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StartseiteLange NachtChronist der Gefühle11.02.2012

Chronist der Gefühle

Eine Lange Nacht über Alexander Kluge zum 80. Geburtstag

Im Jahr 2003 erhielt Alexander Kluge, geb. 1932, den Georg-Büchner-Preis für sein umfangreiches literarisches Werk. In seinen Geschichtensammlungen "Chronik der Gefühle" malt er ein weit gefächertes Panorama menschlichen Lebens und sucht die Lücken menschlicher Freiheit in einer diabolischen Geschichte: "Wohin fliehen? Was heißt Macht? Wem kann man trauen?"

Von Jochen Rack

Deuter seiner Zeit: Alexander Kluge (AP)
Deuter seiner Zeit: Alexander Kluge (AP)

Ereignissen des Zeitgeschehens wie dem 11.9.2001, dem Irakkrieg oder dem kapitalistischen Boom in China sinnt er ebenso nach, wie privaten Geschichten von der Liebe, der Familie oder seiner Herkunft aus Halberstadt.

In den 60er- bis 80er-Jahren drehte Kluge 23 Filme, darunter so bekannte wie "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" (1968) und "Deutschland im Herbst" (1978).

Mit dem Soziologen Oskar Negt schrieb er "Geschichte und Eigensinn"; fürs Fernsehen produziert er regelmäßig Kulturmagazine.

Mit Sicherheit ist Kluge nicht nur einer der produktivsten, sondern auch gelehrtesten und engagiertesten Intellektuellen Deutschlands.

In der "Langen Nacht" gibt er Auskunft über die Rolle der Gefühle im Geschichtsprozess, die Globalisierung wie die jüngsten Kriege, gewährt aber auch Einblicke in den privaten Hintergrund seines Schaffens.


Homepage von Alexander Kluge

Alexander Kluge bei Wikipedia

Auszug aus dem Manuskript:

Alexander Kluge (aus Interview 2000):
"Also Chronik ist ja etwas ganz Klares: Zu meiner Lebenszeit, die ich bewusst erlebt habe, gibt es viele Ereignisse, da gibt es das Jahr 1945 genauso wie die Spiegelkrise von 1962, da gibt es die studentische Protestbewegung, da gibt es das Ende dieser Protestbewegung, es gibt den Beinahe-Dritten-Weltkrieg Anfang der achtziger Jahre, also die Konfrontation der Raketenkrise, es gibt das Jahr 1989, das zusammen mit dem Jahr 1991, in dem das russische Imperium zusammenbricht, doch eigentlich der Welt ganz andere Konturen gegeben hat. Das sind die Romane, die dieses Jahrhundert erzählt. Es sind auch schreckliche Romane, wie der erste Weltkrieg, der zweite Weltkrieg, und Auschwitz. Kollektive Romane, und jetzt stehen wir vor einer Art Eröffnungsbilanz für das 21. Jahrhundert und fragen, was ist eigentlich passiert? Und das ist die Funktion einer Chronik, dass man sich klarmacht: Wo war ich, als Kennedy starb? Und da kann man sich entscheiden für eine objektive Chronik, eine Chronik der Ereignisse oder eine Chronik der Gefühle: das was subjektiv stattgefunden hat. Und diese Subjektivität, die scheint mir das Dauerhaftere, wenn Sie so wollen: das materiellere Element. Diese Gefühle sind einerseits äußerst anpassungsfähig und sie halten sehr viel aus an Not und Leid, gleichzeitig sind sie das Hartnäckigste, das Betonähnlichste, was ich kenne, weil sie sich auch über 2000 Jahre in den Grundannahmen nicht ändern."

