man die romanhaften Ausschmückungen und die spekulativen Passagen über das Innenleben Sebalds ab, etwa die Vermutung, es sei von der „Mirror-Touch-Synästhesie“ bestimmt gewesen, bei der Menschen die Empfindungen anderer als eigene erleben, so wäre diese Biografie erheblich schmaler. Erhalten bliebe aber die Grundthese, derzufolge das Werk Sebalds aus seiner einzigartigen seelischen Disposition hervorgeht.
„Warum war er derjenige, der für Deutschland litt, und über Deutschland hinaus für die ganze Welt?“
Wer so fragt, belastet Sebald mit einer Christus-Analogie, die nicht nur deshalb unangemessen ist, weil er früh aus der katholischen Kirche austrat und nie zur Religion zurückkehrte.  An den Sprachmanövern und rhetorischen Maskeraden, mit denen Sebald seine ästhetische Souveränität als Autor mit rücksichtsloser Konsequenz behauptete, ist diese Biografie zu ihrem Schaden allenfalls am Rande interessiert. Sie ist ein paradoxes Amalgam aus positivistisch-quellenkritischem Furor und demonstrativer Intimität mit ihrem Helden.
Carole Angier: „W.G. Sebald. Nach der Stille. Biografie“
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
Hanser Verlag, München. 720 S., 38 Euro.