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CAS-Urteil im Fall Veerpalu erschwert Dopingbekämpfung

Der Internationale Sportgerichtshof CAS hat die Doping-Sperre gegen den zweimaligen Skilanglauf-Olympiasieger Andrus Veerpalu aufgehoben. Der Este hatte gegen die Strafe durch den Internationalen Skiverband FIS geklagt. Der Freispruch bringt die Dopingbekämpfung in arge Nöte.

Von Heinz Peter Kreuzer | 01.04.2013

    Jetzt stehen den Betrügern Tür und Tor offen, weiter mit Wachstumshormon zu dopen. Diese Befürchtung haben nach dem Urteil im Fall Veerpalu viele Anti-Doping-Kämpfer. Der Internationale Sportgerichtshof CAS begründete seine Entscheidung mit Verfahrensmängeln, die zu einer "falschen" positiven Dopingprobe geführt haben könnten. In seiner Stellungnahme räumte der CAS zugleich ein, es gebe Hinweise, dass Veerpalu das Wachstumshormon HGH genommen haben könnte. In den USA hat das Urteil schon zur ersten Verweigerung geführt.

    Die Spielergewerkschaft der National Football League hatte sich schon in der Vergangenheit gegen die Kontrolle auf Wachstumshormon gewehrt und sieht sich nach dem CAS-Urteil im Recht. In einem Statement heißt es, "Dieses Urteil bestätige die Forderung der Spieler nach einer wissenschaftlichen Absicherung des Tests." Dagegen bezeichnet David Howman, Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA. die Spielergewerkschaft als Extremisten, sie würden seit Jahren die Kontrolle auf HGH blockieren. Zum Test sagt er:
    "Wir müssen jetzt erst einmal in aller Ruhe das Urteil überprüfen. Der CAS hat entschieden, dass der HGH-Test in Ordnung ist. Nur die Grenzwerte müssen mit Hilfe einer breiter angelegten Studie überprüft werden. Wir werden das im Vorstand beraten."

    Eine späte Reaktion, denn Mitte 2012 hatte das Deutsche Sportschiedsgericht im Fall des wegen HGH-Dopings angeklagten Radfahrers Patrik Sinkewitz den Freispruch ähnlich begründet. Professor Mario Thevis vom Kölner Zentrum für präventive Dopingforschung hatte schon damals gesagt:
    "Der eben angesprochene Test hat eine sehr hohe Sicherheit, was positive oder negative Aussagen angeht. Das heißt, wenn wir einen positiven Befund haben, dann kann man auch mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, das Wachstumshormon verabreicht wurde."

    Davon war die WADA bis zum Veerpalu-Urteil auch überzeugt. Der Schweizer Sportrechtler Stefan Netzle, der im Fall Veerpalu den Internationalen Skiverband und im Fall Sinkewitz die Nationale Anti-Doping-Agentur vertritt, erklärt das so…

    ".., dass man auf Seiten der WADA nach wie vor der Auffassung ist, das diese Feststellung nicht richtig ist, das es hier an wissenschaftlichem Sachverstand mangelt, aber man hat jetzt dieses Urteil."

    Im Fall Veerpalu denkt die Fis über eine Berufung nach, denn in diesem Fall hätten die Grenzwerte gar keine Rolle spielen dürfen, ist Netzle überzeugt:
    "Wir haben gerade im Fall Veerpalu eine eindeutige Überschreitung jeglicher Grenzwerte und auch wissenschaftlicher Erfahrungswerte. Also einfach gesagt: Der Herr ist nicht einfach mit 121 durch die 120er Zone gefahren, sondern mit 180. Und da stellt sich natürlich die Frage, ob man diese Grenzwertdiskussion nicht überbewertet wurde angesichts des doch klaren Überschreitens in diesem Fall."

    Die Methode selbst hatte das Sportgericht nicht beanstandet. Alle Argumente der Veerpalu-Seite, wie die erhöhten HGH-Werte zu erklären seien, seien vom CAS verworfen worden. Stefan Netzle:

    "Es wurden sämtliche anderen Möglichkeiten ausgeschlossen, es wurden alle Gegenargumente, die den Wachstumshormonwert erklären sollten seitens des Athleten wurden zurückgewiesen und gesagt, das ist nicht glaubwürdig. Also der Test als solcher der steht."

    In den Fällen Veerpalu und Sinkewitz geht es um den von Professor Christian Strasburger entwickelten sogenannten Isoformentest. Der basiert im Wesentlichen darauf, dass das im Körper produzierte Wachstumshormon nicht aus einer Form, sondern aus vielen Formen besteht. Und diese Zusammensetzung stellt eine Art Signatur dar. Künstliches Wachstumshormon besteht lediglich aus einer Form, nicht aus vielen verschiedenen. Und der Test, der gegenwärtig eingesetzt wird, kann genau das differenzieren.
    Obwohl der Isoformentest momentan attackiert wird, können sich Doper nicht sicher fühlen. Denn besonders nach Sport-Großereignissen werden die Proben oft nach Jahren mit verbesserten Methoden nachgetestet. Mittlerweile gibt es noch ein zweites Analyseverfahren für den Nachweis von Wachstumshormon. Der neue Biomarkertest zielt mehr auf den Effekt der Wachstumshormongabe ab. Das heißt, die Substanzen, die durch Wachstumshormongabe im Körper vermehrt produziert werden, werden quantitativ bestimmt. Liegen diese Substanzen außerhalb der Referenzbereiche, wird eine Dopingsperre ausgesprochen. Bei den Paralympics 2012 in London wurden zwei Behindertensportler mit dem neuen Verfahren des HGH-Dopings überführt. Beide waren geständig.