Als John F. Kennedy im Jahr 1963 starb, lehrte Alexander Kluge an der Hochschule für Gestaltung in Ulm und leitete mit Edgar Reitz die Abteilung für Filmgestaltung. Im selben Jahr gründete er seine Produktionsfirma Kairos-Film. Das Oberhausener Manifest war im Jahr vorher erschienen, eine Unabhängigkeitserklärung junger deutscher Filmemacher. Die gesellschaftlichen Gefühle waren in Bewegung, die unruhigen 60er Jahre hatten begonnen, und Alexander Kluge, der damals Anfang dreißig war, machte die ersten Schritte in seiner Karriere als Filmemacher und Schriftsteller. Dass er zu einem Chronisten der Bundesrepublik und hochgeschätzten literarischen Autor werden würde, konnte er damals noch nicht ahnen. Zu viele Talente lagen noch im Wettstreit miteinander.

Studiert hatte Kluge, geboren 1932, Rechtswissenschaft, Geschichte und Kirchenmusik in Freiburg, Marburg und Frankfurt am Main. 1958 hatte er als Rechtsanwalt in Berlin und München gearbeitet, aber die lebenspraktische Orientierung des jungen Mannes konkurrierte mit einer ausgeprägten künstlerischen Neigung. Als Volontär bei dem berühmten Regisseur Fritz Lang entdeckte er seine cineastische Leidenschaft, und schon früh begann er zu schreiben.

"Was ich eigentlich immer wollte ist: Geschichten erzählen, denn mich hat das immer sehr fasziniert, wenn mein Vater Geschichten erzählt hat, wenn der Vater meines Kindermädchens oder das Kindermädchen mir Geschichten erzählt haben; das heißt wenn ich Jura studiere brauche ich Geschichte als zweites Fach, weil Geschichte etwas erzählt. Juristen entscheiden etwas. Dazwischen ist ein Unterschied. Ich habe mir vorgestellt, dass ich ein Jurist werde, bin ja auch einer, und entscheidend ist, es ist nichts Lebensfremdes, sondern es ist eine Bewaffnungsform in unserer Welt. Ich halte es für nötig, sozusagen die realistische Seite, die von meiner Mutter sehr verstärkt ist. Sie kommt aus einer britischen Familie, aus der Gegend von Manchester kommen die Vorfahren, und die sind praxistüchtig ausgerichtet, und ich liebe meine Mutter, also liebe ich auch das Entscheiden. Auf der anderen Seite aber das Erzählen, das entscheidet nichts, sondern beobachtet und gibt wieder, und Erzählen ist eine andere Haltung zur Wirklichkeit, als sie z.B. ein Jurist einnehmen kann."

Aus dieser Leidenschaft, zu schreiben, zu erzählen, die Wirklichkeit auszuzeichnen, ist vier Jahrzehnte später Alexander Kluges "Chronik der Gefühle" geworden, das Opus Magnum des Schriftstellers, erschienen im Jahr 2000, ein umfangreiches Kompendium von Geschichten, die Kluge im Laufe von vier Jahrzehnten geschrieben hatte, über 2000n Seiten. Als "Chronist der Gefühle" kann man ihn bezeichnen, weil es die Gefühle sind, denen er geschichtsbildende Kraft zuschreibt:

"Die Gefühle sind die wahren Einwohner der menschlichen Lebensläufe. Von ihnen kann man sagen, was man von den Kelten (mehrheitlich unsere Vorfahren) gesagt hat: sie sind überall, man sieht sie nur nicht. Die Gefühle beleben (und bilden) die Institutionen, sie stecken in den Zwangsgesetzen, in den glücklichen Zufällen, agitieren an den Horizonten, bewegen sich über diese hinaus bis in die Galaxien. Sie finden sich in allem, was uns angeht."


Hörbuch- und Buchtipps:

