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Caster Semenya
Fünf ähnliche Fälle in der Leichtathletik

Diskussionen um die Mittelstreckenläuferin Caster Semenya bewegen die Leichtathletik. Hat sie zu starke körperliche Merkmale eines Mannes, um an Frauenrennen teilzunehmen? Um Semenyas Fall drehen sich die Diskussionen. Es gibt nach ARD-Recherchen allerdings mehrere Athletinnen mit ähnlichen Merkmalen.

Von Josef Opfermann | 24.02.2019

Caster Semenya bei der Leichtathletik-WM 2015 schaut grimmig
Caster Semenya bei der Leichtathletik-WM 2015 (imago)
"Wenn ich diese Sache weitergehen lasse - was passiert dann mit der nächsten Generation? Es wird sie auslöschen. Wir müssen diese Sache bekämpfen, genug ist genug", sagt die 800-Meter-Läuferin Caster Semenya. Seit Anfang der Woche kämpfen sie und ihr Verband am Internationalen Sportgerichtshof CAS gegen eine umstrittene neue Regel. Aufgestellt vom Leichtathletik-Weltverband IAAF. Demnach müsste Semenya sich medizinisch behandeln lassen, um weiter bei den Frauen starten zu dürfen. Ansonsten wäre für sie nur ein Start bei den Männern möglich.
Die IAAF erklärt, sie wolle durch die neue Regel die Leichtathletik fairer machen. IAAF-Präsident Sebastian Coe sagt: "Wenn Sie Frauen haben, juristisch Frauen, mit Hoden, die Testosteronspiegel produzieren, die in den männlichen Bereichen liegen, dann haben sie eindeutig einen massiven Vorteil."
Bisher stand Caster Semenya in der Öffentlichkeit nahezu allein da als Athletin mit nachweislich sogenannten Abweichungen in der geschlechtsspezifischen Entwicklung. Recherchen der ARD-Dopingredaktion zeigen jetzt: Es gibt mindestens neun Fälle in der Leichtathletik.
Aspekt der Menschenrechte
Und ein Dokument aus Kreisen des Weltverbandes IAAF belegt: fünf der neun Athletinnen weisen sogar nahezu die gleichen geschlechtlichen Parameter wie Semenya auf. Die neue IAAF-Regel für solche Athletinnen ist umstritten, und offenbar eine schwierige Abwägungsfrage.
Ross Tucker, Sachverständiger im CAS-Prozess erklärt: "Eine der grundlegenden Fragen in diesem Fall ist unter dem Aspekt der Menschenrechte, ob Behörden, in diesem Fall die IAAF, berechtigt wären, jemandem Medikamente aufzuzwingen. Auf der anderen Seite sagen diejenigen, die dieser Politik entgegentreten, "Warte mal, du pfuscht hier mit den Hormonspiegeln von Menschen herum, das wird definitiv negative Folgen haben."
Der Internationale Sportgerichtshof spricht von einer der grundlegendsten Entscheidungen seiner Geschichte. Im Semenya-Prozess am CAS wird Ende März eine Entscheidung erwartet.
"In empörender Weise gleichgültig mit den Daten von Sportlern umgegangen"
Der Leichtathletik-Weltverband steht indes noch bei einem anderen Thema im Fokus. Dem Datenschutz. ARD-Recherchen belegen: der Verband hat mehrfach ermöglicht, dass sensible medizinische Daten von etlichen Sportlerinnen öffentlich wurden.
Der größte potenzielle Verstoß: Eine Studie identifiziert knapp 50 Athletinnen, legt offen in welchem Bereich sich ihre Testosteronwerte bewegen. Darunter Olympiasiegerinnen und Weltmeisterinnen. Der profilierte deutsche Datenschützer Stefan Brink sagt dazu:
"Da ist in dem Fall unvorsichtig, nachlässig, in empörender Weise gleichgültig mit den Daten von Sportlern umgegangen worden."
Demgegenüber erklärt der Weltverband IAAF, die veröffentlichten Daten seien so anonymisiert worden, dass keine individuellen Athletendaten identifiziert werden könnten.
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