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Chaos um das Chaos im Kopf

Rund 300 verschiedene psychische Leiden zählt das Krankheitslexikon DSM-5 auf. Vor 100 Jahren kannten die Nervenärzte gerade mal ein einziges. Eine neue Studie deutet nun darauf hin, dass die Zahl der Gefahren, die dem menschlichen Hirn drohen, womöglich überschätzt wird.

Von Michael Brendler | 22.10.2013

Was macht Menschen seelisch krank? Die antiken Griechen sahen einst üble Säfte am Werk, die Mönche des Mittelalters den Teufel. Markus Nöthen sucht heute die Wurzeln von Phobie, Manie und Schizophrenie in den Genen.

Mit 370 internationalen Kollegen hat sich der Leiter des Instituts für Humangenetik der Uniklinik Bonn zu einem Konsortium zusammengeschlossen. Das Ziel: Gemeinsam im Erbgut die Schwachstellen zu finden, die Menschen für psychische Krankheiten anfällig machen. Im Fachblatt "Nature Genetics" präsentierten die Forscher kürzlich einen Zwischenbericht. Das überraschende Ergebnis:

"Was bei dieser Studie herausgefunden wurde ist, dass zwischen den großen Diagnosen in der Psychiatrie, also der manisch-depressiven Erkrankung, den schizophrenen Störungen, der Depression, dem Aufmerksamkeitsdefizienzsyndrom und den Erkrankungen aus dem Autismus-Spektrum, gewisse Überlappungen bestehen. Das heißt, dass dieselben genetischen Faktoren, die zur schizophrenen Störung beitragen,auch zu einem erheblichen Maß zur manisch-depressiven Erkrankung beitragen und das geht genauso in die andere Richtung."

Genetisch sind die Erkrankungen also eng miteinander verwandt und zu Teilen sogar identisch. Markus Nöthens Schlussfolgerung:

"Aufgrund der neuesten genetischen Erkenntnisse deutet sich an, dass die bisherigen Diagnosen in der Psychiatrie wieder überarbeitungswürdig sind. Man wird sicherlich manche Grenze, die man bis jetzt zwischen Krankheiten zieht, nicht mehr ganz so aufrechterhalten können."

Der Genetiker trifft damit einen wunden Punkt. Seit 100 Jahren wächst die Zahl der Diagnosen rasant. Vor dem ersten Weltkrieg kannten viele Nervenärzte nur eine einzige. Zwar kamen auch ihre Patienten mit unterschiedlichen Symptomen. In ihrem Kopf – so die damalige Lehrmeinung – war aber dieselbe Krankheit am Werk. Danach begannen die Mediziner, diese unterschiedlichen Symptome zu unterschiedlichen Diagnosen zusammenzufassen – und immer neue Krankheiten zu erfinden.

Das grundlegende Problem: Es gibt kein Verfahren, mit dem die Mediziner messen können, was genau im Kopf ihrer Patienten schief läuft. Entscheidend für die Diagnose ist vor allem das, was man beim Patienten hört und sieht – ein schwammiges Kriterium. Auf der Suche nach härteren Maßstäben setzen die Nervenärzte ihre Hoffnung nun in die Gene.

Denn es besteht kaum noch ein Zweifel: Das Erbgut spielt eine Schlüsselrolle bei der Entstehung seelischer Krankheiten:

"Bei Depressionen geht man etwa davon aus, dass eineiige Zwillinge in etwa 60 bis 70 Prozent beide erkranken, wenn beide Eltern an einer Depression erkranken, dann ist es ungefähr so, dass 40 bis 50 Prozent der Kinder erkranken und bei Geschwistern etwa 20 bis 25 Prozent. Das sind schon gewichtige und erhebliche Zahlen, die für die meisten Erkrankungen zutreffen",

sagt Mathias Berger, der Chef der Psychiatrie der Uniklinik Freiburg

Nur, was nicht ins Bild passen will: Immer wieder fällt auf, dass es bei der Vererbung wild durcheinander geht: So entwickeln selbst enge Verwandte von Patienten oft ganz andere psychiatrische Krankheiten. Auch die Symptome passen oft nicht in das Raster, das das Lehrbuch vorgibt: Manisch-Depressive haben immer wieder Wahnvorstellungen, bei schizoaffektiven Patienten gehen sogar Depression und Schizophrenie Hand in Hand.

Mit den genetischen Übereinstimmungen haben Nöthen und seine Kollegen eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen geliefert:

"Welche genetische Information haben wir bei dieser Untersuchungen in den Blick genommen? Das waren häufige Varianten im menschlichen Genom, die sogenannten Snips, das sind Stellen im menschlichen Genom, wo sich Menschen unterscheiden und nur bezogen auf eine einzelne Basen."
Im Erbgut von rund 75.000 kranken und gesunden Menschen fahndeten die Forscher nach solchen Mikromutationen. Nach Snips, die vor allem bei psychisch Kranken auftreten. Anschließend wurden die Daten der Versuchspersonen zusammengeführt und verglichen. Das Ergebnis überzeugt Mathias Berger nicht.

"Es gibt ja mehrere Hunderttausende von Snips. Und bei diesen genetischen Studien, die bisher vorliegen, findet man dann mal gemeinsame Veränderungen, die dann ein bis zwei Prozent der Schizophrenen oder bipolaren Erkrankungen erklären, sodass wir hier wirklich noch an einem Anfang sind. Dass die Genetik nun eine ganz neue Krankheitsordnung hervorrufen wird und die bisherigen Diagnosen über den Haufen wirft, das halte ich für sehr unwahrscheinlich."

Doch das Konsortium hat bereits die nächste Veröffentlichung angekündigt. Allein für die Schizophrenie soll die Zahl der potenziellen Krankheitsgene von etwa zehn auf mehrere Hundert ansteigen. Zumindest die Suche nach den genetischen Ursachen seelischer Erkrankungen käme damit wohl einen großen Schritt voran.