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StartseiteWirtschaft und GesellschaftDienstleistung statt Kohle20.08.2015

ChinaDienstleistung statt Kohle

Der chinesische Staatskohlekonzern Shenhua senkt seine Fördermengen im eigenen Land. Auch, weil das politisch gewollt ist, um die Umwelt- und Luftverschmutzung einzudämmen. Es bahnt sich ein Weg von der energieintensiven Export- und Schwerindustrie in Richtung Dienstleistungen und Hightech an.

Von Markus Rimmele

Blick auf das Hauptquartier der Shenhua Group in Peking, der größte chinesische Kohleproduzent. Ein überwiegend graues Hochhaus vor grauem Hintergrund mit dem Namen des Konzerns in weißer Leuchtschrift.
Blick auf das Hauptquartier der Shenhua Group in Peking, der größte chinesische Kohleproduzent

Die Stromgeneratoren im Kohlekraftwerk von Waigaoqiao. Hier in der menschenleeren gigantischen Halle entsteht Elektrizität für die 25-Millionen-Metropole Shanghai. Das Kraftwerk in Waigaoqiao ist modern, nach Angaben der Betreiber mit einem Wirkungsgrad von 46 Prozent gar das effizienteste Kohlekraftwerk der Welt. Der Brennstoff wird also optimal ausgenutzt, Kohle gespart. Es setzt Maßstäbe für ganz China.

"Im Oktober hat die Energiebehörde einen neuen Sechsjahresplan angekündigt. Bis 2020 sollen alle ineffizienten Kraftwerke in China aufgerüstet sein."

Sagt der Geschäftsführer der Anlage Feng Weizhong. "Das ist ein ehrgeiziger Plan. Wenn das gelingt, wird die durchschnittliche Effizienz der Anlagen in China höher sein als die der besten Kraftwerke in den USA."

China will seinen Kohleverbrauch senken. Vor allem, um sein katastrophales Smog-Problem zu lösen, aber auch um des Weltklimas willen. 65 Prozent seiner Energie bezieht das wirtschaftlich wachsende Land noch aus dem fossilen Brennstoff. Doch der Anteil sinkt. Selbst in absoluten Zahlen nimmt der Kohleverbrauch offenbar ab. Lange hieß es, er werde noch einige Jahre lang ansteigen, der Zenit erst im nächsten Jahrzehnt erreicht. Jetzt scheint alles viel schneller zu gehen. Ein Bericht des Greenpeace Energy Desk zum Kohleverbrauch der Volksrepublik ist durchweg optimistisch. Li Yan ist zuständig bei der Umweltschutzorganisation für den Bereich Klima und Energie in Ostasien:

"Im vergangenen Jahr ist Chinas Kohleverbrauch zum ersten Mal in diesem Jahrhundert gesunken, nämlich um 2,9 Prozent. Und in den ersten vier Monaten dieses Jahres ging der Verbrauch sogar um 7,7 Prozent zurück im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Was wir hier sehen, ist kein temporäres Phänomen, sondern ein andauernder, systematischer Rückgang des Kohleverbrauchs."

1.200 Kohleminen werden geschlossen

China will in diesem Jahr insgesamt 1.200 Kohleminen im Land schließen, um Überkapazitäten abzubauen. Viele der Minen sind ohnehin illegal. Der größte Kohleproduzent des Landes Shenhua liefert weniger Kohle als im vergangenen Jahr. Auch der Kohleimport sinkt.

Dem Greenpeace-Bericht zufolge bahnt sich in der Volksrepublik ein fundamentaler Wandel an. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Chinas Wirtschaft wächst immer langsamer und durchläuft einen langfristigen Strukturwandel. Weg von der energieintensiven Export- und Schwerindustrie, hin zu Dienstleistungen und Hightech.

"Die Schwerindustrie wie Stahl und Zement verzeichnet einen Rückgang", sagt Li Yan von Greenpeace. "Stattdessen wächst die höherwertige Produktion. Dadurch nimmt der Energiebedarf ab. Chinas Wirtschaft wächst noch immer schnell. Aber was wir hier erleben, ist die Entkopplung des Wachstums vom Kohleverbrauch."

Großer Unbekannter: der Verbraucher

Effizientere Kohlekraftwerke sind eine Methode, um den Verbrauch zu senken. Ein anderer ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien. Peking investiert mehr in Wind, Sonnen- und Wasserkraft als jedes andere Land – seit 2011 hat es seine installierten Kapazitäten in Wind- und Sonnenenergie allein verzweieinhalbfacht. Der regierungsnahe Think Tank Energy Foundation China glaubt, dass im Jahr 2030 die Hälfte der chinesischen Energie aus nicht-fossilen Quellen kommen könnte.

Die große Unbekannte sind dabei allerdings Chinas Verbraucher. Die Industrieproduktion mag immer weniger Energie fressen. Doch die Ansprüche von 1,4 Milliarden Chinesen werden rasant steigen. Und damit der Energiebedarf. Können Sonne, Wind, Wasser und Atomkraft dieses Wachstum abdecken? Die Antwort darauf wird eine große Bedeutung fürs Weltklima haben.

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