Alexander Kluge
Die Pranke der Natur (und wir Menschen)
Das Erdbeben in Japan, das die Welt bewegte, und das Zeichen von Tschernobyl
lieferbar ab 15.02.2012
Kurze Zeit, bevor das Erdbeben die Nordinsel von Japan um vier Meter versetzte, der Ausschlag war bis in die Schweizer Berge zu messen, hatte eine Forschergruppe an der Universität Sendai, die in derselben Präfektur wie das AKW Fukushima liegt, festgestellt, dass 1000 Jahre zuvor, nämlich im Jahre 869, bereits ein ähnlich schweres Beben, gefolgt von einem Tsunami stattgefunden hatte und dass - nach ihren Messungen - alle 1000 Jahre sich ein solches Unglück wiederholt. Wenige Wochen später erschütterten die Ereignisse in Japan die Welt.
Wir Menschen sind auf diesen langen Atem der Natur und auch auf solche plötzliche Gewalt nicht vorbereitet. Es gibt aber menschliche Gemeinwesen und Menschen, die auf die Pranke der Natur achten und auf sie zu antworten wissen. So haben die Holländer ihr Land durch Dämme gegen die mordlustige Nordsee erfolgreich geschützt. Und so sind wir in der Lage, die Zeichen von Fukushima und auch von Tschernobyl wenigstens nachträglich zu lesen

Alexander Kluge
Chronik der Gefühle
14 Audio-CDs
729 Min..
Mit Hannelore Hoger, Sandra Hüller u. a. .
2009 Kunstmann
In der "Chronik der Gefühle" hat Alexander Kluge alle seine Erzählungen versammelt und begreift sie als Einheit: Basisgeschichten und Lebensläufe. Sprachgewaltig und bildhaft, zurückhaltend und elliptisch schildert Kluge Erfahrungen und Begegnungen, die Menschen machen. Was bewegt den Fried hofsgärtner im Zweiten Weltkrieg? Was die junge Chinesin bei einer Internet-Recherche zur europäischen Oper? Worin besteht die Verbindung von fünf Frauen aus der Betriebsküche Harms & Co.? Und wie ambivalent sind die Gefühle einer Frau nach 37 Jahren Ehe? In Alexander Kluges Erzählungen verweben sich persönliche Erlebnisse mit Zeitgeschichte, es geht ihm um das Einzelschicksal genauso wie um kollektive Lebensprogramme. "Die Gefühle", sagt er im Vorwort zu seinem Werk, "sind überall, man sieht sie nur nicht. Die Gefühle beleben (und bilden) die Institutionen, sie stecken in den Zwangsgesetzen, in den glücklichen Zufällen, agitieren an Horizonten, bewegen sich über diese hinaus in Galaxien. Sie finden sich in allem, was uns angeht." Und: "Was die Menschen brauchen in ihren Lebenläufen, ist Orientierung. So wie Schiffe navigieren." Das Hörspiel folgt der Kapitelstruktur der zweibändigen Chronik und erzählt vielstimmig von der Komplexität menschlicher Lebensläufe, von den Handlungsspielräumen und Möglichkeiten jedes Einzelnen, von Scheinveränderungen und realen Metamorphosen. Im Gespräch mit dem Regisseur Karl Bruckmaier reflektiert Alexander Kluge Passagen der Chronik.


Andreas Ammer
Eigentum am Lebenslauf.
Das Gesamte im Werk des Alexander Kluge
1 Audio-CD
2007 Strunz! Enterprises
Alexander Kluge hat in seinem Leben viel erzählt. 'Lebensläufe' hießen die Geschichten, mit denen der spätere Filmemacher und Fernsehgestalter Anfang der 60iger Jahre erstmals als Schriftsteller öffentlich auftrat. Sie seien 'teils erfunden, teils nicht erfunden. Zusammen ergeben sie eine traurige Geschichte.' Als am Ende des Jahrtausends dann Kluge sein 'summum opus', die vieltausendseitige 'Chronik der Gefühle' vorlegte, so trug deren zweite Hälfte immer noch den gleichen lakonischen Titel: 'Lebensläufe'. Zusammen ergaben die Geschichten die traurige Geschichte des 20. Jahrhunderts (beginnend mit dem Urknall). Noch viel mehr hat sich Alexander Kluge in seinem Leben aber erzählen lassen: In seinen TV-Magazinen ist er der geduldige Zuhörer, ein elektronischer Sokrates, der jeden seiner Gäste bis an die Grenze des erträglichen davon erzählen lässt, was ihr Leben und die gesamte Welt im Innersten zusammenhält.


