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China
Kampf gegen Kapitalflucht verunsichert ausländische Firmen

Die ausländischen Firmen in China bekommen die zunehmende Angst der Führung in Peking vor Kapitalflucht und einem Währungsabsturz deutlich zu spüren. Das Gerücht machte die Runde, die Behörden wollten Unternehmen daran hindern, größere Geldbeträge ins Ausland zu überweisen. Die zuständige Behörde dementierte - doch die Verunsicherung bleibt.

Von Steffen Wurzel | 19.12.2016

    Shanghai
    Der wichtigste Lobbyverband der europäischen Wirtschaft in China, die Europäische Handelskammer, sitzt in Shanghai. (imago stock&people )
    Nicht schriftlich, sondern nur mündlich erfuhren die Banker vom neuen Kurs der Shanghaier Devisenkontrollbehörde. Sie teilte den Finanzmanagern mit, dass ab sofort alle Zahlungen ins Ausland ab einem Wert von fünf Millionen US-Dollar von der Behörde gesondert geprüft und genehmigt werden müssen. Entsprechend: große Verunsicherung - auch bei ausländischen Firmenvertretern in China.
    "Wir haben von Mitgliedern gehört, teilweise von Banken, teilweise von Firmen-Mitgliedern, dass Auslandsüberweisungen verzögert werden."
    Ioana Kraft, Geschäftsführerin der Europäischen Handelskammer in Shanghai. Auch der wichtigste Lobbyverband der europäischen Wirtschaft in China wurde kalt erwischt:
    "Das ist schon überraschend. Seit 2001 hat man solche Taktiken nicht mehr gesehen. Damals wurden solche Auslandszahlungen ja erlaubt und seitdem hat man hier in dem Glauben investiert, dass das Geld rauskommt und man Auslandsüberweisungen machen kann, deswegen ist das schon eine Überraschung."
    Peking fürchtet Kontrollverlust über die Währung
    Freitag vor zehn Tagen dann verschickte die zuständige Shanghaier Aufsichtsbehörde eine kurze Mitteilung, in der sie klarstellte: Alles halb so wild. China werde rechtmäßige und den üblichen Abläufen entsprechende Auslandsüberweisungen nicht stoppen, so die selbst für chinesische Behördensprache komplizierte und deswegen nur schwer zu übersetzende Formulierung. Beruhigen konnte diese Mitteilung die Betroffenen nicht, im Gegenteil. Fragt man bei deutschen Firmen in China nach, heißt es fast überall: kein Kommentar.
    Das nebulöse Vorgehen der chinesischen Aufsichtsbehörden ist typisch. Ohne konkrete Regeln oder Anweisungen wird eine starke Nachricht gesendet. In diesem Fall richtet sie sich erstens an die Wirtschaft nach dem Motto: Wir schauen uns genau an, ob ihr möglicherweise unrechtmäßig Geld ins Ausland verschiebt. Zweitens wird der eigenen Bevölkerung suggeriert: China geht mit harter Hand gegen Kapitalflucht vor.
    "Ausländische Finanz- und Wirtschaftsmanager, die ernsthaft glaubten, China werde eine Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild, bei der man schnell mal einfach auf einen Knopf drückt, so eine Milliarde Dollar überweist, denen muss man sagen: Das wird niemals passieren, so lange sich das politische System in China nicht ändert."
    "Eine große Beeinträchtigung für ausländische Unternehmen"
    Andy Xie, Wirtschaftsanalyst und -Kolumnist in Hongkong. Er sagt: Die schärferen Finanzkontrollen passen ins Bild, schließlich habe sich die Lage für die freie Wirtschaft generell verschlechtert in China. Die zunehmende Angst der Führung in Peking vor einem Währungsabsturz und die schwindenden Devisenreserven verschlimmerten die Situation noch:
    "Jede Wirtschaftskrise in einem Schwellenland beginnt mit einer Kapitalflucht und einem Währungsabsturz. In Peking fürchtet man sich, dass ein Kontrollverlust über die Währung das ganze System destabilisieren könnte. Das ist der ultimative Albtraum. Dagegen kämpft die Führung in Peking gerade an."
    Und diesen Kampf bekommen auch ausländische Firmen zu spüren. Als "Kollateralschaden" bezeichnet das Ioana Kraft von der Europäischen Handelskammer:
    "Die Auswirkungen sind noch nicht klar. Wir sehen nur die Schwierigkeiten, die bereits kurzfristig zu höheren Kosten führen. Ich denke nicht, dass die Maßnahmen auf ausländische Firmen abzielen, aber dass sie sicherlich eine große Beeinträchtigung für ausländische Unternehmen hier sind."