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StartseiteEuropa heuteBrandbrief aus der Banlieue08.07.2019

Chancengleichheit in FrankreichBrandbrief aus der Banlieue

Es geht um schlechte Lernbedingungen und gesellschaftliche Benachteiligung. Ein Le-Monde-Artikel von Schülern aus Épinay-sur-Seine nördlich von Paris hat in Frankreich eine Debatte über die Entwicklung der Vororte entfacht. Viele Jugendliche aus der Banlieue empfinden sich als Bürger zweiter Klasse.

Von Suzanne Krause

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Hochhaussiedlung in Drancy, aufgenommen am 19.11.2015. (picture alliance / dpa / Peter Zschunke)
Die Sozialbauviertel gelten in Frankreich landesweit als Brutstätte von Kriminalität, Drogen und Gewalt. (picture alliance / dpa / Peter Zschunke)
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Auf den ersten Blick wirkt das Lycée Jacques-Feyder einladend. Halbversteckt hinter Bäumen stehen mehrere fünfstöckige Flachbauten. Linkerhand trennt eine hohe Hecke das Schulgelände von einem Plattenbau-Ensemble aus den 1970er Jahren. Rechterhand jedoch ist Baustelle. Ein Internatsbau wird hochgezogen, dahinter wurden containerartig Fertigbauten übereinander gestapelt: Die provisorischen Klassenzimmer. Denn seit letztem September wird die Oberschule rundum saniert, erzählt Leila Said auf dem Pausenhof. Die 16-Jährige, Tochter sudanesischer Einwanderer, will nächstes Jahr Abitur machen. Trotz der widrigen Umstände:

"Die Fertigbauten sind für den Unterricht nicht geeignet, sie sind so hallig, dass man kein Wort verstehen kann. Wenn die Sonne runterknallt, heizen sie sich auf. Zu Schuljahresbeginn waren wegen der Sanierung alle Toiletten dicht. Es hieß, wir sollten im Falle eines dringenden Bedürfnisses nach Hause gehen. Unter solchen Umständen zu lernen ist alles andere als normal. Wir haben das hingenommen. Das hätten wir besser nicht getan."

Franzosen zweiter Klasse?

Eine Erkenntnis, die Leila Said dem Schreibworkshop verdankt, den eine Lehrerin in diesem Schuljahr angeboten hat. Da entstand ein Text zum komplizierten Schulalltag, im Rahmen einer landesweiten Initiative des Kollektivs Solidarité Laique – ein Zusammenschluß von Gewerkschaften und mehreren Akteuren im Bildungsbereich. Im Workshop haben sie zu elft am Text gearbeitet, sagt Leila Said:

"Wir haben viel diskutiert und festgestellt, dass uns zweierlei miteinander verbindet. Wir sind französischer Staatsangehörigkeit und im Gymnasium. Letztendlich sprechen wir in unserem Text ein Grundsatzthema an: Wir in den Vorstädten haben geringere Bildungschancen als Gleichaltrige in Paris."

Öffentliche Studien untermauern dieses Bild von den schwierigen Zuständen an den Brennpunktschulen. Oftmals sind dort junge, unerfahrene Lehrer im Einsatz. Zudem gelten die Sozialbauviertel landesweit als Brutstätte von Kriminalität, Drogen und Gewalt. Den Jugendlichen aus Epinay-sur-Seine geht es somit nicht nur um den Ärger über einen Schulalltag mit Baustelle, sondern vor allem um ihre Chancen. Als Vorstadtbewohner mit Migrantenhintergrund fühlen sie sich stigmatisiert, degradiert zu Franzosen 2. Klasse. Und damit haben sie in Frankreich einen Nerv getroffen.

Seit der Veröffentlichung ihres Textes in der Zeitung Le Monde haben die Teenager Interviews in Radio, Fernsehen, Zeitungen gegeben und wurden spontan zu einer Veranstaltung in der Nationalversammlung eingeladen. Selbst Alain Canonne vom Kollektiv Solidarité Laique ist vom Echo überrascht:

"Viele Leute hat der Text sehr berührt. Ein Gewerkschaftsboss hat mir verraten, er habe beim Lesen geweint."

Ehrgeiziges Programm der Regierung

Zwar will die Macron-Regierung Kindern in Brennpunktvierteln bessere Startchancen geben, zum Beispiel mit kleinen Klassen von je 12 Kindern für die Schulanfänger. Dennoch bleibt der Nachholbedarf betreffs Chancengleichstellung immens. Der Schreib-Workshop jedenfalls hat bei Alissa Hezdjef politisches Bewusstsein geweckt:

"Es war anfangs sehr schwierig, in Worte zu fassen, was man uns mit den Bauarbeiten in der Schule zumutet. Und als uns das gelang, war es wie eine Ohrfeige. Da wurde ich stinksauer. Das Schreiben hat mir geholfen, damit umzugehen."

Den Glauben an die französische Republik hat Mitschülerin Leila Said nicht verloren: Sie will Grundschullehrerin werden. Bildung, sagt sie, sei das wichtigste im Leben.

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