Alexander Kluge
Das Labyrinth der zärtlichen Kraft, m. DVD
166 Liebesgeschichten.
2009 Suhrkamp
Es gibt keine menschliche Eigenschaft, die älter und fürs Überleben notwendiger ist als die Liebe. Wer liebt, sagt man, ist verkauft mit Haut und Haar. Zugleich ist Liebe, so heißt es in Bizets Carmen, "frei wie ein Vogel". Wie verschieden ist sie von anderen guten Dingen, von ruhiger Freundlichkeit, unerschütterlicher Ruhe, Vertragstreue und von ausgeglichenen Bilanzen! Sie ist ein 'Attraktor , unbezwinglich wie die Gravitation, nach der die Sterne tanzen. Zugleich aber der dunklen Energie ähnlich, die uns in eine unbekannte Zukunft vorwärtstreibt. In diesem Labyrinth der Gegensätze kann man sich verirren. In Zeiten der Not und der Finanzkrise versammelt sich die zärtliche Kraft an deren Gegenpol im Erzählten. Denn sie besitzt ihre ganz eigene Ökonomie.

Die meisten der hier versammelten 166 Liebesgeschichten sind längst geschrieben. Sie verbargen sich bisher in den 2000 Texten von Alexander Kluge. "Basisgeschichten" war einer ihrer Namen. Nun ordnen sie sich thematisch neu und in Gesellschaft neuer Geschichten und Reflexionen zu einem Flug über die Landkarten der Liebe. Auf einem Hochplateau endet dieser Flug, im Herzen des schönsten Liebesromans der nichtsentimentalen Tradition und einem Kardinaltext der Moderne über Beziehungsökonomie: der Princesse de Cleves der Madame de La Fayette.

Mit einer DVD - Nachrichten vom Tausendfüßler. Mehr als 20 zum Teil unveröffentlichte Filme, Länge etwa 150 Minuten


Alexander Kluge wurde am 14. Februar 1932 in Halberstadt geboren. Er studierte in Marburg und Frankfurt/Main Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik. Nach seiner Zulassung als Rechtsanwalt absolvierte er ein Volontariat bei dem Filmregisseur Fritz Lang und betätigte sich mit Erfolg als Filmemacher und literarischer Autor. Er erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den Deutschen Filmpreis 2008 (Ehrenpreis).
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Kluges Fernsehen
Alexander Kluges Kulturmagazine.
Hrsg. v. Christian Schulte u. Winfried Siebers
2002 Suhrkamp
Alexander Kluges Kulturmagazine unterscheiden sich von allem, was es sonst im Fernsehen gibt. Ohne Rücksicht auf Einschaltquoten und frei von redaktionellen Zwängen hat Kluge eine eigene Formensprache entwickelt, die seine Fernseharbeiten gleichberechtigt neben seine Filme und seine literarische Prosa stellt. Der vorliegende Band informiert umfassend über Techniken, Themen und Hintergründe von Alexander Kluges Fernseharbeit und enthält überdies Nachschriften von vier exemplarischen Interviews.



Alexander Kluge, Joseph Vogl
Soll und Haben
Fernsehgespräche.
2009 diaphanes
"Der Hypochonder ist ein Beamter der körperlichen Schmerzen.""Die Lösungen liegen immer auf offener Straße, im Verkehr.""Mein Körper ist ein Zeitschwamm, ein Zeittümpel."Sätze wie diese beginnen beim Lesen zu flimmern und entwickeln eine Eigendynamik; an ihnen stockt das Gespräch, wird atemlos, bewegt sich am Holzweg vorbei oder schlägt um. Seit fünfzehn Jahren ist der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl immer wieder zu Gast in Alexander Kluges im wahrsten Sinne des Wortes merkwürdigen Kulturmagazinen für das deutsche Privatfernsehen, die zu sonderbaren Sendezeiten kurz vor Mitternacht den zerstreuten Zappe regelmäßig innehalten lassen. Eine Auswahl dieser Gespräche liegt nun erstmals in Buchform vor. Ob Vogl über Amoklauf spricht, über den Zusammenhang von Dichtung und Bürokratie, über Kapitalismus in Ostindien, über Kafka und Deleuze, politische Tiere, Schmerz und Zaudern - immer wieder kommen seine Ansätze Kluges Passion entgegen, Gegenstände ins Fernsehen zu holen, die dort gewöhnlich keinen Platz finden.


