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StartseiteKultur heuteAnders ticken12.04.2019

„Chinchilla Arschloch, waswas“ am Schauspiel FrankfurtAnders ticken

Das Regie-Team "Rimini Protokoll" testet immer wieder ästhetische Grenzen. Die jüngste Produktion widmet sich dem Tourette-Syndrom. Das besteht aus unwillkürlichen Bewegungen, Tics und unkontrollierten, teils obszönen Sprachäußerungen. Führt das Stück Krankheit vor? Nein, es feiert das Wunderwerk Mensch.

Von Shirin Sojitrawalla

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Die Darsteller Barbara Morgenstern, Benjamin Jürgens und Christian Hempel (v.l.n.r.) in der Inszenierung "Chinchilla Arschloch, waswas. Nachrichten aus dem Zwischenhirn" von Rimini Protokoll am Schauspiel Frankfurt (Robert Schittko)
Darsteller in der Inszenierung "Chinchilla Arschloch, waswas" am Schauspiel Frankfurt (Robert Schittko)
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Wenn Menschen mit Behinderung auf Theaterbühnen stehen, ist der Vorwurf, sie würden ausgestellt und vorgeführt, nie weit. "Freakshow", heißt es dann oft. Das könnte man auch der neuen Produktion von Helgard Haug von "Rimini Protokoll" vorwerfen, die drei Menschen mit Tourette in den Mittelpunkt stellt -einer Nervenkrankheit, die zu plötzlichen Zuckungen und Lautäußerungen führt.

Der Altenpfleger Benjamin Jürgens etwa, der zu Anfang im Scheinwerferkegel im Publikum sitzt, zuckt immer wieder mit dem Kopf, stößt Miaulaute und Räusperer hervor – im Alltag verstörend, im Theater ein Hingucker. "Wir geben einem Symptom die Bühne. Wir geben der Bühne ein Symptom", sagt die Musikerin Barbara Morgenstern gleich zu Beginn. Auf der Bühne im Bockenheimer Depot sind drei weiße Podeste aufgebaut, darauf orangefarbene Sitzgelegenheiten und ein Flügel. Im Vordergrund wartet ein E-Piano. Rund um die Spielfläche stehen einige Leinwände, auf denen Wortkaskaden abgebildet werden - und Kurznachrichten-Dialoge.

Theaterbesuch als Geschenk

Außer Jürgens sind auch noch Christian Hempel, von Beruf Mediengestalter, sowie Bijan Kaffenberger, der für die SPD im Hessischen Landtag sitzt, mit von der Partie. Während Letzterer körperliche Tics hat, hat Hempel Koprolalie: Er schleudert unkontrolliert obszöne Wörterketten aus sich heraus - im Alltag hinderlich, auf der Bühne ein Brüller. Alle drei sind Experten ihres Alltags. So erzählt etwa Jürgens, was ein Theaterbesuch für ihn bedeutet:

"Ich versuche auch zu vermeiden, ins Theater zu gehen. Das ist alles viel zu eng, zu viele Regeln, zu viele Konventionen zu viele Erwartungen. Die einen sitzen hier im Dunklen und müssen still zuschauen, während die da vorne auf der Bühne versuchen, ihr Bestes zu geben. Dann hat sich meine Ex-Frau aber was ‘Immaterielles’ zu ihrem Geburtstag gewünscht (…), ein besonderes Geschenk. Und ich hab ihr einen Theaterabend geschenkt."

Leben vorstellen

In 28 Szenen stellt der ebenso vielschichtige wie kurzweilige Abend die Männer und ihr Leben vor - und konfrontiert gleichzeitig die Zuschauerinnen und Zuschauer mit sich selbst, indem er das Zuschauen zum Thema macht: Ist das Tourette oder Absicht? Ist das noch Zuschauen oder schon Gaffen? Tic oder Timing? Krankheit oder Kunst?

Entlang dieser Fragen entwickelt der Abend seine überwiegend komischen Szenen. Das Schöne dabei: Hier lachen nicht die einen über die anderen, sondern alle miteinander. Ein Höhepunkt ist das Duell "Wer tict zuerst?", nachempfunden dem beliebten Kinderspiel "Wer blinzelt zuerst?". Jürgens und Hempel stellen sich dazu voreinander auf und versuchen, nicht zu zucken oder sonst wie aus der Rolle zu fallen, was zu herrlichen Verrenkungen und unvorhersehbaren Pointen führt. Als Schiedsrichterin fungiert Barbara Morgenstern, die mit ihren Liedern und elektronisch gesampelter Untermalung den Abend musikalisch zusammenhält. Sie führt immer wieder vor, dass Musik eine beruhigende Wirkung hat. Jürgens etwa ist langjähriges Mitglied einer Band und singt, mit dem Rücken zum Publikum, einen gefühlvollen Song. Später dann dichtet Morgenstern aus Hempels Schimpfworten ein eigenes Liebeslied.

Wunderwerk Mensch

Bei aller Unterhaltsamkeit und Komplexität des eineinhalbstündigen Abends, bleiben viele Fragen offen: nach Ursachen, Folgen und Alltäglichkeiten. Dafür gelingt es aber, den Theaterraum als utopischen Raum zu denken. Immer wieder verhandeln die drei Akteure, was sie brauchen, wie sie sich schützen, sich zurückziehen. Sie erzählen von den Bedingungen, die sie gestellt haben, als sie gefragt wurden, Teil der Produktion zu werden.

Wie die Welt oder auch bloß die Theater wohl aussähen, wenn sie so eingerichtet wären, dass sich alle wohlfühlten? Auch diese Frage schwebt an dem Abend mit. Er ist keine "Freakshow" geworden, wiewohl er natürlich die Schaulust befriedigt. "Chinchilla Arschloch, waswas" feiert nicht das Anderssein, sondern das Wunderwerk Mensch. Hier wird niemand vorgeführt; hier präsentieren sich erwachsene, klar denkende Menschen in all ihrem Beschädigtsein und in all ihrer Schönheit.

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