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StartseiteKultur heute"Die früheste ambivalente Empfindung des Menschen"29.07.2020

Christian Metz über das Kitzeln"Die früheste ambivalente Empfindung des Menschen"

Kitzeln erzeugt extreme Gefühle: Lust und lautes Lachen, aber auch Abwehr, Scham oder Schmerz. Und es ermöglicht, Nähe und Distanz im selben Augenblick erleben zu können, beschreibt Buchautor Christian Metz im Dlf.

Christian Metz im Gespräch mit Änne Seidel

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Porträt von Christian Metz. (S. Fischer Verlag / Markus Kirchgessner)
Experte für den Kitzel und das Kitzeln: Der Literaturwissenschaftler Christian Metz (S. Fischer Verlag / Markus Kirchgessner)
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Das Kitzeln ist weit mehr als ein harmloses Kinderspiel. Es ist eine hoch ambivalente Sache. Das Kitzeln erzeugt nämlich auch einen Abwehrreflex. Der oder die Gekitzelte will flüchten und sich vor den kitzelnden Händen in Sicherheit bringen. Es geht also gleichzeitig darum, den Anderen ganz nah an sich heran zu lassen – und darum, ihn oder sie auf Distanz zu halten. Beim Kitzeln lernen wir etwas fürs Leben, sogar gleich zwei Dinge auf einmal: Wir lernen, Nähe zuzulassen und Distanz zu wahren.

Das bestätigte in der Interviewreihe "nah und fern" der Literaturwissenschaftler und Kitzel-Experte Christian Metz:
"Das Kitzeln ist die kleinstmögliche Einheit von Nähe und Distanz. Es ist so etwas wie das Einüben von Distanz in der Nähe, das schon in ganz früher Kindheit eingeübt und empfunden werden kann."

Christian Metz, geboren 1975, ist Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker. Ein Schwerpunkt seiner Forschung ist die Gefühls- und Empfindungskultur im Aufeinandertreffen von Literatur, Biologie und Philosophie. Er hat über das Kitzeln und über den Kitzel ein Buch geschrieben: "Kitzel: Genealogie einer menschlichen Empfindung", erschienen bei fischerverlage.de. Im Februar erhielt Christian Metz den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 2020 für die "Verbindung aus gelehrter Expertise und stilistischer Brillanz", so die Jury. 

Die Grenzüberschreitung ist beim Kitzeln Teil des Spiels, wenn der andere weitermacht, obwohl der oder die Gekitzelte "Aufhören!" ruft. Metz stellt den Zusammenhang zur MeToo-Debatte und damit eine politische Dimension her und meint: "Da stellt einen das Kitzeln tatsächlich vor ein Problem." Kitzeln sei von Empfindungen von Scherz und Lust zugleich geprägt.

Das Problem ist, dass das Nein beim Kitzeln – im Gegensatz zu den anderen Debatten von Übergriffigkeit auf den Körper - nicht so ein "unbedingtes" Nein" sei. "Und damit kann es missbraucht werden. Oder umgekehrt: Es bedarf einer besonderen Verantwortung des Kitzelnden gegenüber dem Gekitzelten."

In einer Glaskugel spiegelt sich die Adriaküste, die im Hintergrund nur unscharf zu sehen ist. (imago images / Shotshop) (imago images / Shotshop)Gesprächsreihe - nah und fern
Nähe und Distanz sind keine feststehenden Größen. Wo das eine aufhört und das andere beginnt, empfindet jeder anders. Und jede Disziplin, jede Kunstgattung geht auf ihre Weise damit um.

Das Kitzeln sei die früheste ambivalente Empfindung, zu der der Mensch fähig ist, das "Elementarteilchen des Ambivalenten", wie Metz sagt. Es sei ernsthaftes Handwerk und Kulturtechnik zugleich. Das Kitzeln brauche nämlich eine "beobachtende Nähe, also Distanz", um genau das richtige Maß zu finden.

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