Auszug aus dem Manuskript:

Die Form von Kluges Kulturmagazinen ist eigenwillig, sie unterscheiden sich wesentlich vom üblichen Abbild-Fernsehen. Schin durch einen flüchtigen Blick kann man feststellen, dass eine Sendung von Alexander Kluge läuft. Es gibt Untertitel, die mitlaufen, verfremdete Dokumentaraufnahmen, Fotos, Überblendungen, Texte, den Einsatz von Titeln - formale Verfahren, die Kluge auch in seinen Büchern benutzt, die oft auf Fotos verweisen und wesentlich auf dem Prinzip der Montage beruhen, Überschriften und Vorworte zwischenblenden.

"Also man kann sagen, es gibt Avantgarde und es gibt Arrieregarde, es ist wichtig eine Nachhut zu haben und eine Vorhut zu haben. Die normale Truppe läuft von selbst. Die Formen - ich bin sehr konservativ in den Formen. Wir haben meinetwegen die Debris-Kamera von 1921. Die meisten optischen Wirkungen, die ich da produziere, kommen daher, aus dem frühen Film. Dass Titel in einem Film vorkommen sollen oder können, liegt am Stummfilm. Ich glaube nicht, dass der Tonfilm eine ganz große Errungenschaft ist, er hat sich nur dem Theater angenähert, hat die unabhängige Ausdrucksform des Films eher gelähmt. Also wende ich diese alten Formen gerne an. Warum soll ich nicht was lesen während ich was sehe? Die Montage selbst, da ist bei mir immer der Schnitt kenntlich gemacht. Also es gibt die ganze Schule im Film, man muss die Realität nachahmen. Sie sagten Abbild-Realismus, Naturalismus, so natürlich sein wie die Natur. Aber es ist doch gar keine Natur, es ist zweite Natur im Fernsehen und deswegen soll man ruhig kenntlich machen, wann man eingreift. Und das fällt allerdings auf, weil die Mode ist anders, und die Tradition der Montage ist aber so, wie ich sie mache. Die Mode ist anders, aber die wirkliche Montage im Film beruht darauf, dass eine Einstellung autonom ist , eine andere ist auch autonom. Und warum soll ich nicht zwei Autonomien kenntlich halten indem ich die Grenze zeige? Manchmal entsteht dadurch ein drittes Bild. Die Erfahrung habe ich gemacht, dass oft Zuschauer etwas sehen, wenn Sie gute Montage machen, starke Montage, ein drittes Bild sehen, Epiphanie - Sie sehen ein Bild, das im Film gar nicht vorkommt, das ist guter Film, gute Medizin. Also anders gesagt, unsichtbare Bilder, sichtbare Bilder verkehren miteinander. Manchmal muss ich das Bild unsichtbar halten und durch Schrift ersetzen, wenn ich zum Beispiel 'Ein Liebesversuch' verfilme, das ist ein Film über eine Szene in Auschwitz, dann habe ich eine Scheu das in Bilder zu legen, dann ist es besser, in Schrift darüber zu berichten. Dann stellt man sich es nämlich vor während beim Abbild denkt man, man hätte es direkt vor sich, das kann man gar nicht vor sich haben! Also es ist eine Menge von dem was unter Gaus mich unterrichtet hat, mich gelehrt hat, was man im Fernsehen alles tun muss um sozusagen direkte Erfahrung auch im Medium der indirekten Erfahrung zu verteidigen, festzuhalten. Und dazu müssen Sie kleine obstacles, kleine Hindernisse auch einbauen, aber das ist kein Stil sondern es ist ein Protokoll der Schwierigkeiten direkte Erfahrung noch zu ermöglichen in einem Medium, das grundsätzlich auf Verwandlung von aller direkten Erfahrung in indirekte beruht."

Als Interviewer ist Kluge die Stimme aus dem Off; ein Fragender wie Sokrates, der die Hebammenkunst beherrscht, beim Gegenüber Einsichten zu entbinden. Dabei hat Kluge einige Gesprächspartner, die er mit Vorliebe vor die Kamera lädt, zum Beispiel die Soziologen Oskar Negt und Dirk Baecker. Auf einer DVD-Produktion, die in der Filmedition Suhrkamp unter dem Titel "Die Früchte des Vertrauens" erschienen ist, spricht er mit den beiden über "Die Unruhe des Geldes", ein Versuch, die aktuelle Finanzkrise zu verstehen.

In Kluges Buch "Geschichten vom Kino" ist auch von der Krise des Kinos die Rede, vom Sterben der Programmkinos, aber auch die Dominanz der Serien im Fernsehen. Ist das Kino altmodisch geworden? Das will Kluge nicht gelten lassen. Das Kino komme nämlich in allerlei anderer Gestalt wieder. Eine so gute Erfindung wie das Kino, meint Kluge, machten die Menschen nicht, um sie anschließend wieder vollständig zu verlieren. Aber wie sieht die Zukunft des Kinos seiner Ansicht nach aus? Wo sind Zeichen des Neuen, die die Transformation des Kinos anzeigen? Welche Chancen gibt der Filmemacher den neuen Medien Internet und DVD und dem Netzwerk von Youtube?

"Ich bin ja kein Wahrsager. Aber ich weiß, wie das Kino einmal entstanden ist, also wie, 1902 meinetwegen, Ein-Minuten-Filme entstehen, in Coney Island, also mitten auf dem Jahrmarkt. Und wie das dann nach New York vordringt, und dann plötzlich, wie durch Zauberkraft, magnetisiert das Zuschauer in ungeahnter Weise. Diese Bewegungen sind alle spontan, die kann, Gott sei dank, keiner planen. Und auch ich kann die natürlich nicht planen. Ich bin ziemlich überzeugt, dass wenn Sie MyTube nehmen, dann ist hinter den Zweipunktnull ein Dreipunktnull. Und das ist die Stelle, wo sich, nachdem sozusagen alles mal selbsttätig war, diese Selbsttätigkeit wieder so ein bisschen selbst fokussiert. Also wo man so in einen Hafen einfährt, wo auch Leuchttürme stehen, und nicht reiner Atlantik herrscht. Da, glaube ich, gibt's wieder diese Formen. Sie werden aber nicht 90-Minuten-Filme sein. Sie werden mindestens, in der Anfangsphase, und diese Anfangsphasen sind immer Glücksfälle, ein bis neun Minuten lang sein. Innerlich, im Subtext, hängen sie zusammen, emotional hängen sie zusammen. Und wenn man sie gemeinsam vorführt, werden das zehnmal neun Minuten, dann sind's wieder 90. Aber es handelt sich nicht um eine Vorstellung, weil hier keine Kasse da ist, an der Karten verkauft werden, keine Sitzplätze da sind, das heißt alles, was Kino bedeutet, wäre hier anders. Trotzdem ist es kein Kino nur zum Zusammensuchen, sondern es ist eher so, dass in nährstoffarmen Meeren die Korallenriffe dasjenige sind, wo sich das Leben erhält; solche Korallenriffe werden die künftige Form sein, in der Medien überhaupt existieren. Es sammelt sich ja auch in MyTube plötzlich eine Gruppe ganz verschienartiger, unvereinbarer Temperamente. Und das nennt man hinterher Kino. Oder das nennt man später ein Ereignis. Aber wie so ein Pulk von Neuem entsteht, von Ausdrucksfähigkeit entsteht, das wird sich immer wieder wiederholen. Und auch Rosselinis Aufbruch, 1945, ist nichts anderes als so eine fusionierende Gruppe, die sich plötzlich zusammenschließt, und auf der anderen Seite jetzt ein Interesse hat, von Zuschauern. Sie können nicht ausschließen, dass im Moment, gerade am Amor, wo China und Russland, also Sibirien aneinanderstoßen, genau so ein Kinozentrum entsteht. Oder dass dies in einem Medium, das eben nicht so berühmt ist wie MyTube, schon längst entstanden ist. Und das wäre ja die Dummheit von uns anderen, das wir's nicht sehen. Ich glaube aber, dass die Welt, als Medium, als Erzählmaschine, um den Planeten herum, reicher ist, als wir meinen. Dass also das Kino, die Fortsetzung des Kinos, längst erfunden ist."

Alexander Kluge
Geschichten vom Kino
Suhrkamp Verlag 2007
Seit etwa 120 Jahren rattern die Kinoprojektoren, geräuschvoll und unaufhaltsam. Die Filmgeschichte ist jung. "Sie ist nicht älter", sagt Alexander Kluge, "als meine Großmutter mütterlicherseits." Die 120, zum überwiegenden Teil neuen Geschichten dieses Buches sind literarische Erzählungen in der kurzen und gewohnt lakonischen Art des Autors Kluge. Zugleich aber zeigen diese Geschichten die tiefe Zuneigung, die den Regisseur Kluge über mehrere Jahrzehnte seines Berufslebens (beinahe die Hälfte der Filmgeschichte) mit dem Filmemachen verbunden hat.
Die Geschichten handeln davon, wie die Kamera erfunden wurde, und von dem Elan, mit dem sich die Menschenmassen das frühe Kino aneigneten. Es wird gezeigt, wie der Film alles Unheil des 20. Jahrhunderts "getreu", aber "blind" begleitete. Es geht um den Anti-Realismus des Gefühls, mit dem das Kino darauf beharrt, ein "Magazin des Glücks" zu errichten, und wie zäh und fachkundig die Zuschauer darauf achten, daß die Happy-Ends und die Trauer an der rechten Stelle stehen. Erzählt wird vom Filmemachen und von Filmemachern, von der Vielfalt der Grautöne im Schwarzweißfilm und von der Utopie, die im "Prinzip Kino" versteckt ist. Und die nicht untergeht, wenn jüngere Medien das Kino zu überholen suchen.
"Ich halte Kino für unsterblich und für älter als die Filmkunst. Auch wenn die Kinoprojektoren nicht mehr rattern, wird es immer etwas geben, das wie Kino funktioniert." Alexander Kluge

Alexander Kluge
Früchte des Vertrauens
Finanzkrise, Adam Smith, Keynes, Marx und wir selbst: Auf wen kann man sich verlassen? Vier DVDs mit Booklet mit Texten von Alexander Kluge 658 Minuten. Farbe und Schwarzweiß
Filmedition Suhrkamp 2009
Godard sagte über seinen Videoessay Histoire(s) du cinéma, mit dem Medium DVD seien noch ganz andere Dinge möglich. Was man mit den Silberscheiben anstellen kann, demonstrierte Alexander Kluge, nach eigener Auskunft Godards "jüngerer Cousin", mit seinen Nachrichten aus der ideologischen Antike. Andreas Platthaus schrieb damals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die DVD sei genau das richtige Medium für sein Werk, Kluge selbst sieht darin die Möglichkeit einer "extensiven Landwirtschaft des Films". Mit diesen Mitteln setzt er sich nun in seinem neuen Projekt mit den Kollateralschäden der Wirtschaftskrise auseinander. Es geht um den Gegenpol der Krise - das Vertrauen: Was läßt sich für Geld nicht kaufen? Warum ist Vertrauen, das durch Werbung und Geld allein nicht erkauft werden kann, ein Rohstoff notwendiger als Beton oder Öl? Unterstützt wird er dabei vom Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz, von Peter Berling in der Rolle des Tiermehlfabrikanten Fred Eicke, von Dirk Baecker, Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Christian Petzold, Helge Schneider, Josph Vogl und vielen anderen.
Einen Ausschnitt aus Romuald Karmakars Beitrag "Ein Mann unseres Vertrauens: Ralf Otterpohl, Wasserspezialist" finden Sie auf YouTube.

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